Warum musste Jesus sterben?

Was geschah bei seiner „Auferstehung“?

Und wie soll uns sein Tod erlösen können?

In einer globalisierten Welt ein neuer Blick auf den „Christus“ und die, die ihm nachfolgen – damit das Christentum erneut ursprünglich attraktiv und mit den anderen spirituellen Wegen kompatibel werden kann.

23. 3. 2008

 

 

Warum diese Fragen?

Viele der Antworten, die Christen heute auf die Frage geben, warum Jesus sterben musste, zeigen, dass ihnen das Verständnis der Bedeutung von „Erlösung“ weitgehend abhanden gekommen ist. Fast immer erscheint Jesus als armes Opfer, das die Kontrolle verloren hat: „... irgendwie dumm gelaufen!“

Doch wie sollen sich Menschen von einem Messias erlöst fühlen, der die Dinge nicht unter Kontrolle hatte? Die gewöhnlich gebrauchte Formel, weil er der Sohn Gottes war, der von seinem Vater geopfert wurde, damit dieser uns unsere Sünden nicht länger anrechnen muss, ist heute für die meisten völlig unverständlich. Zumindest für nichtkirchlich sozialisierte Menschen klingt sie wie ein magischer Menschenhandel aus präzivilisatorischer Vorzeit!

Ich will die Frage nach dem Grund für Jesu Kreuzigung daher neu aufrollen und so beantworten, dass Sie als heutige Leser am Ende sagen können: Jetzt verstehe ich, warum das geschehen musste! Und: Jesus ist tatsächlich der Größte unter den Menschen, einfach göttlich! – Aber – aus der Perspektive der anderen Religionen betrachtet, könnten Ihnen deren Stifter zu Recht ebenso als die Größten erscheinen.

Auf diese Weise hoffe ich, das Christentum so darstellen zu können, dass es auch die Anhänger anderer Religionen verstehen – und gleichzeitig die Kluft zu überbrücken, die Exegeten sehen zwischen den ursprünglichen Aussagen Jesu (wie sie in der Sammlung „Q“ erscheinen, die im 20. Jahrhundert aus den existierenden Quellen rekonstruiert wurde) und der Theologie des Apostels Paulus.

 

In jedem Zeitalter wird dieselbe Wirklichkeit anders dargestellt

Zunächst ist es wichtig dies anzumerken: Wenn Jesus und die anderen Autoren der Bibel die Begriffe zur Verfügung gehabt hätten, die wir heute gebrauchen, dann hätten sie vieles ganz anders gesagt, aber sie waren auf die Terminologie ihrer Zeit angewiesen. Das Gleiche hat natürlich auch schon vor 2000 Jahren gegolten, etwa für die Unterschiede in den Ausdrucksmöglichkeiten zwischen Abraham und Jesus. Und das war ein wesentlicher Grund dafür, warum Jesus gesagt hat, Abraham hätte sich glücklich geschätzt, wenn er die Zeit hätte sehen dürfen, in der Jesus lebte. Dann wäre er beispielsweise mit Sicherheit nicht auf die Idee gekommen, seinen Sohn zu opfern – denn diese Idee ist logischerweise nur möglich in einer Kultur, die Menschenopfer kennt. Die Aussage des Apostels Paulus, dass die Frau in der Kirche zu schweigen habe, ist nur möglich in einer patriarchalisch geordneten Gesellschaft. Und auch die Rede Jesu von einer dämonischen Besessenheit ist nur unter Menschen denkbar, die eine animistische Weltsicht teilen.

Obwohl das Denken sogar in unserem aufgeklärten Zeitalter nicht ganz frei ist von solchen Anschauungen, werden die meisten Menschen unserer Kultur sie nicht mehr verstehen. Es genügt bei der Interpretation der Heiligen Schriften daher nicht, historisch korrekt zu sein – es ist nötig hinter die buchstäbliche Bedeutung der historischen Formulierungen zu blicken, ihren Geist zu erfassen und diesen Geist mit den Ausdrucksmöglichkeiten der Gegenwart wiederzugeben – und damit meine ich nicht „zeitgeistkonform“, sondern den heute lebenden Menschen verständlich.

 

Auf diese Weise kann in unserer Zeit der Globalisierung ein ganz neues Verständnis gefunden werden nicht nur des Christentums, sondern auch der anderen Religionen, deren grundlegende Texte ebenso in einer weit zurückliegenden Kultur formuliert worden sind. Damit kann jede Religion ein Selbstverständnis erreichen, das mit den Selbstverständnissen der anderen Religionen kompatibel ist – und das ist angesichts der gegenwärtigen interkulturellen und interreligiösen Spannungen dringend geboten.

 

Einen zweiten ganz wesentlichen Schlüssel zu unserem neuen Blick bietet der Evangelist Markus. Während das gewohnte christliche Bild der Auferstehung nämlich von einem quasi physischen Wiedererscheinen Jesu ausgeht, überliefert Markus, trotz reichen, anders lautenden Quellenmaterials keine einzige Geschichte einer Erscheinung des auferstandenen Christus. Historische Forschungen zeigen, dass die Auferstehungs-Erzählungen der anderen Evangelisten stark von hellenistischen Entrückungsvorstellungen beeinflusst sind, dass sie also bereits eine der hellenistischen Kultur angepasste Interpretation des realen Geschehens darstellen, auf die Markus, aus welchen Gründen auch immer, verzichten wollte. Deshalb werden wir in unserer Auseinandersetzung mit den Ereignissen um den Tod Jesu die übliche Sicht von Ostern möglicherweise in Frage stellen müssen. Und in Zusammenhang damit muss auch die Bedeutung der dogmatischen Formulierungen über Jesus, die daraus abgeleitet worden sind, neu durchdacht werden.

 

 

Was wollte Jesus?

Ich werde im Folgenden versuchen, die Bilder, die Jesus für das von ihm angestrebte Ideal gebraucht hat, mit den Bildern zu verknüpfen, die wir heute verwenden.

 

Jesus hatte einen Traum: „Das Reich Gottes“ und die ganze Menschheit vereint unter dem himmlischen „Vater“ – ein Bild, in dem jeder so sehr von Vertrauen und  Mitgefühl erfüllt ist, dass Sorgen keinen Platz haben.

Doch in seinem Traum sah er auch die Kräfte, die dagegen wirken, nämlich die menschliche Angst und die daraus resultierende Überheblichkeit.

Er wusste daher, dass es mutige, rückhaltlos vertrauende Menschen braucht, damit das Reich Gottes Wirklichkeit werden kann. – Dass ich hier das Wort „Vertrauen“ verwende und nicht das gewohnte „Glauben“, liegt daran, dass sich das Wort „Glauben“ abgenutzt hat und die Intention Jesu in mancher Hinsicht nicht mehr ausreichend trifft.

 

Jesus wusste auch, dass sein Traum vom Reich Gottes der tiefsten Sehnsucht eines jeden Menschen entspricht, und damit seiner innersten Wahrheit, und dass in jedem Menschen auch die Fähigkeiten schlummern, diesen Traum – zumindest für sich selbst – Wirklichkeit werden zu lassen. Der „Vater“, der das ganze Universum hervorgebracht hat, hat ja, gemäß Genesis 1,26, jeden Menschen „nach seinem Bild“ geschaffen: nicht als ein ohnmächtiges Bruchstück, sondern als ein kleines Ganzes der allgewaltigen schöpferischen Kraft. Daher ist das, was Menschen möglich ist, viel gewaltiger als die meisten glauben. In den Worten Jesu: Wenn jemand der großen Schöpferkraft vertraut, die ihn beseelt, kann er buchstäblich Berge versetzen [Mt 17,20].

 

Doch trotz dieses phantastischen Potentials gibt es keinen Grund zu Größenwahn – einer der Gefahren auf dem Weg der Suche nach der inneren Wahrheit –, denn die Erlösung, die im Reich Gottes erfolgt, besteht nicht in grandioser Selbstverwirklichung, sondern gerade im Aufgeben der Selbstüberhebung [Mt 20,26], die letztlich nur in der Angst, zu kurz zu kommen, gründet.

Charakteristischerweise liegt die etymologische Wurzel des deutschen Begriffs „Sünde“ im „Sich Ab-sond-ern“, also in der Absonderung des Teils vom Ganzen. Durch ihr sich Absondern und sich Überheben erhoffen die Menschen, sich gegenüber den Anderen Vorteile verschaffen zu können – was oft auch gelingt, aber mit äußerst negativen Nebenwirkungen: Denn dazu müssen sie sich vom Mitgefühl abschneiden – und ernten dafür ein Gefühl der Entfremdung, von dem sie dann erlöst werden möchten. Logischerweise kommt die Erlösung aus der erneuten Unterordnung des Einzelnen unter den „Willen des Vaters“, also aus dem, was gut ist für das Ganze.

 

In biblischer Sprache: Die Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ist verloren gegangen, weil die Menschen, um ihre Angst zu übertönen, selbst sein wollten wie Gott. Anstatt sich damit zu begnügen, dass sie bereits ein vollständiges Bild des Ganzen waren, separierten sich die Teile vom Ganzen und stellten sich ihm gegenüber. Dadurch schwand die Wahrnehmung dessen, was gut ist für das Ganze; die Wahrnehmung wurde eingeengt auf die isolierten Interessen des Teils.

Ein separates Ich präsentiert dann jenes Bild von sich, das die alten Griechen „Persona“, d.h. „Maske“ genannt haben – ein Begriff, der heute in der humanistischen Psychologie wieder auftaucht, nicht zu verwechseln mit dem theologischen Begriff der „Person“. Das Wirken dieser Maske können wir tagtäglich beobachten, wenn Menschen sofort die Fehler der anderen sehen, aber nicht ihre eigenen, weil die ja nicht in ihr Selbstbild passen. Das, was die Menschen gewöhnlich „Ich“ nennen, ist diese „Persona“. Die Identifikation mit ihr ist so mächtig, dass es gewöhnlich einen „Weltuntergang“ braucht, d.h. das Zerbrechen der Maske, bevor die ihrer Natur entfremdeten Menschen bereit sind, sich wieder als Teile des Ganzen zu sehen, bevor sie als „Mitglieder im Reich Gottes“ „wiedergeboren“ werden können. Dann sind sie gewissermaßen gestorben und das Ebenbild Gottes in ihnen ist lebendig geworden. Davon hat Jesus in vielen Varianten gesprochen.

