Vorgefertigte Gebete

20.7.2001

 

 

 

        Menschen, die ihre Distanz zu Gott lieber nicht verlieren möchten – weil das allzu schmerzhafte Einsichten mit sich bringen würde – verwenden vorgefertigte Gebete.

        Ein Mensch, der die Realität erkannt hat, d.h. der erkannt hat, dass er selber nichts ist, dass die Kraft, aus der er besteht und die ihn treibt, aber alles ist, ein solcher Mensch braucht keine vorgefertigten Gebete. Er spricht jene Kraft unmittelbar an, von der er weiß, dass es die gleiche Kraft ist, die das Universum treibt, denn er weiß, dass sie möchte, dass der Typ, den er darstellt (den jeder von uns auf seine Weise darstellt) sich zeigt und ohne jede Angst sich darstellt und genau damit automatisch das große Lob des Schöpfers singt. Ein solcher Mensch kommuniziert mit seinem Schöpfer unmittelbar, aus seinem Sein heraus, das ja selbst gerade – in jedem Fall, also sogar im Fall einer Behinderung oder einer tödlichen Krankheit oder des Sterbens selbst – automatisch, ohne dass er was dafür tun müsste, ein Lob des Schöpfers singt. – Sogar „der Teufel“ „tut“ das durch „sein“ Sein und durch „sein“ So-Sein. Es könnte nicht auf ihn verzichtet werden.

        Eine Schöpfung ohne das sogenannte „Böse“ ist undenkbar. Es braucht die Kraft, die abbaut – was für die, die aufbauen oder aufbauen wollen natürlich nicht bedeutet, sie sollten sie dulden, was sie selbst betrifft. Sie dürfen sich nur nicht wünschen, es gäbe sie nicht. Sie müssen wissen, dass sie immer da sein wird, dass sie nicht wegzudenken ist, weil sie doch in die andere Richtung treibt, weg vom Schmerz.

        Das Sein selbst ist das Gebet, wenn es ein bewusstes Sein ist. Wenn es ein unbewusstes Sein ist, ist es ein unbewusstes Gebet. Für diesen Zustand sind die Formeln notwendig, die Gebete nachzubeten, die andere vor ihnen gebetet haben. Gut, wenn einer sie als Anleitung zum eigenen Gebet versteht und sich führen lässt, sich einfühlt. Das aber bedeutet Loslassen aller Dogmatik – in Wirklichkeit nur des alten Verständnisses der Dogmen, denn damit eröffnet sich ein neues Verständnis.

        In diesem neuen Verständnis geht es nicht mehr um irgendeine Religion, sondern nur noch um die unmittelbare Kommunikation eines Geschöpfes mit seinem Schöpfer. Das ist das eine, gemeinsame Ziel, zu dem alle Religionen hinführen. Die Anhänger einer Religion sind daher niemals an ihrem Ziel, wenn sie das nicht anerkennen. Von dem Moment an aber, an dem sie das anerkennen, gibt es auch keinen Konflikt mehr zwischen den Religionen. Dann ist natürlich klar, dass nicht nur eine „wahr“ ist, sondern dass allesamt nur Wege sind, mehr oder weniger erfolgreiche Wege. Letzten Endes kann es daher nicht darum gehen, eine „Lehre“ festzuhalten, wenn sie keine Wirkung mehr hat. Das ist gegenwärtig in der katholischen Kirche der Fall. Diejenigen, die sich als ihre Repräsentanten betrachten und diese Exklusivität hüten, merken nicht, dass die Wirkung verlorengegangen ist. Und wenn sie es doch merken, rationalisieren sie diese Tatsache mithilfe von Erklärungsmaßstäben, die sie in ihrem Weltbild schon verankert finden, etwa indem sie diese Tatsache einer allgemeinen „Verweltlichung“ zuschreiben und indem sie den Menschen dafür böse sind, anstatt sie in ihren Schmerzen zu sehen und ihnen Linderung zu verschaffen. Sie tun das zwar auch, aber nur für die allgemein als „hilfsbedürftig“ eingeschätzten Menschen. Und natürlich ist es sehr gut, dass sie wenigstens das tun! Aber sie verweigern sich den Menschen, die einfach die Schnauze voll haben von den moralischen Lügen der Religionsvertreter und weil diese nur einen rein äußerlichen Maßstab für das Leben anerkennen und nicht verstehen. Diese Verweigerer arbeiten an der Umwertung der Werte, indem sie an der Auflösung der alten Werte arbeiten. Diejenigen mit den rein äußerlich gewordenen Maßstäben sind der Grund dafür. Sie schaffen jene Atmosphäre der Enge, in der alle anderen nicht aufblühen können.

        So werden die Würfel neu gemischt. Durch eine Phase des Nichtwissens hindurch, während der es wegen dieses Widerstreits keine klare Orientierung mehr gibt, wird sich jene andere Möglichkeit zeigen, nämlich einfach ehrlich zu sein. Dann braucht es keine Maßstäbe mehr. Nur noch das Fühlen dessen, was jetzt da ist – in seiner ganzen Fülle.

