Vortrag zur Jahrestagung der DGPA, „Metamorphosen“, 19. November 2005

 

Die Spiritualität des Ausdrucks

 

 

 

Vorweg möchte ich sagen, dass der künstlerische Ausdruck auch bei psychisch kranken Künstlern nicht, wie die Formulierung „Psychopathologie des Ausdrucks“ vermuten lassen könnte, eine Störung darstellt, sondern einen spontanen Impuls zur Heilung.

 

Das biologische Entwicklungsprogramm

Das Ziel der persönlich-menschlichen Entwicklung ist, alles Widersprüchliche und Zwanghafte aufzulösen und ein natürlicher, freier Mensch zu werden.

Etwas im Menschen sucht, die Fesseln abzuschütteln. Es ist ein spontan ablaufender Prozess, eine Art biologisches Entwicklungsprogramm. Auch der künstlerische Ausdruck steht in meinen Augen im Dienst dieses Bestrebens der menschlichen Natur. So etwas hat auch Freud gemeint, als er künstlerischen Ausdruck als eine Sublimation bezeichnete. Allerdings meinte er, es sei eine Art Ersatz für den frustrierten biologischen Trieb, womit er die Frustration des Triebs als dynamische Grundlage der Kultur betrachtet hat.

Aus spiritueller Sicht geht es aber nicht um einen Ersatz, sondern um ein natürliches Bestreben auf eine höhere evolutionäre Stufe der Entwicklung zu gelangen.

Evolution steht immer im Bestreben, neue Lebensräume zu entdecken, aus der Not eine Tugend zu machen, ein Bild der Lösung hervorzubringen und aus diesem Bild die Lösung selbst zu materialisieren.

Der künstlerische Ausdruck steht, wie vieles andere, im Dienst dieser Evolution.

 

Die Grundlage der Kreativität

Der Ausgangspunkt der Evolution ist in der Tat, wie Freud richtig gesehen hat, eine Frustration, die Erfahrung des Ungenügens, des an die Grenzen des Möglichen Stoßens. Nur ist die Kreativität kein Ersatz.

Freud war daran gelegen, die Fesseln einer erstarrten Kultur zu sprengen. Deshalb hat er auf die tierischen Grundlagen des Menschseins verwiesen und die Kreativität als eine tierische Eigenschaft beschrieben.

Heute haben sich die Notwendigkeiten verändert. Heute geht es nicht mehr darum, das Tierische sichtbar zu machen, denn das ist zur Genüge sichtbar geworden durch Sozialwissenschaften, Biologie und die in weiten Bereichen dieses Planeten erschreckenden Lebenswirklichkeiten.

Heute geht es in meinen Augen daher darum, erneut eine neue Perspektive einzunehmen und die vertikale Dimension zu beleuchten, aus der die Kreativität von Anfang an kommt. Eine schöpferische Kraft wirkt ja offensichtlich schon auf der rein physikalischen Ebene und drängt schon da in die Richtung, die dann Lebewesen und schließlich eine reflexive Bewusstheit hervorgebracht hat.

Kreativität ist also nicht erst das Ergebnis tierischer Frustration, sondern jene in allem wirkende Kraft, die von Anfang an ständig Lösungen findet und neue Räume schafft. Es ist die Kraft, eines in allem wirkenden schöpferischen Geists. Alles, was ist, sucht ständig, sich einen Spielraum zu schaffen und wenn dabei es an Grenzen stößt, diese Grenzen zu erweitern. Das ist die zu allen Zeiten wirkende Metamorphose, von der ich sprechen möchte. Natürlich reicht es dafür nicht, allein auf die Umwelt einzuwirken, sondern es ist genauso nötig, auf sich selbst einzuwirken und sich den immer neuen Gegebenheiten anzupassen, wenn es sein muss, durch einen evolutionären Sprung.