Sich und seine Nachfolger hat er gewissermaßen als Helfer auf dem Weg zu dieser Transformation gesehen. Als „Menschenfischer“ sollten seine Jünger diejenigen aus dem Chaos der Entfremdung herausziehen, die dafür bereit waren, die reif waren zur „Wiedergeburt“.

 

Die Wiedereinsetzung ins Paradies geschieht durch die Öffnung des Herzens.

Um dazu imstande zu sein, mussten die Helfer den Prozess der Transformation selbst bereits durchlaufen haben. Und dann mussten sie diesen Prozess in anderen in Gang setzen, indem sie einen Samen säten, der wirkte „wie Sauerteig“, der also das Starre der Maske (der „Persona“) durchdrang, sodass “der Mensch“, also „das Ebenbild Gottes“, dahinter erscheinen konnte. Die äußerliche Religion allein konnte das nicht leisten, denn die äußerliche Religion wird weitgehend von den gleichen Mechanismen beherrscht wie die Maske, nämlich vom äußeren Anschein, vom Brauchtum, von sozialen Regeln und von den Moden des Zeitgeists. Allzu oft fehlt „der Geist“. Regeln allein führen noch nicht ins Reich Gottes. So sagt es auch Jesus.

Obwohl Jesus beispielsweise vom „Gebot“ der Nächstenliebe spricht, resultiert echte Nächstenliebe für ihn nicht so sehr vom Befolgen dieses Gebots, sondern eher von der Achtsamkeit auf die in der menschlichen Natur bereits angelegte Öffnung zum Ganzen hin, das er „Reich Gottes“ nennt. Nichts zeigt das deutlicher als das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, in dem gerade die Experten für die Regeln dem mitmenschlichen Anspruch nicht entsprechen können.

Der gleichen Linie seiner Betrachtung der menschlichen Natur folgend hat Jesus das Reich Gottes auch nicht gepredigt, um die sozialen Ungleichheiten zu beseitigen, wie nicht wenige heutige Theologen annehmen – obwohl eine größere soziale Gerechtigkeit zweifellos eine seiner Folgen sein wird. Er intendierte „nur“ die Reintegration der Teile in das Ganze, aber nicht durch die Verschmelzung der Individuen ins Kollektiv wie im Kommunismus oder bei den „Borg“ der Science Fiction Serie „Star Trek“. Er wollte (wie in Mt 19,8) „das verhärtete Herz“ der Individuen, also die „Persona“, wieder durchlässig machen, damit die Menschen wieder fähig werden, einander wahrzunehmen und zu lieben. Um diesen Transformationsprozess zu starten, braucht es, wie schon gesagt, Samen und Sauerteig und Menschen, die den Prozess bereits durchlaufen haben, als Helfer auf dem Weg, der schließlich über das Ende der alten Welt zu einem neuen Leben oder zur „Wiedergeburt“ als Kind Gottes führt (Joh 1,12).

 

Auch die gesellschaftliche Entwicklung ist vom Reich Gottes betroffen

Die Gesellschaft ist nie perfekt. Manche Individuen werden daher zu jeder Zeit in sich eine Sehnsucht nach Veränderung erkennen und daraus entsteht in ihnen ein Traum, der einen Prozess in Gang setzt, der letzten Endes das Ganze in einem evolutionären Sinn voranbringt. Auf der persönlichen Ebene nimmt dieser Traum die Form einer persönlichen „Berufung“ an: Wie durch eine Art „göttlicher Schnittstelle“ drängt die schöpferische Kraft das Individuum, seinen Traum von einer besseren Welt zu verwirklichen. Gewöhnlich ist dieser Traum aber zunächst vermischt mit egoistischen Interessen. Von solchen, die ihre „Berufung“ ernst nehmen, wird er jedoch geklärt zu einer echten spirituellen Lösungsvision auch für anstehende gesellschaftliche Probleme.

Die meisten der unter ihrer Entfremdung leidenden Individuen erleben diesen Traum als ein Lösungsbild für die Widersprüche, die sie erleben. Sie unterstützen daher seine Verwirklichung. Gleichzeitig werden natürlich diejenigen Kräfte, die von der Absonderung profitiert haben oder weiter profitieren würden, dagegen arbeiten. Gerade dadurch aber verstärken sie, ohne es zu wollen, die Widersprüche so sehr, dass sich die Kräfte, die nach Einheit streben am Ende gemeinsam durchsetzen werden – so wie der Seher Johannes es in seiner Offenbarung angesprochen hat.

 

Die Wiederherstellung des Paradieses

Die Einordnung in das Ganze wirkt sich auf die sich einordnenden Teile durchweg positiv aus: Sie, die ja selber kleine Ganzheiten sind, werden dadurch heil und sie erleben ein zuvor noch nicht gekanntes Gedeihen. Es geschieht also eine echte Wiedereinsetzung ins „Paradies“.

Allerdings kann die persönliche Berufung – wie die Geschichte Jesu und seiner Nachfolger zeigt (und ähnliches ist bekannt von Erleuchteten aller Kulturen) – auch beinhalten, dass ein Mensch, der bereits ein bewusstes Glied im „Reich Gottes“ ist, Lasten zu tragen hat, die andere nicht tragen könnten. Ihr Beispiel zeigt dann, dass der Himmel sogar inmitten einer äußeren Hölle erfahren werden kann.

„Das Reich Gottes ist in eurer Mitte“, sagt Jesus, es ist „in unserem Herzen“. Das Paradies ist also nicht etwas Äußerliches, sondern eine Sache der inneren Einstellung, genauer, es entspringt nicht einer menschlichen, sondern der göttlichen Sicht der Welt.

 

Was das optimale Gedeihen behindert und was das Hindernis überwindet

Das einzige Hindernis zu optimalem Gedeihen ist das Nichtakzeptieren des Gegebenen – oder in der Sprache Jesu: das Ablehnen des Willens Gottes. Manchmal glauben wir, wir könnten die Bedingungen, unter denen wir uns vorfinden, nicht akzeptieren, weil uns Vertrauen fehlt, weil wir uns ärgern, fürchten, weil wir zweifeln oder weil wir Schuld auf uns geladen haben – eben weil wir in der Entfremdung leben, im Zustand der Abspaltung des Teils vom Ganzen. Jesus hat daher einen konkreten Weg gezeigt, sich von der Entfremdung zu befreien und das Vertrauen wiederzufinden, wie er es sagt, in die grenzenlose Barmherzigkeit und Macht „des Vaters“.

Damit betroffene Menschen Zuversicht und Vertrauen wiederfinden können, ohne einen Weltuntergang durchmachen zu müssen, müssen sie von sich aus umkehren und ihre Wege ändern. Das beginnt damit, dass sie den Willen Gottes akzeptieren, d.h. dass sie zuerst ihr eigenes Schicksal vollständig annehmen. Durch ihre Selbstannahme wird ihnen erst klar, was Menschsein bedeutet. An dieser Stelle sterben die Illusionen. Es stirbt ihr sich absonderndes Ich und dadurch werden sie fähig, ihre Herzen einander zu öffnen. Am Punkt der Umkehr verstehen sie: wenn sie einen Teil von Gottes Schöpfung ablehnen, lehnen sie ihre eigene Natur ab, sie lehnen das Leben selbst ab, auch in sich selbst.

 

Wie Jesus das Paradies wiederherstellt

Durch ihre Umkehr lernen die Menschen, dem Willen Gottes ihre ganze Aufmerksamkeit zu schenken; damit gliedern sie sich wieder ein ins Ganze, ins „Reich Gottes“. Das macht den entscheidenden Unterschied.

Wenn sie für das Reich Gottes leben, werden die Menschen den Himmel schon auf Erden finden. Das war Jesu frohe Botschaft.

 

Mit anderen Worten: Das Paradies geht verloren, weil die Menschen ein vom Ganzen separiertes Bild von sich erzeugen, ihr Ego, ihre Persona, ihre Maske. Dadurch erleben sie sich als vom Ganzen getrennt und entfremdet. Für die Erlösung aus der Entfremdung ist die Auflösung der „Persona“ notwendig – die wiederum ihren Ursprung hat in der Angst, zu kurz zu kommen. Die Auflösung der Persona ist ein schmerzhafter Prozess, denn obwohl die Persona nicht real, sondern nur eingebildet ist, identifizieren sich die Menschen mit ihr. Sich davon zu lösen, bedeutet für sie daher eine Art Tod. Damit es ihnen leichter fällt, diesen virtuellen Tod auf sich zu nehmen, hat Jesus sein physisch-reales Leben hingegeben. Und damit ist er zu einem Erlöser der Menschheit geworden, wie es keinen zweiten gibt.

Mit seinem Tod hat er den existentiellen Transformationsprozess, den er „Wiedergeburt“ genannt hat, in den Aposteln zur Vollendung gebracht. Sein Tod hat sie radikal verwandelt – und noch Jahrtausende später verwandelt er immer noch Menschen, indem er ihnen – also uns – vorführt, wie weit ein ins Reich Gottes zurückgekehrter, ein zu sich selbst gekommener Mensch gehen kann, ohne sich zu verlieren. Mit seinem Tod hat Jesus allen, die sich von ihm berühren lassen, jede Angst genommen. Damit hat er allen die Möglichkeit gegeben, zum vollen Bewusstsein ihrer göttlichen Natur zu erwachen und in jeder Hinsicht seine Nachfolge anzutreten.

 

Komplikationen auf dem Weg: spiritueller Materialismus und das fehlende Bindeglied zwischen Jesus und Paulus

Das zu verstehen, wirft ein heilsames Licht in die Verwirrung, die dadurch entstanden ist, dass einige der ersten Christen eine baldige äußerliche Wiederkunft Christi erwarteten, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass die Wiederkunft Christi in Form eines radikalen existentiellen Verwandlungsprozesses geschehen könnte.

Doch genau dieser existentielle Verwandlungsprozess ist das „missing link“, das das Wirken Jesu mit der Lehre des Apostels Paulus verbindet. Manche Interpreten meinen ja, dass es Paulus praktisch nur noch darum geht, zu sagen, dass Jesus der Erlöser ist und dass er sich um die Lehre Jesu selbst dagegen kaum noch kümmert. Sie konstruieren daraus einen Widerspruch, obwohl für Paulus doch klar ist, dass jeder, der begreift, was Jesus getan hat, automatisch so lebt, wie Jesus es gewollt hat, weil er durch sein Begreifen zu einem Mystiker geworden ist.

Dass Theologen das nicht verstehen, sondern von einem „missing link“ sprechen, liegt an einem im Grund in allen Religionen verbreiteten materialistischen Missverständnis, das auch im Christentum von Anfang an da ist und das den Blick auf die sowohl von Jesus als auch von Paulus dargestellte mystische Einheit verbaut.

Zu Lebzeiten Jesu hat sich dieses materielle Missverständnis des „Reiches Gottes“ in der Erwartung eines politischen Messias ausgedrückt und in absoluter Gesetzesfrömmigkeit. Bei den meisten wirkte beides zusammen und auch der Effekt beider Richtungen ist heute noch ähnlich: Eine äußerliche Machtdemonstration soll geschehen, damit sich die Entfremdeten die Arbeit an sich selbst ersparen können oder damit sie für ihre bereits geleisteten Anstrengungen „offiziell“ entschädigt werden oder damit diejenigen, die ihre Frömmigkeit belächeln, bestraft werden. Von einer Re-Integration ins Ganze ist da nichts mehr übrig, im Gegenteil, die einen werden gegen die anderen ausgespielt.

Nach Jesu Tod und Auferstehung hat sich das materialistische Missverständnis in die Erwartung seiner baldigen Wiederkehr gewandelt. Materialistisch ist diese Erwartung deshalb, weil es dabei wieder um ein äußerliches Ereignis geht, und nicht um die geistige, persönliche Verwandlung, die Jesus intendiert hatte und in der allein er (innerlich) wieder lebendig werden kann.

Und auch heute begegnet uns dieses Missverständnis in der Erwartung einer äußerlichen  Veränderung: in der Forderung nach politischer Revolution und im religiösen Fundamentalismus.

Die erste Variante beruht auf einer aus der Aufklärung stammenden säkularisierten Sicht der Religion, die auch wieder auf die Religion zurückwirkt. In der aufgeklärten Sicht wird angenommen, der Sinn der Religion bestehe allein darin, den Menschen an seine sozialen Pflichten zu erinnern. Der Aufklärer Kant drückt das aus in seinem kategorischen Imperativ. Der Kommunismus war eine der herausragendsten Konsequenzen der säkularen Sicht der Religion. An die Stelle des „Reiches Gottes“ rückt hier das mit staatlicher Gewalt durchgesetzte gemeinschaftliche Eigentum. Eine der theologischen Rückwirkungen auf die Religion ist die heute tief in die allgemeine christliche Verkündigung hineinwirkende „Befreiungstheologie“. Die Wurzeln der Befreiungstheologie liegen zwar in der Intention Jesu, die Menschen über ihr Mitgefühl zu solidarischem Verhalten anzuregen, einige ihrer Anhänger sind dann aber, jenseits des Mitgefühls, für äußerlich sozialistische Gesellschaftsreformen eingetreten – und genau das prägt heute, zumindest in Europa, ganz wesentlich, nahezu gehirnwäscheartig, das Flair der „christlichen“ Diskussion sozialer Politik. Dass Paulus den Sklaven rät, nicht ihre Freilassung anzustreben, ist für diese christlichen Aktivisten völlig jenseits des Vorstellbaren.

Der andere Strang des spirituell materialistischen Missverständnisses operiert nicht weniger gehirnwäscheartig. Er besteht in einer Abwehrreaktion gegen die säkulare Interpretation und wird gewöhnlich als „Fundamentalismus“ bezeichnet. Seine Anhänger, seien es protestantisch-evangelikale Sekten oder auch katholische „Charismatiker“, nennen sich selbst gewöhnlich „wiedergeboren“ und glauben, sie wären durch den Transformationsprozess, den Jesus angesprochen hat, hindurchgegangen – und tatsächlich könnte man sagen, dass sie durch die Veränderungen, die sie in ihrem Leben vorgenommen haben zu „Gerechten“ im Sinn des Gesetzes geworden sind. Dass Paulus ihnen sagt, durch ihre Rückkehr zum Gesetz würden sie die Erlösung verspielen (Gal 5,5), würden sie wohl kaum verstehen. Das liegt daran, dass viele von ihnen auch die Aufforderung Jesu zur „Umkehr“ nicht ganz verstanden haben: Sie haben nur eine Richtungsänderung vorgenommen, ihre „Persona“ dabei aber behalten – ganz wie damals die Partei der Frommen, die Pharisäer. Immerhin hat Jesus die Pharisäer zu den Gerechten gezählt und sie dennoch wegen ihrer Buchstabengläubigkeit als geistlos kritisiert. Wirkliche Transformation ist nämlich nicht der Unterschied zwischen links und rechts, es ist der Unterschied zwischen Raupe und Schmetterling. Aus diesem Grund ist der Fundamentalismus eine der Formen des spirituellen Materialismus. Und so ist es nicht erstaunlich, dass diese „Wiedergeborenen“ wie schon manche ihrer Vorfahren vor zweitausend Jahren die Symbolik der mystischen Bildsprache nicht verstehen und immer noch ein baldiges äußerliches, physisches Wiederkommen Christi erwarten.

Keiner der beiden Formen geht es um die persönliche Transformation, die Jesus angestrebt hat, sondern den einen geht es um die äußerliche Durchsetzung der Brüderlichkeit, die anderen sehen das Heil im blinden Glauben und Befolgen von Sätzen aus Heiligen Schriften. Beide bestehen auf dem Zwang des Gesetzes, also auf etwas Äußerlichem.

 

Im Leben Jesu dagegen fehlen jegliche materiell-äußerlichen Ziele: Er war nicht caritativ tätig und sein Aufruf zur Nächstenliebe betraf, zumindest in erster Linie, nichts Organisiertes, erst recht nichts Sozialistisches, sondern die unmittelbare Sensitivität für das Gegenwärtige aus der Verbindung mit der Kraft, die alles hervorgebracht hat.

Jesu Anregung zur Achtsamkeit den Schwachen gegenüber hatte daher ihr Gegenstück in seiner Aufforderung an diese, aufzustehen, nicht länger Opfer zu sein, also selbst den Berg zu versetzen, anstatt von den anderen zu erwarten, es für sie zu tun.

Unter dem Einfluss der säkularisierten Idee der Nächstenliebe dagegen hat sich in unseren Tagen und in der westlichen Hemisphäre ein Anspruchsdenken entwickelt und sich – besonders seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems – weltweit ausgebreitet. Es versucht, jene Sensitivität in Schuldgefühle umzumünzen, die sich dann für jegliche Ideologie bequem ausnutzen lassen.

Auch Jesu radikaler Rat an den reichen Mann, sein ganzes Eigentum zu verkaufen und den Erlös den Armen zu geben, hatte nicht das Ziel, den Armen zu helfen, sondern es sollte dem reichen Mann helfen, transformiert zu werden. Der Einschätzung Jesu nach hätte er ihm genausogut sagen können: „Wirf dein Geld in den Müll“. Doch warum nicht den Armen helfen mit diesem Müll – und damit – ganz anders als der Verführer der Versuchungsszene (Mt 4,3) es im Auge hatte – „aus Steinen Brot erschaffen“?

 

Dieses Beispiel zeigt ein weiteres wesentliches Element in der Lehre Jesu: Der reiche Mann befolgte bereits das halachische Gesetz, er gehörte bereits zu den „Gerechten“, im Sinn des Alten Bundes war er bereits „erlöst“. Aber er war noch nicht perfekt, denn er hatte den Prozess der Transformation noch nicht durchlaufen. Er war noch nicht, was die Hindus „erleuchtet“ nennen. Er befand sich noch nicht im Zustand der mystischen Einheit. Das Beispiel zeigt, dass es für Jesus ganz klar zwei Klassen von „Gerechten“ gibt – und dann noch die dritte Klasse derer, die nicht das Glück hatten, zu dem Verständnis geführt worden zu sein, dass es besser ist gut zu sein als böse. Diese Unglücklichen, die „Sünder“, waren Jesu besonderen Freunde. Sie würden am meisten profitieren durch die Transformation.

 

Und eine weitere grundlegende Unterscheidung gehört hierher: Der Eindruck, Jesus habe Kranke geheilt, ist nur Produkt einer grundsätzlich un-jesuanischen, magischen, spirituell-materialistischen Perspektive, denn für ihn war klar: die Heilkraft kam nicht von ihm. Er hat der Heilung nur assistiert. Die Kranken wurden gesund durch die Begegnung mit jemand, der sich im Zustand der mystischen Einheit befand. Diese Erfahrung veränderte ihre innere Einstellung und, daraus folgend, ihren Lebensausblick. Das daraus resultierende Vertrauen der Kranken hat „das Wunder“ bewirkt. Jesus war nur der Mittler des Vertrauens. – Aber er konnte nicht alle befreien. Viele blieben abhängig – entweder von anderen Mächten oder von ihm. Spiritualität war für sie nicht etwas unmittelbar Erfahrbares, sondern etwas, das einen Mittler braucht.