 

Der künstlerische Ausdruck im Dienst der Evolution

Auch der künstlerische Ausdruck steht im Dienst der Höherentwicklung des Bewusstseins, das ja nicht nur im Künstler wirkt, sondern auch in der menschlichen Gesellschaft. Deshalb produziert der Künstler ein Medium, mit dem er sich mitteilen kann – eventuell indem er etwas mitteilt, was er selbst gar nicht ganz versteht, das vielleicht ein Ausdruck (nicht ein Produkt!) des gesellschaftlichen geistigen Metabolismus ist. Die Bilder seiner Realität sind aber nicht rein subjektiv, weil er diese Realität doch mit anderen teilt.

Darin liegt die oft therapeutische Wirkung von Kunst. Indem Zusammenhänge der Lebenswirklichkeit in geheimnisvoll symbolischer Weise ausgedrückt werden, können diese im Betrachter das Licht der Bewusstheit herausfordern – so wie auch durch die Träume manches noch nicht Bewusste ins Bewusstsein treten kann, wenn ein Mensch auf sie achtet.

 

Die durch die Kunst ermöglichte Metamorphose

Die Metamorphose, die durch die Kunst ermöglicht wird, ereignet sich also in zwei Bereichen: als Metamorphose des Gesellschaft sowie als Metamorphose des Künstlers selbst in Richtung optimales Gedeihen.

Wenn ein Mensch wie van Gogh trotz seiner Kunst zugrunde gegangen ist und den von ihm ersehnten Spielraum nicht erhalten hat, bedeutet das nicht, dass seine Kunst für ihn vergeblich war, denn gerade durch sein Leiden hat er seinen großen Beitrag geleistet an der Stelle, an der er platziert war. Alles zusammen erst gibt das Ganze und dazu gehört auch die zeitliche Dimension, in der sich sein Geist posthum noch weiterentwickelt und weiter materiell verwirklicht hat – auch im Hinblick auf die Wertschätzung psychisch kranker Menschen.

Ein Künstler steht nicht in seinem persönlichen Dienst, er steht im Dienst des Ganzen. Und das ist die spirituelle Dimension des Künstlerischen.

Ausgangspunkt ist natürlich die persönliche Situation des Künstlers. Der Künstler stellt seine inneren Räume dar mit den Gestalten, die sich darin bewegen samt den Grenzen, an die sie stoßen. Was sich in seiner Darstellung ausdrückt, ist sein Bemühen, diese Gestalten zu erkennen, weil ihn erst das dazu befähigt, seinen Spielraum zu erweitern.

 

 

Heilung als Ziel

Und wohin soll die Reise gehen? Wie kann die Metamorphose aussehen für einen Künstler in der Psychiatrie? Die Kunst selbst kann das Mittel sein, das die Metamorphose bewirkt, und zwar sowohl in Bezug auf sein persönliches Gedeihen wie auch in Bezug auf das Gedeihen der größeren Ganzheit, in der er steht.

Warum wird ein Mensch psychisch krank? Gibt es etwas, das die Störung der Stoffwechselprozesse wieder in Ordnung bringen kann? Wenn das, was einen Menschen auseinander gerissen hat, durch den schöpferischen Prozess überwunden wird, könnte es doch sein, dass der Künstler sogar gesund wird.

Eines der Elemente, das seine Heilung begünstigt, wird auf alle Fälle sein, dass er durch seine gestalterische Tätigkeit seinen Glauben an sich selbst wieder findet und weiter stärkt durch Erfolgserlebnisse. Und weiters, dass er sich dadurch selbst besser kennen lernt. Seine Kunst kann ihm also die Möglichkeit bieten, den Teufelskreis des Verhängnisses zu durchbrechen.

 

Wie ich dazu komme hier darüber zu sprechen

Als Seelsorger im Haus an der Teutoburger Straße machte ich bei einer Ausstellung eines psychisch Kranken Künstlers des Hauses die erstaunliche Erfahrung, dass dem Künstler meine Interpretation seiner Bilder einerseits völlig einleuchtete, aber gleichzeitig auch ganz neu war. Die ganze Fülle der Bedeutungen ist dem Künstler also nicht unbedingt bewusst, aber die Symbolik, die das alles enthält, ist bereits darstellbar. Etwas drängt ans Licht (ähnlich wie im Traum) und die Darstellung ist der Weg des Künstlers zur Bewusstwerdung. Eventuell bringen erst die Rückmeldungen, die er auf seine Darstellung bekommt, ausreichend Licht in das Geheimnis seiner Gestalten. Und aus der auch auf diese Weise wachsenden Klarheit können sich die notwendigen Veränderungen anbahnen. Die Metamorphose hat begonnen.