Spirituellen Materialismus brauchen immer diejenigen, die sich ihrer Einheit mit dem Ganzen noch nicht bewusst geworden sind. Sie können ihre eigene innere Wahrheit nicht erkennen, weil sie ihrem Herzen nicht trauen. Sie sind auf ein äußerliches Gesetz oder eine bestimmte Gesellschaftsordnung angewiesen und können als Wahrheit nur anerkennen, was in einem Buch geschrieben steht. Angesichts der brutalen Hackordnungen unter den Menschen, die äußerliche Identifikationen erzwingen, und damit die Ausbildung einer „Persona“, ist das verständlich. Doch genau um diesen Zwang zu lösen, hat Jesus diesen brutalen Tod auf sich genommen. Er wollte den Eingeschüchterten Mut machen, auf ihr Herz zu hören, wissend, dass manche religiöse Führer und deren Mitläufer genau das verhindern wollten (und immer noch wollen), weil jede orthodoxe „Persona“ ihre Gruppen-Identität und ihre Macht stärkt.

 

Die Mystik Jesu und die Mystik des Apostels Paulus

Sowohl Jesus wie auch Paulus erstreben einen existentiellen Verwandlungsprozess, eine mystische Vereinigung. Dass Paulus, wie Albert Schweitzer bemerkt, nicht eine Gottes-, sondern eine „Christus“-Mystik anstrebt, steht dazu nicht in Widerspruch, weil „Christus“ für Paulus der Platzhalter des Ganzen ist: „Christus“ ist das exemplarische „Bild Gottes“ (2Kor 4,4), „der neue Adam“ (1Kor 15,45) und damit gleichzeitig auch das, was die Buddhisten „Buddha-Natur“ nennen, also das tiefste Wesen des Menschen, das Jesus in seiner Selbstbezeichnung „Menschensohn“ anspricht (u.a. Mt 9,6).

In der Sprache, die ich hier verwende, könnte die paulinische Mystik, die in 1 Kor 15,28 („dass Gott alles in allem sei“) kulminiert, etwa so ausgedrückt werden:

Die menschliche Natur (das „Abbild Gottes“) befindet sich in ständiger Kommunikation mit dem Ganzen der schöpferischen Kraft, mit dem Schöpfergott, mit dem „Vater“. Die Resultate dieser Kommunikation werden den Menschen als ihre innere Wahrheit erkennbar und lenken sie so, wie Jesus es in der Bergpredigt dargestellt hat. Damit kann unsere menschliche Natur, der menschliche Wesenskern, das „Ebenbild Gottes“ des Schöpfungshymnus, als der eigentliche Erlöser (Messias, Christus) bezeichnet werden, sofern sich ihr Träger, der konkrete Mensch, eben wie im Schöpfungshymnus, doch auf die ursprüngliche Ganzheit angewiesen und von dieser getragen weiß; dann wird es ganz natürlich sein, zu spüren, was die Teile brauchen und auf jeden einzelnen von ihnen im Geist des Ganzen zu reagieren, so wie Jesus es in der Bergpredigt dargestellt hat.

Durch sein Handeln hat Jesus diesen Erlöser in idealtypischer Weise verkörpert. Jeder, der sich das wirklich klar macht, vollzieht in sich selbst den Weg, den Jesus gegangen ist, nach. Er erkennt seine Getrenntheit und löst sich von deren Agens, dem „Ego“. Er „stirbt für die Sünde“, wie Paulus sagt [Röm 6,11]. Dadurch wird er verbunden mit der eigentlichen Quelle seines Lebens. Nun kann der Geist (das „Pneuma“, der göttliche Lebensatem) wirken und ihn in das Geheimnis des Lebens einführen. Er erlebt seine Geschöpflichkeit und darin eine „Auferstehung“, ein neues Leben auf einer neuen Basis – nämlich auf der Basis seiner inneren Wahrheit, der „Stimme“ seiner göttlichen Natur, der nun alles Künftige unterworfen ist. Und dann  unterwirft sich auch die immer noch individuell-lokalisierte menschliche Natur, sodass dann nur noch die eine schöpferische Kraft bleibt.

 

 

Die Wirkung, die Jesus hatte

Da Jesus seinem Traum, seiner inneren Wahrheit, seiner Wahrnehmung „des Willens des Vaters“, wirklich traute, da er sein Leben darauf aufbaute, war es ihm möglich, unglaubliche Dinge zu tun – denn nicht er wirkte, sondern „der Vater“, also die schöpferische Kraft, bewirkte, was er tat. Die Menschen waren fasziniert. Sein Vertrauen war ansteckend. Leute, die sich bereits aufgegeben hatten, konnten ein anderes Lebensprinzip in sich entdecken (– genau das, dem heute beispielsweise auch die geretteten anonymen Alkoholiker ihr neues Leben verdanken). So konnten sie neue Hoffnung schöpfen und ihre Hoffnung wandelte sich in Vertrauen – und das Vertrauen veränderte ihren Zustand. Wenn sie sich schuldig gefühlt hatten, konnten sie glauben, dass ihnen vergeben worden war; wenn sie krank waren, konnten sie glauben, dass sie gesund sein würden.

Da Jesus bewusst aus der Quelle der schöpferischen Kraft schöpfte (seines „Vaters“), von der er wusste, dass sie Quelle und innerste Natur aller Menschen war (der „Kinder Gottes“), war er imstande jenes grenzenloses Vertrauen auszustrahlen, das die Menschen in seiner Gegenwart dazu brachte, darauf zu vertrauen, dass sich das Schlimmste in das Beste verwandeln könnte.

Wo immer Jesus auftauchte, wurden Menschen zu ihm gebracht, die ihr Vertrauen verloren hatten und krank geworden waren, und sie wurden geheilt. „Dein Vertrauen hat dich heil gemacht“, sagte er ihnen. Menschen, die sich schuldig fühlten, kamen zu ihm und fanden – in erschütternden Erfahrungen – Vergebung, nicht durch ihn, sondern durch die Quelle ihres Lebens, die sie durch ihn neu entdeckt hatten – und die sie aus ihrer Absonderung und Entfremdung befreite und sie wieder in das Ganze integrierte, so dass sie sich „heimgekommen“ fühlen konnten, glücklich, stark und voll Vertrauen.

 

Aber mit seinen Schülern war alles anders. Immer musste er sich bei ihnen über ihr mangelndes Vertrauen beklagen: „Oh, ihr Kleingläubigen!“

Was würden sie brauchen, um wiedergeboren zu werden . . .?

 

Die Beschränkungen, denen Jesus unterworfen war, und wie er sie überwunden hat

Jesus träumte nicht von einer äußerlichen, religiös-politischen, gesellschaftlichen Revolution, wie andere Revolutionäre. Er erstrebte einen existentiellen  Verwandlungsprozess, den er als „das Kommen des Reiches Gottes“ beschrieb. Im Unterschied zum Ergebnis einer Revolution ist das Kommen des Reiches Gottes nicht ein äußerliches Phänomen, sondern das Ergebnis einer inneren Transformation, einer bestimmten Art die Welt wahrzunehmen und des Verständnisses dessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Diese Art des Wahrnehmens bleibt nicht auf das Individuum beschränkt, sondern es erzeugt eine Gemeinschaft von gleichgesinnten Menschen. Doch das kann niemals ein für allemal verwirklicht werden, denn jeder Mensch in jeder Generation nach Jesus muss den Verwandlungsprozess, auf den er hinarbeitete, selbst von Neuem durchmachen. Deshalb war das Entscheidende an der Arbeit Jesu, dass er seine Schüler befähigte, den Hebel zu dieser Verwandlung zu begreifen, handhaben zu lernen und dann an ihre Schüler weiterzugeben.

Die Verwandlung, die Jesus erstrebte und aus der seine Zuversicht, sein Traum und seine Fähigkeit, Vertrauen zu vermitteln entsprangen, kann nicht erreicht werden durch einen linearen kontinuierlichen Lernprozess, sondern sie ist ein abrupter Vorgang, in dem das Alte radikal zu Ende gehen muss, bevor das Neue erscheinen kann, wie er es in dem Bild vom Sterben des Samens beschrieben hat, das nötig ist, damit aus dem Samen neues Leben hervorgehen kann.

Der „Knackpunkt“ der Verwandlung ist der eigene Tod.

Die Kranken und die Sünder, die durch Jesus ihre Verwandlung erfahren hatten, waren bereits an dem Punkt angelangt, an dem ihr Leben verwirkt war. Sie waren in gewisser Weise bereits tot. Sie hatten nichts mehr woran sie festhalten konnten. Sie hatten keine Wahl. Sie mussten sich auf die Chance einlassen, die Jesus ihnen bot. Sie mussten sich abkehren von ihrem vergangenen Leben und ganz neu anfangen. Deshalb konnte der kleine Impuls, der von Jesus kam, in ihnen eine radikale Verwandlung bewirken und ein ganz neues Leben in Gang setzen.

Ganz anders war das bei seinen Schülern: Ihr Leben war intakt – aber es beruhte auf einer völlig anderen Grundlage als das Leben Jesu. Wie hätten sie daher die Aufgabe übernehmen können, die ihnen in seinem Traum zukam? Er hatte ihnen gesagt, dass sie die gleichen Dinge tun konnten, wie er (Joh 14,12), aber sie waren nicht fähig gewesen, es ihm zu glauben. Neben ihm und im Vergleich zu ihm fühlten sie sich klein und kraftlos. Warum?

Ihr Leben beruhte – noch – auf ihrem alten, menschlichen Ich, sie waren noch nicht verwandelt. Das Göttliche, das Jesus lenkte, hatte in ihnen noch nicht die Führung übernommen. Wie aber sollte das Göttliche in ihnen die Führung übernehmen, wenn diese Verwandlung ihren Tod voraussetzte? Was konnte das „stirb, bevor du stirbst“, die Basis jeder mystischen Verwandlung, in ihnen hervorrufen? Er musste sie an den Rand ihrer Existenz katapultieren, ohne ihr physisches Überleben zu gefährden. Doch wie konnte er das erreichen?

Er musste ihnen das nehmen, worauf sie ihr derzeitiges Leben stützten. Da die Verwirklichung seines Traumes von seinen Schülern abhing, musste er sich selbst aus ihrem Leben entfernen. Er musste sterben!