 

Die folgenden Bilder sprechen die zur Empathie neigende Natur des Menschen an. Sie zeigen die behinderte Sehnsucht und damit implizit schon die verwirklichte Sehnsucht – und es entsteht eine Ahnung von dem Weg dorthin. Diese Verquickung ist das spirituelle Agens der Metamorphose.

 

 

Folgen Sie nun bitte mit mir der Spur der zur Glückseligkeit drängenden menschlichen Natur:

 

 


 

Im ersten Bild sind eine dunkle Sonne zu sehen und davor ein Mensch, der sich nicht entfalten kann. Sie schwarze Sonne, die gleichzeitig ein Spiegel ist verweist auf das Fehlen des Lichts auch im Innern des Menschen – und im Betrachter entsteht eine Sehnsucht und die Frage, wie das Licht wieder zum Leuchten kommen kann – nicht nur der Künstler, auch der Beschauer wird in einem evolutionären Sinn bewegt.

 

 

 

In dem zweiten Bild, das ich vorstellen möchte, hat der Künstler sich gefragt, wie sein von einem Schatten begleiteter Protagonist auf den Boden kommen kann. Er hat dazu das Bild einfach um 90 Grad gedreht, sodass er von der Vertikale, in der er in der Luft hängt, in die Horizontale kommt, in der er Halt hat. Nun hat er Halt, aber die Welt ist verkehrtrum. Doch nun wird das Land zu einem ausdrucksstarken Gesicht, zum kraftvollen Urbild des Protagonisten, mit dem dieser wieder in Kontakt zu kommen sucht, gewissermaßen über die noch glühende Ursuppe des Schöpferischen.

 

 

 

 

Im dritten Bild hängt eine karikierte Gestalt an einem abschüssigen Hang. Innerhalb der Gestalt spielt sich der Grund des Bildes ab, in meinen Augen die Eltern, die einander begehren, aber nicht wirklich zueinander finden und die dieses sich unterworfen und ausgesetzt Fühlen schon genetisch in den Mann übertragen haben, der in diesem Abhang verwurzelt ist. Dass da noch ein ums Überleben kämpfender Baum wie ein Krake steht, verstärkt das Bild der Unwirtlichkeit dieser Welt. Nur eine Blume gibt Hoffnung. Und alles in dem Betrachter schreit nach einem Erstarken der Lebenskraft. Aus diesem Hilfeschrei wächst die Metamorphose.

 

 


 

Das vierte Bild zeigt einen Menschen, der unter der nicht mehr ganz schwarzen Sonne einen Berg fast erklommen hat, der gleichzeitig eine Zielscheibe, ein Auge und gleichzeitig eine Schnecke ist und der ganze Berg ist vielleicht nur ein Frosch. Einer der dargestellten Vögel ist schon versteinert, der Mann schwitzt zwar von seiner Anstrengung, aber er strahlt auch und doch bleibt die Frage, wofür das Ganze, wenn ihn am Ende doch die Geier holen? Wieder diese Frage, die die schöpferische Energie auf den Plan ruft, die Evolution in Gang setzt – so wie die Buddhisten sagen, dass aus der Leere das Neue entsteht.

 

 

In jedem dieser Bilder geht es also um das kreative Kraftfeld, von dem die Metamorphose ausgeht.

 

 

 

 

 

Gottfried Hutter arbeitet seit 1987 als Seelsorger und Therapeut im „Haus an der Teutoburger Straße“, einer psychiatrischen Rehabilitationseinrichtung in München.

Die Bilder stammen von Christian Viehbeck, der zurzeit im „Haus an der Teutoburger Straße“ lebt.

 

 

Weitere Ansätze zur Metamorphose im Großraum Welt:

        Eine Metamorphose dessen, was als Religion gilt, zu finden unter www.salvation.de

        Eine Metamorphose zum Frieden insbesondere unter den drei abrahamitischen Religionen, zu finden unter www.Tempel-Projekt.de