 

– Manche Exegeten meinen, dass Jesus das doch gar nicht in dieser Klarheit gesehen haben kann, als der biedere „Wanderprediger“, für den sie ihn halten. Was aber, wenn diese Exegeten nur deshalb dieses Bild von ihm entwickelt hätten, weil zuzugestehen, dass er eine derartige Klarheit gehabt haben könnte, ihr Bild von sich selbst (ihre „Persona“) zerstören würde? –

 

Wie schon für die Propheten vor ihm, war die Verwirklichung seines Traumes für Jesus wichtiger als sein physisches Überleben. – Später ist daraus jene Opfertheologie entwickelten worden, die für heutige aufgeklärte Menschen völlig unnachvollziehbar ist, von dem Gott, der seinen einzigen Sohn opfert als Ersatz für die Opfer, die fällig wären, um die sündige Menschheit mit sich zu versöhnen. Jesus liegt eine derartige Sicht fern. Sie stammt aus der Erfahrungswelt absolutistischer merkantiler Tyrannen. Heute kann diese Opfertheologie fast niemand mehr verstehen, weil Gott in der Weltsicht unserer Kultur kein buchhalterischer Tyrann mehr ist, sondern die Kraft, die das Potential zur Entfaltung bringen will – und genau so hat Jesus selbst es auch gesehen. Er wollte kein Opfer bringen, sondern eine Wirkung erzielen.

 

Damit sein Traum wahr werden konnte, musste Jesus sein Leben hingeben.

Jesajas Lied vom geschlagenen Gottesknecht (Jes 53) diente ihm als Vorbild. Es gab keinen Mangel an Feinden, die ihn beseitigen wollten. Alles, was er tun musste, war, dem Pfad des Gottesknechts zu folgen.

Er sagte seinen Schülern, dass er leiden würde müssen, und dass das ihretwegen notwendig war – und dass er dann wiederauferstehen würde. –

 

Auch wenn moderne Exegeten nicht sicher sind, ob Jesus dieser ganze Komplex bereits so klar bewusst gewesen sein konnte, wie er in der späteren Theologie bewusst geworden ist, geben sie doch zu, dass er mit der Möglichkeit seiner Hinrichtung gerechnet hat; warum sollte er also nicht – so wie ich es hier annehme – die über seinen Tod hinausgehende Entwicklung vorhergesehen und die Wirkung seines Todes auf seine Schüler und damit sogar seinen Tod selbst bewusst eingesetzt haben? So wie ich Jesus sehe, hat er genau das getan.

 

Er redete mit ihnen über seinen Tod, doch sie verstanden ihn – noch – nicht. Immer wieder sprach er zu ihnen über sein kommendes Leiden, um sie darauf vorzubereiten. Sie verstanden ihn bis zum letzten Moment nicht. Nur Minuten vor seiner Verhaftung schliefen sie ein, weil sie immer noch nicht begreifen konnten. Und als er hingerichtet wurde, hatten sie vor allem Angst um sich selbst. So ist das eben bei Menschen, die für sich leben.

Dennoch hatte er sie bestens vorbereitet auf die Zeit nach seinem Tod: Er hatte ihnen ein Ritual von Brot und Wein gegeben.

– Wenn moderne Exegeten auch hier meinen, dass er das, was später zum Sakrament geworden ist, nicht als solches eingesetzt haben kann, so müssen sie doch zugeben, dass er eine klare Spur dahin ausgelegt hat, weil er seinen Schülern schon lange vor dem letzten Abendmahl klar gemacht hat, dass im Essen Gemeinschaft entsteht und in dieser wieder die große Ganzheit fühlbar wird. Schon allein dadurch konnte seinen Jüngern seine Gegenwart dann im Mahl bewusst werden. Aber warum eigentlich sollte er das volle Potential dieses Zeichens nicht erfasst und ganz bewusst eingesetzt haben? Nur weil sich heutige Theologen das nicht vorstellen können? –

Meine Erfahrung zeigt mir, dass Menschen, die nicht in ihrer „Persona“ gefangen sind, die Wirklichkeit in einer Tiefe erfassen, von der die anderen nur träumen können. Deshalb habe ich keinen Zweifel daran, dass Jesus diesen Ritus von Brot und Wein ganz bewusst als ein Sakrament eingesetzt hat. Und damit hat er, in meiner Sicht, seinen Schülern und deren Schülern bis herauf in unsere Tage die Möglichkeit gegeben, wie Meister der Hindus es in ihren „Darshans“ tun, ihm jederzeit persönlich zu begegnen. Und mit ihm konnten sie nun ihrer eigenen, vom Vater stammenden, göttlichen Natur begegnen und damit sich als kongeniale Teile des (schöpferischen) Ganzen sehen, wie er es getan hatte. – Und hier liegt, in meinen Augen, der Schlüssel zum Verständnis seines ganzen Lebens.

Alle, die je seine Nachfolge antreten wollten, sollten in diesem Ritus immer wieder die Hingabe erfahren können, aus der heraus er sein Leben gelebt und eingesetzt hat. In dieser Hingabe war Jesus nicht durch menschliche, sondern durch göttliche Motive bewegt – in anderen Worten, in dieser Hinsicht war er nicht ein menschliches, sondern ein göttliches Wesen – und indem die Jünger selbst in ihrer Nachfolge „in Christus gekreuzigt werden“, wird das Göttliche auch seine Schüler lenken (wie der Apostel Paulus es in Gal 2,20 sagt). Damit hat Jesus sein Ziel erreicht. Indem er den göttlichen Grund in ihnen zum Tragen brachte, der immer bereit ist, sich den Notwendigkeiten des Ganzen zu unterwerfen, sind seine Jünger wirkliche Nachfolger geworden.

Damit ist es ihm über die Schwelle seines Todes hinweg gelungen, einer bis heute endlosen Zahl von Menschen den Hebel zu dieser Transformation zu zeigen, so dass sie ihn aktivieren und damit zu einem völlig neuen Leben erwachen konnten, sodass diese geweckten Menschen in seinem Sinne weiter wirken und seine Nachfolge in immer neue Leben hineintragen konnten.

Das ist der gewaltige Berg, den der „Menschenfischer“ Jesus bewegt hat und den er durch sein damaliges Wirken nach 2000 Jahren immer noch weiter bewegt.

 

Das Kraftwerk im Inneren: die innere Wahrheit

Vielleicht darf ich es auch so ausdrücken: Nichts Künstliches war an Jesus. Er war menschliche Natur pur. Er war kein Moralist, er war kein Liberaler, er war kein Anhänger irgendeiner Ideologie. Er ist einfach seiner inneren Wahrheit gefolgt. In heutigen Worten: Er wusste, dass er zur Gänze aus schöpferischer Kraft bestand. Das hat er gemeint, als er sagte, er und der Vater wären eins. Er wollte damit nicht sagen, dass andere nicht eins mit dem Vater sein konnten. Er wusste, dass jeder, der seiner inneren Wahrheit folgte, eins mit dem Vater war, weil die schöpferische Kraft doch das Wesen eines jeden Menschen ist – so wenig davon auch denen spürbar wird, die sich nicht radikal von ihrer inneren Wahrheit steuern lassen.

Abraham hatte die Kontrolle über sein Leben radikal seiner inneren Wahrheit anvertraut und sich damit abgewandt von der Tradition seiner Väter; Moses hatte in seiner inneren Wahrheit den Gott seiner Väter wiederentdeckt; alle Propheten hörten Gottes Stimme als ihre inneren Wahrheit und Jesu Schüler konnten sich ebenfalls ihrer inneren Wahrheit anvertrauen. Es gab nur diese Bedingung: Sie mussten zunächst „für sich“ sterben, um dann aus ihrem göttlichen Grund heraus neu leben zu können. Auf diese Weise würden sie während ihres gesamten Lebens richtig geleitet werden – in einem Bild der Sprache Jesu: „der Heilige Geist“ würde sie führen. Und auf diese Weise würden sie fähig werden, die Dinge zu tun, die er getan hatte und seine wirklichen Nachfolger werden.

Aber Jesus wusste auch, dass das Hören auf die innere Wahrheit in Schwierigkeiten führen kann, weil es in der Gesellschaft zu jeder Zeit Züge gibt, die ein freies Individuum nicht tolerieren, sondern Konformität verlangen. Deshalb hat er vorhergesehen, dass seine Schüler in Schwierigkeiten geraten würden, wie er in Schwierigkeiten geraten war. Und auch darauf hatte er sie auf vielfache Weise vorbereitet – zuletzt durch sein Beispiel, bei der inneren Wahrheit zu bleiben, sogar wenn das in Leiden oder Tod führen sollte. Sie brauchten keine Angst haben vor einem derartigen Schicksal. Er war ihnen diesen Weg vorangegangen. Er würde an ihrer Seite sein, immer.

 

Tod und Auferstehung

Zuerst aber musste Jesus in aller Körperlichkeit seinen Weg nach Golgatha gehen...

 

Nachdem seine Schüler seinen Leichnam in sein Grab gelegt hatten, begann für sie der schmerzhafte Prozess ihrer Wiedergeburt – genau in der Weise, die er vorhergesehen hatte:

Wer schon in der Grabeskirche in Jerusalem war, konnte wahrscheinlich den unendlichen Schmerz fühlen, den der Verlust Jesu für seine Jünger bedeutete – und genau dieser Schmerz war (und ist) es, der die Auferstehung (das wieder lebendig Werden Jesu in seinen Jüngern) bewirkt hat, denn genau durch diesen unendlichen Verlust sind die Apostel an ihr persönliches Ende gelangt, an das die Kranken durch ihre Krankheit und die Sünder durch ihre Verlorenheit gelangt waren. Jesus musste also sterben, um die Jünger zu dem „stirb bevor du stirbst“ zu führen, zu dem Punkt der Verwandlung, dem Ausgangspunkt jeder Mystik. Mit seinem Tod hat er den Tod ihres menschlichen Ichs notwendig gemacht – und damit ihr neues Leben auf göttlicher Basis hervorgerufen. Und in diesem neuen Leben war der Jesus, der dieses neue Leben in ihnen erzeugt hat, für sie lebendig.

In unserer heutigen Alltagssprache ausgedrückt: Nach schier endloser Verzweiflung begriffen sie die Irreversibilität des Todes Jesu. Dann erinnerten sie sich an seine Worte, dass sie die gleichen Dinge tun konnten wie er, wenn nicht noch größere. Und zudem wurde ihnen klar, dass sie gar keine Wahl hatten: entweder sie würden in seine Fußstapfen treten oder ihr ganzes Leben würde sinnlos sein.

Sie waren hineingeworfen ins kalte Wasser und sie mussten schwimmen, wenn sie überleben wollten. Und so wurden sie zwei Tage nach seinem Tod – quasi in einem Überlebenskampf – der ganzen Größe der Kraft gewahr, die in ihnen bis zu diesem Augenblick geschlummert hatte.

Diese Erfahrung ließ sie nun verstehen, warum Jesus dieses grauenhafte Schicksal auf sich genommen hatte. Gemeinsam wurden sie sich der göttlichen Hingabebereitschaft bewusst, die Jesus motiviert hatte, sein Leben für sie einzusetzen. Und in diesem Moment begannen sie, diese Hingabebereitschaft in sich selbst zu spüren. Jetzt wussten sie, welche Kraft die Kranken geheilt hatte.

In einer lebenserschütternden Erfahrung fühlten sie, dass das ganze Wesen Jesu jetzt in ihnen gegenwärtig war. Alles, was er ihnen über diesen Augenblick gesagt hatte, war eingetroffen. In einer überwältigenden existenziellen (mystischen) Erfahrung fühlten sie, dass Jesus lebt.

Das bekannten sie als seine „Auferstehung“. Was sie erlebten, war eigentlich ihr eigener Tod und ihre eigene Auferstehung und ihr neues Leben, das nun auf eine neue, nicht mehr „menschliche“ (besser: nicht mehr ego-hafte), sondern göttliche Basis gestellt war.

Die Auferstehung Jesu war also eine spirituelle Begegnung – und das ist in meinen Augen der Grund dafür, warum der Evangelist Markus nicht eine einzige Erscheinung des auferstandenen „Christus“ erwähnt.

 

Wie ein Mensch so kraftvoll werden kann, wie Jesus es war

Nun wussten sie, dass sie die Arbeit fortsetzen konnten, die er begonnen hatte. Und so bereiteten sie sich jetzt darauf vor. Wie sich Jesus auf seine Arbeit mit einem vierzigtägigen Fasten vorbereitet hatte, bereiteten sie sich jetzt ebenfalls vierzig Tage lang vor, indem sie minutiös alles rekapitulierten, was sie mit Jesus erlebt hatten. Dann, nach einer Pause von zehn Tagen, um die fünfzig Tage zwischen Pesach und Schawuot voll zu machen, die die Zeit zwischen der Sklaverei in Ägypten und dem Gesetz des Berges Sinai symbolisieren, waren sie schließlich bereit.

Die jüdische Tradition spricht über diese Zeit zwischen Pesach und Schawuot als von der Zeit, in der sich die Hüllen um das Getreidekorn nach und nach lösen, so dass es dann reif ist zur Ernte; analog lösten sich in den Jüngern jetzt die Hüllen um ihren göttlichen Kern. Zu Pfingsten war ihr altes menschliches Ich abgestorben, nicht mehr sie lebten, sondern Christus lebte in ihnen. Sie waren erfüllt von Heiligem Geist. Und dadurch waren sie nun nichts als Vertrauen und Zuversicht.

 

Vielleicht war es so: Am 50. Tag nach Ostern waren sie so glücklich in dem Haus, das sie für Pesach gemietet hatten, dass sie vor Freude schrille Töne ausstießen und herumtanzten. Sie machten so viel Lärm, dass sich auf der Straße die Leute fragten, was der Grund dafür sein konnte. Von ferne sogar kamen Leute herbei, um herauszufinden, was los war. Nachdem einige von ihnen einen Weg gefunden hatten, in das Haus hineinzuschauen und dort die Jünger freudig herumspringen und singen gesehen hatten, sagten sie zu der Menge draußen, die Leute drinnen wären einfach betrunken.

Diese Bemerkung drang an die Ohren der Apostel und sie kamen ans Fenster. Überrascht, eine derart riesige Menschenmenge vor dem Haus versammelt zu sehen, ergriff Petrus die Gelegenheit, sie alle anzusprechen. Er erklärte, was geschehen war. Er sagte ihnen, was er und die anderen Jünger gerade mit jeder Faser ihres Seins erkannt hatten: dass Jesus nämlich tatsächlich der Messias war – nicht der jubilierende Messias, den die meisten Leute erwartet hatten, aber der wirkliche Messias, der gekommen war, um das Reich Gottes aufzurichten, welches vollständig unabhängig war von jeglichen politischen Verhältnissen. Es war nur abhängig von den Menschen, die in ihm leben wollten.

Der Funke ihrer Begeisterung entzündete die Flammen der Inspiration in der Menge. Und dreitausend, sagt die Apostelgeschichte, Paulus meint fünfhundert, von den Leuten, die sich versammelt hatten, entschlossen sich, Anhänger, wenn nicht Nachfolger ihres gerade entdeckten Messias zu werden. Das war der erste Tag von dem, was später als die christliche „Kirche“ bekannt wurde, vom griechischen „kyriake“, Versammlung des Herrn Jesus.

Als sie die Hingabe betrachteten, die Jesus gelebt hatte, und als sie sahen, wie makellos Jesus seinen Traum verwirklicht hatte, begannen sie, ihn und seine Mission als göttlich zu erkennen. Jesus selbst wurde die Mitte ihrer Botschaft, denn ein besseres Beispiel für seine Botschaft und eine bessere Erfüllung seines Traumes waren gar nicht denkbar. Sie begannen, ihn als das im realen Leben erschienene „Bild Gottes“ zu betrachten, das archetypisch, als Potenz, im Schöpfungshymnus beschrieben ist. Er war ein derart getreues Bild, dass ihrem Empfinden nach jeder Mensch Gott in ihm erkennen konnte.

 

 

Die Erschaffung des Mythos: Das Vertrauen schwindet

Aber ein wirklicher Nachfolger von Jesus zu werden, wie er es wollte, ist ein hohes Ziel. Viele fühlten sich durch die Idee angezogen, aber nur wenige waren fähig, den Entschluss zu fassen, diesen Weg tatsächlich zu gehen; dennoch aber wollten sie damit assoziiert sein. – Sie, lieber Leser, sehen, dass jetzt wieder die „Persona“ gerettet wird und nicht der Mensch. – Daher verwandelten spätere Nachfahren die Erfahrung der Jünger in einen Mythos, den Mythos vom einzigen Sohn Gottes, der so hoch über den Menschen stand, dass niemand hoffen konnte, ihn nachahmen zu können. Und so trat seine Forderung, dass seine Schüler das werden sollten, was er gewesen war, in den Hintergrund und die meisten „Nachfolger Christi“, hörten auf, zu versuchen, ihn nachzuahmen. Stattdessen gaben sie sich damit zufrieden, sich „Christen“ zu nennen, und der „Kirche“ anzuhängen, die jetzt vor allem eine Gemeinschaft von Leuten war, die sich dazu bekannten, dass Jesus ihr Erlöser war. – Das alles auch im Zuge der durch das Anwachsen der Anhängerschaft notwendig gewordenen Strukturierung der Gemeinschaft.

Diese Faktoren führten dazu, dass wirkliche Hingabe an den Willen Gottes nun von vielen nicht mehr für nötig gehalten wurde, dass Vertrauen ersetzt wurde durch bloßes für wahr halten von Sätzen, dass die Gruppenidentität wichtiger wurde als die eigene innere Wahrheit – mit allen Folgen, die sich daraus bis herauf in unsere Tage ergeben – etwa dass die gegensätzlichen Gruppenidentifikationen mittlerweile zu außerordentlich gefährlichen globalen Konflikten führen.

 

– An diesem Punkt trat ein Problem auf, das am Anfang nicht existiert hatte: Menschen, die durch ein Schlüsselerlebnis Mitglieder der Kirche geworden waren, wurden rückfällig und brauchten nach der ersten, mit der Taufe verbundenen Sündenvergebung eine erneute Sündenvergebung. Das „gestorben für die Sünde“ (Röm 6,11) wurde nicht mehr radikal gedacht, die mystische Einheit mit Christus, von der Paulus beseelt war, wurde nicht mehr erreicht. Sie wurde ersetzt durch Gruppenidentifikation. Daher brauchte es jetzt ein von der Taufe unterschiedenes Sakrament der Buße, das Identifikationseinbrüche offiziell heilen konnte. –

 

Während Jesus Wert darauf gelegt hatte, die traditionell Ausgeschlossenen mit einzuschließen, begannen außerdem nun mächtig Gewordene, alle auszuschließen, die die genaue Formel ihres „Bekenntnisses“ nicht teilten.

Das Christentum wurde ein Massenphänomen. Von da an war es auch innerhalb der Kirche nur noch eine Minderheit, die begriff, dass Jesus sie zu wirklichen Nachfolgern machen hatte wollen, die ihr Leben aus ihrer inneren Wahrheit heraus lebten und die vollkommen auf die Möglichkeit vertrauten, den Traum zu verwirklichen, der aus ihrer Verbundenheit mit dem Ganzen resultierte.

Während Jesus mit offenen Armen dagestanden und alle willkommen geheißen hatte, bildete der Mythos nun eine Schwelle, die Menschen abwies. Viele der Skeptiker durch alle Zeitalter hindurch wären willens gewesen, echte Nachfolger Jesu zu werden, doch sie konnten den Mythos nicht akzeptieren, der ihnen als ein Märchen erschien. So ist die Aussage Jesu über einige religiöse Führer seiner Zeit bis heute gültig geblieben: „Weh euch, Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen, und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert.“ [Lk 11,52]

Es ist zu keiner Zeit die Spiritualität, die fehlt – denn Menschen sind immer Miniaturen des Ganzen und stets mit dem Ganzen verbunden. Ihre menschliche Natur hat sich zur Gänze aus der schöpferischen Kraft entwickelt, und in ihrem Wesen kann sie niemals etwas anderes sein als reine schöpferische Kraft. Zu jeder Zeit birgt diese im Innersten jedes Menschen den Ruf zur Entfaltung. Zu jeder Zeit haben die Menschen daher ihren Traum von einem Himmel, in dem alles Schlechte in etwas Gutes verwandelt wird. Deshalb kann der archetypische „Sohn Gottes“ seine Brüder und Schwestern zu jeder Zeit erreichen, heute genauso wie je zuvor, allerdings nur mit seiner ursprünglichen Stimme und nur schwer aus dem Grab des Dogmas, in dem er mithilfe des Mythos aufgebahrt wurde.

 

Obwohl Jesus diese Gefahr gesehen hat und von der Macht, die sie ausübt, ums Leben gebracht wurde, wusste er doch um die Notwendigkeit eines institutionalisierten Korrektivs, um der Gefahr des individuellen Abgleitens ins Egoistische und Utopische entgegenzuwirken. Deshalb hat er seine Schüler beauftragt, ein solches Korrektiv zu bilden. Auch in seinem Volk hat er die Institutionen der Priesterschaft oder der Partei der Frommen nie abgelehnt, obwohl ihn die Konflikte mit deren Vertretern schließlich das Leben kosteten – im Gegenteil, er hat sogar empfohlen, zu tun, was sie sagen. Genauso wenig hätte er daher die neue institutionalisierte Gemeinschaft seiner Nachfolger abgelehnt, obwohl auch in ihr nur wenige zu wirklicher Nachfolge bereit waren. Er hätte sie nur klar darauf hingewiesen, dass die neu definierten Merkmale der Gruppenidentität den Menschen dienen müssen und ihnen nicht zu tödlichen Fallen werden dürfen.

 

Eins mit der schöpferischen Kraft den Tod überwinden

Genau wie er es in seinem „Traum“ gesehen hatte, hat der reale Jesus den Tod überwunden. Und so lebt er immer noch unter uns. Jeder, der möchte, kann das erfahren. Indem wir sein Leben rekapitulieren, wie die Apostel es nach Ostern taten, können wir lernen, wie auch wir den Tod überwinden können: indem wir uns unserer inneren Wahrheit verpflichten und unsere ganze Existenz in die Waagschale werfen.

Die Beispiele von Abraham und der anderen Patriarchen zeigen, dass das Befolgen des göttlichen Anspruchs der inneren Wahrheit gewöhnlich nicht bedeutet, dass wir dabei unser physisches Leben verlieren, sondern viel eher, dass wir dadurch in diesem Leben erfolgreich sein werden; und am Ende dieses Weges der Hingabe werden wir „alt und lebenssatt“ unsere Augen schließen und doch lebendig bleiben – auch als ein leuchtendes Beispiel für die, die wir zurücklassen.

Und persönlich werden wir auf diesem Weg in Bewusstheit zurückkehren können in die Ganzheit der schöpferischen Kraft, von der wir ausgegangen sind und dabei erkennen: Das alles bin ich!

Was könnte es Größeres geben?

 

Zusammenfassung

Konzepte und Worte, die innere Wirklichkeiten beschreiben, ändern sich mit der Zeit – daher können die biblischen Bilder nicht buchstäblich genommen werden; ihr Geist muss erfasst werden.

Jesus hatte einen „Traum“: „das Reich Gottes“ und die ganze Menschheit vereint unter dem himmlischen Vater – das Paradies. Es ist jedermanns tiefster Traum. Er kann verwirklicht werden, weil jeder Mensch göttlichen Ursprungs ist – Ergebnis des schöpferischen Prozesses. Als ein wirkliches „Kind Gottes“, ist jeder Mensch pure schöpferische Kraft. Alles, was nötig ist, ist Vertrauen, dann wird alles möglich – sogar, inmitten äußerlich purer Hölle, im Himmel sein.

Jesus vertraute seinem Traum bis in den Tod hinein. Kranke wurden durch sein Vertrauen geheilt. Doch seine Schüler konnten dieses heilende Vertrauen nicht in dem Maß finden, wie es für die ihnen zugedacht Aufgabe notwendig war. Im Vergleich zu ihm fühlten sie sich kraftlos. Sie lebten noch ihr menschliches Ich. Da die Verwirklichung seines Traumes aber von ihnen abhing, musste er sie auf den Weg der Wiedergeburt führen, der aber den Tod des menschlichen Ich voraussetzt. Jesus hatte keine Wahl. Er musste er ihnen das nehmen, womit sie sich identifiziert hatten: sich selbst.

Nach seinem Tod brach die Welt seiner Jünger zusammen. Sie hatten nun niemand, auf den sie sich stützen hätten können. Sie waren auf sich selbst zurückgeworfen – doch da war nichts. Und wie er es erwartet hatte, begann in ihrer Verzweiflung etwas anderes in ihnen die Führung zu übernehmen, ihr göttlicher Grund. Und damit konnten sie die Welt mit den gleichen Augen betrachten, mit denen er sie gesehen hatte. Sie sahen nun die Wahrheit seines Traumes; ihre Angst verschwand. Sie wurde ersetzt durch Vertrauen auf die Gegenwart der göttlichen Kraft und so wurden sie seine Nachfolger. Damit war die Aufgabe, zur Wiedergeburt zu führen, auf sie übergegangen.

Bald war es eine ganze Gemeinschaft von Verwandelten, die den Traum Jesu vom Reich Gottes auf Erden weiter trug, und jeder von ihnen wurde ein wirklicher Nachfolger Jesu.

Nach einer Weile aber fanden es viele zu anstrengend, diesem Weg zu folgen. Stattdessen schufen sie einen Mythos, in welchem Jesus der einzige Sohn Gottes war. Alles, was sie von da an zu tun hatten, war, sich zu seinem Namen zu bekennen. Auf diese Weise wurde seine Lehre weithin bekannt, aber sie wurde von vielen nur noch oberflächlich verstanden; und sie verlor ihre Anziehungskraft für Menschen, die in ihrer persönlichen Entwicklung das Stadium der Mythen überwunden hatten.

Wenn wir uns heute jedoch wieder auf die Intention konzentrieren, die Jesus selbst gehabt hat, haben auch wir wieder die Chance, verwandelt zu werden, echte Nachfolger zu werden, und dadurch wirklich einen Unterschied in dieser Welt zu machen und den alten Menschheitstraum vom „Paradies jetzt“ zu verwirklichen.

Wir müssen dazu nicht einmal den Mythos auflösen, sondern uns nur bewusst machen, dass Mythen der Traumsprache angehören und nicht als materielle Wirklichkeit verstanden werden dürfen, weil wir sonst dem spirituellen Materialismus anheimfallen.

Von da her können wir uns klar machen, dass die mystische Sprache der Apostel zunächst in die mystische Sprache der Zeit des Hellenismus übersetzt wurde und heute in unsere heutige mystische Sprache weiterübersetzt werden muss:

 

Der notwendige evolutionäre Sprung im Verständnis des Dogmas der Trinität

Nachdem seine Schüler die Aufgabe Jesu und ihre Verwirklichung durch ihn als göttlich erlebt hatten, wurde die Person Jesu gegen Ende des Altertums, unter dem Einfluss hellenistisch-mythologischen Denkens und der Tatsache, dass das Christentum nun Staatsreligion des römischen Reiches geworden war, dogmatisch als Gottes Sohn definiert, gleichzeitig wahrer Mensch und wahrer Gott, die zweite Person der göttlichen Trinität, präexistent vor aller Schöpfung.

Unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen formulierte Dogmen können nur negative Gefühle wecken in einer Zeit, in der die Menschen froh sind, solche Bedingungen (Mythologisierung und absolute Herrschaft) überwunden zu haben – was in meinen Augen der Grund ist für den Hass vieler Aufgeklärter gegen Christentum und Kirche.

Die aus dieser zum Glück vergangenen kulturellen Situation stammende Sicht muss heute daher modifiziert und erweitert werden, beginnend mit den Grundlagen:

Jesus spielt nicht nur für seine unmittelbaren Schüler eine ganz besondere Rolle, sondern für alle Generationen seither bis in unsere Zeit – denn aus der völkischen Religion der Juden ist durch ihn eine gewaltige internationale religiöse Bewegung entstanden, das Christentum. Deshalb wird es aus  der Sicht einer jeden Religion korrekt sein, zu sagen, dass Jesus eine besondere Rolle im göttlichen „Heilsplan“ spielt. Ausgehend von dieser Tatsache aber können die Formulierungen der christologischen Dogmen, die für diese besondere Rolle gefunden worden sind, unter den heute veränderten Bedingungen neu durchdacht werden:

Die unmittelbaren Schüler Jesu dachten von ihm nicht in einschränkenden Kategorien. Daher können wir den Faden aufgreifen, den Jesus uns gelegt hat in dem Ausdruck „Vater“. Er hat diesen Ausdruck ununterschieden benützt, um die Beziehung zwischen Gott und den Menschen zu beschreiben, wie auch zwischen Gott und sich selbst.

Logischerweise kann es zwischen Vater und Kind keinen Unterschied in der Natur geben. Daher bezieht sich das, was im Dogma mit der „zweiten göttlichen Person“ gemeint ist, nicht nur auf Jesus – und da wir schwerlich einen Teil der Schöpfung ausschließen können, nicht einmal nur auf die Menschheit, sondern es meint, genau betrachtet, die Schöpfung insgesamt.

Dennoch ist seine Bedeutung in Jesus bereits in exemplarischer Weise verwirklicht, während in den meisten Menschen die Verwirklichung noch aussteht. Das Bewusstsein davon zu wecken war ja das Ziel seines Traums vom Reich Gottes.

In heutigen Worten: Von Natur aus stammen wir von der schöpferischen Kraft ab. Biblisch ausgedrückt sind wir von Anfang an „Bilder von Gott“ [Gen 1,26] oder „Kinder Gottes“ [Mt 5,9]. Obwohl das an diesen Stellen der Heiligen Schrift als Fakt dargestellt wird, ist es subjektiv zunächst nur eine Potenz, die „Macht, Söhne Gottes zu werden“ [Joh 1,12], und wir können von dieser Macht nur Gebrauch machen, wenn wir Goethes Rat befolgen: „Was du ererbt von deinen Vätern [also von der Schöpferkraft], erwirb es, um es zu besitzen!“

Damit haben wir die dogmatischen Formulierungen der ersten Konzilien über den Gottessohn bereits auf alle Menschen angewandt – ohne von der Besonderheit Jesu etwas weggenommen zu haben.

Wir müssen uns dabei allerdings klar machen, dass diese Aussagen den Zustand der unio mystica beschreiben. Wenn nämlich jemand, der sich gerade nicht im Zustand der unio mystica befindet, sagen würde „ich und der Vater sind eins“ oder „ehe Abraham ward, bin ich“, so wäre das „Ich“, das das sagt, die „Persona“ und nicht der Wesenskern. Es wäre purer Größenwahn, psychiatriereife Manie. Wenn dieser Mensch es aber im Zustand der mystischen Einheit sagt, dann drückt er damit seine essentielle Wahrheit aus. Nur – wer kann das beurteilen? Es kann nur jemand beurteilen, der sich (vielleicht durch die Begegnung mit der mystischen Einheit dieses Menschen) selbst in diesem Zustand befindet. Von allen anderen würde eine derartige Aussage eher als verrückt oder blasphemisch aufgefasst werden, wie das Beispiel derer zeigt, die Jesus als Gotteslästerer verurteilt haben.

Doch richtig verstanden, ihrem Wesen nach, das sich im Zustand der unio mystica zeigt, sind alle Menschen, genau wie es die ersten ökumenischen Konzilien definieren, „wesensgleich mit dem Vater“, „vollständig der Gottheit und vollständig der Menschheit nach“, „in zwei Naturen … die in einer Person … zusammenkommen“, die sich aber in „zwei unterschiedliche Willen“ manifestieren. – All das gehört zur allgemein menschlichen Erfahrung, die, nochmal, Goethe formuliert: „zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust!“

In der unio mystica tritt einer der beiden Willen zurück, nämlich der der „Persona“. Dafür, dass der Wille der „Persona“ zurücktreten kann, braucht es den durch die (ursprüngliche) göttliche Natur des Menschen ausgelösten „Heiligen Geist“, durch dessen Leuchten die göttliche Spur im Leben sichtbar wird und dessen begeisternder Antrieb in die mystische Einheit führt.

In archetypisch klarster Form ist die essentielle Wirklichkeit des Menschen in Jesus erschienen. Dadurch kommt Jesus eine einzigartige Aufgabe im göttlichen „Heilsplan“ zu. Er hat in einem weltgeschichtlich optimal wirksamen Augenblick „die“ Wahrheit verkörpert, nämlich dass Gott im Menschen erscheinen kann. Er hat den Menschen die Möglichkeit gezeigt, ihre eigene „Wohnung“ im „Reich Gottes“ zu finden, also die eigene Rolle in der „Heilsgeschichte“ zu entdecken und zu spielen und damit die Schöpferaufgabe Gottes weiterzuführen hin zu einer radikalen Erneuerung der Welt.

Dadurch konnte sich eine ganz neue Kultur anbahnen:

 

Die heutige Sprache der Mystik

Was ich gerade „göttlicher Heilsplan“ nannte, klingt, als ob jemand außerhalb der Welt einen Plan hätte, aus dem sich die Weltgeschichte entwickelt. Und in der Tat, so hat man das in absolutistisch regierten Zeiten gesehen. Diesem alten Weltbild war auch die Sprache der Mystik verhaftet, die sich in den alten heiligen Schriften niedergeschlagen hat. Ich habe dieses alte Wort hier aber nur benutzt, um von dort eine Brücke zu schlagen zur mystischen Sprache der Gegenwart.

In unserer Zeit, in der die Zusammenhänge der Geschichte innerweltlich erklärbar sind, wird auch das Göttliche nicht irgendwo anders gesehen; und so sind die Augen, Ohren und Hände „Gottes“ heute klarerweise die Augen, Ohren und Hände der Geschöpfe selbst.

 

Und doch ist auch heute ein Geist des Ganzen erkennbar, eine Instanz, die den Überblick hat, mit der alle „Teile“ verbunden sind und von der genau das gilt, was in den alten heiligen Schriften von „Gott“ gesagt worden ist. Aber auch diese Instanz ist nicht außerhalb, sondern erfahrbar im Sinn jedes einzelnen Wesens für das Ganze.

So geschieht es, dass einzelne Individuen, die sich durch den Zu-Fall ihrer persönlichen Geschichte gewissermaßen an einer Schnittstelle der Geschichte aufhalten, von der Welt, wie ich weiter oben sagte, eine Art „Ruf“ empfangen zu einer mehr oder weniger umfassenden sozialen Restrukturierung. Diese Restrukturierung kann dann möglicherweise einen ganzen Äon mit vielleicht vielen Milliarden Menschen prägen.

Solcher Art waren die historischen Rollen der Propheten, solcher Art war in einzigartiger Weise die Rolle Jesu, der der nüchternen, undogmatischen, individuellen und funktionalen Art zu denken den Boden bereitet hat, auf der unsere wissenschaftlich-technische Kultur beruht. Ich erinnere nur an sein „der Sabbat ist für die Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ Damit ist jedes Tabu aufgehoben. Von da an darf über alles nachgedacht werden. Auch wenn das erst viel später die Gestalt der Wissenschaften angenommen hat, weil sich dieses Denken während der gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüche der zu Ende gehenden Antike und des Mittelalters noch nicht durchsetzen konnte, so hat er damit den Menschen doch von Anfang an die Autorität zugesprochen, ohne Ausnahme alles zu analysieren und das Gefundene zu ihrem Nutzen anzuwenden.

Und auch das zweite Grundprinzip des Zeitalters der Aufklärung geht auf Jesus zurück, die Trennung der Gewalten: Seine Weigerung, eine politische Revolution anzustreben, findet ihren sprachlichen Ausdruck in seiner Aussage „gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gottes gehört“ (Mt 22,21). Damit nimmt Jesus das politische Prinzip vorweg, das wir heute als den Hauptpfeiler unserer aufgeklärten westlichen Kultur betrachten, den Säkularismus.

 

Damit die sprachliche Brücke zwischen dem alten und dem neuen Äon halten kann, muss ich noch auf eine weitere Tatsache hinweisen, nämlich dass das in allem als Seinsprinzip anwesende Schöpferische auch so etwas wie ein Bewusstsein davon erzeugt, wann ein Problem gelöst ist, wann etwas „gut“ ist. Denn dieses Bewusstsein ist es, das die Schöpfung durch alle Konflikte hindurch, die aus der Aufspaltung des Ganzen entstehen, von Anfang an lenkt. Auch dieses Bewusstsein ist nicht etwas Überirdisches, sondern es ist von Anfang an überall da. Dieses Bewusstsein von einer besseren Welt, in heiligen Schriften auch „Himmel“ genannt, ist gewissermaßen sogar der „Vater“ allen Seins und logischerweise auch der Ursprung dessen, was dann göttlicher „Heilsplan“ genannt worden ist.

Der „Geist“ ist die Energie dahinter, das „göttliche“ Agens der Heilung, das, was zum Guten drängt und ohne das nichts wäre.

Und „unio mystica“ bedeutet, dass ein Mensch diese Prinzipien in sich nicht nur vage fühlt, sondern dass sie in ihm ihren Ausdruck finden. In idealtypischer Weise ist das in Jesus geschehen, der, indem er sein Leben eingesetzt hat, eine weltgeschichtliche Wende ohnegleichen angestoßen hat – egal wie viele heutige Zeitgenossen jeden ursächlichen Zusammenhang ihres guten Lebens mit seiner Tat entrüstet von sich weisen.

 

Dabei geht es gar nicht um Jesus, sondern ausschließlich um uns selbst und um die Frage, wie wir höchstes Glück erreichen können. Jesus ist nur ein Beispiel, an dem diejenigen, die sich dafür interessieren, das Prinzip des Glücks am Werk sehen können: Es ist absoluter Gehorsam gegenüber dem, was sich in der „unio mystica“ als der Weg zeigt. Und so hat es auch Karl Rahner gesehen, als er meinte, ein künftiger Nachfolger Christi würde ein Mystiker sein oder er würde eben kein Nachfolger Christi sein.

Genau dafür hat Jesus ganz bewusst sein Leben eingesetzt. Und deshalb ist er trotz aller Relativierung dennoch „der Heiland“ für alle, die seine Tat sehen können. Paulus hat die Wende in seinem Leben erfahren, als er diese Tat sehen konnte – und ich hoffe, dass die Leser dieser Zeilen sie nun auch sehen können, dass sie nun also das „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6) persönlich erfahren können – egal ob Jesus diesen Satz je gesprochen hat oder ob er, als Zusammenfassung, der Einsicht des Evangelisten Johannes entsprungen ist.

 

Die Konsequenz

Ich hoffe sehr, dass ein neuer Blick mit den Augen unserer Zeit auf die zentrale Wirklichkeit Jesu das Verständnis der Christen für ihre Religion wieder vertiefen kann.

Gleichzeitig damit sollte sich die von Jesus initiierte neue Religion als kompatibel mit allen Religionen dieses Planeten erweisen – beispielsweise mit dem Islam, der an der ausschließlichen Gottessohnschaft Jesu Anstoß nimmt, oder mit dem Judentum, das Jesus nicht als den von ihm erwarteten Messias anerkennen kann, ihn aber wohl als einen ihrer größten Söhne betrachten könnte. Auf diese Weise könnte das  Christentum zu einer Einladung an die anderen Religionen werden, ebenfalls Kompatibilität anzustreben und damit wie nie zuvor zu der Kraft werden, von der genau der Friede ausgeht, den Jesus als möglich gesehen hat.