        Die Phase des Nichtwissens aber kann natürlich lange dauern, nämlich bis alle in Frage kommenden Möglichkeiten durchprobiert sind. Viele Irrwege liegen auf dem Weg. Sie müssen erkundet werden und daher sind einige davon unvermeidlich für jeden, der die Wahrheit kennen lernen möchte.

        Die Zeit der Moral, also der festen Richtlinien, ist heute vorbei. Es lässt sich niemand mehr darauf verpflichten. Aber das macht nichts, denn gerade dadurch werden die neuen Wege gefunden, die den Umständen unserer heutigen Welt angepasst sind. Die ganze soziale Struktur ist ja im Umbruch. Die alten Regeln passen nicht mehr, wir haben daher, ganz objektiv betrachtet, keinen äußeren Maßstab mehr – und doch haben wir alles, was wir brauchen: Die Kraft, die sich dazu getrieben hat ich zu werden, hat jeden von uns mit einem Instrumentarium ausgerüstet, das fühlen kann, was not-wendig ist. Und das genügt, ja das ist logischerweise besser als alle festen Regeln, die einer konkreten Situation ja nie gerecht werden können, weil sie notwendigerweise verallgemeinern müssen und das Besondere nie in seiner Besonderheit enthalten können.

        Genau das war schon der Vorwurf Jesu an die Führer seiner Zeit und seiner Kultur. Ihre Maßstäbe, wurden den konkreten Situationen nicht gerecht. Sie waren sehr böse auf ihn, weil er sie darauf aufmerksam gemacht hat. Er hat sich davon nicht abhalten lassen, es ihnen weiter zu sagen. Und sie haben die Konsequenz gezogen und ihn vernichtet. Sie haben nicht mit einkalkuliert, dass der Same schon ausgestreut war und dass er aufging, weil einfach zu viele der damaligen Menschen sich mit den damals üblichen Regeln nicht mehr gut fühlten.

 

        Heute aber sind es wieder die religiösen Führer, zumindest die christlichen, die einer Erneuerung widerstehen (Buddhisten, Hindus haben dieses Problem nicht in diesem Ausmaß). Es ist daher außerhalb der Religion eine Art Prophetentum entstanden, etwa in den Künsten, natürlich nur sofern diese nicht auch in einem Formalismus steckengeblieben sind.

Ganz ausdrücklich wird die Botschaft vom Fühlen und von der Ehrlichkeit von den meisten Soul-Musikern verbreitet, aber auch von schwarzafrikanischen Musiker. Sie sind gezwungen, ihre Formen stets zu erneuern, sie müssen „dem Herrn stets ein neues Lied singen“ – sonst würde ihnen ja niemand mehr zuhören – während die Priester immer das gleiche alte Gebet herunterbeten und es immer noch nicht verstehen. Wenn die alten Kanäle der Inspiration verstopft sind, öffnen sich eben neue. Von der Musik der Schwarzen kommt die ganze musikalische Erneuerung der industrialisierten Kultur. Das liegt daran, dass sie, die Unterdrücktesten, lernen mussten, zu fühlen. Sie können es andere nun lehren, aber nicht auf die grausame Weise, auf die sie es lernen mussten, sondern durch Ansteckung, einfach indem sie ehrlich sich und ihre Art zeigen. Deshalb heißt Kunst auf Englisch ja „art“. Das ist die Art, die gemeint ist. Durch sie entsteht unbemerkt eine neue Weltordnung, die Ordnung des Fühlens (nicht zu verwechseln mit „Gefühlen“!, die ja ein unbewusst zwanghaftes Geschehen sind, das aus zufälligen Erfahrungen der Vergangenheit resultiert. Fühlen dagegen ist ein Akt der Bewusstheit. Die biblische Geschichte von Kain und Abel drückt ja deutlich aus, dass Gefühlen zu folgen nicht, wie heute vielfach angenommen „spontan“ ist, sondern einfach nur wahnhaft.) statt des Gesetzes. Und doch wird daneben die Ordnung des Gesetzes bestehen bleiben, aber eben in der untergeordneten Bedeutung.

        Die Wende wird erreicht, indem die Frage „wie lange soll ich noch gequält werden?“ sich umformt in die Frage „Wie soll ich mich ausdrücken?“. Wenn der Leidende beginnt, sich seiner Situation total bewusst zu sein, in diesem Moment, hat er nur die Wahl zwischen weiter leiden oder sein Leben selbst gestalten, sich gestalten, seine Gestalt zum Ausdruck bringen. Was danach erscheint, ist die Gestalt des Fühlens und des Seins des eigenen Selbsts, einfach die jeweilige Gestalt der Wahrheit. Die Kultur der Welteinheit kann nur darauf beruhen. Jeder darf sein. Keiner muss so sein, wie ein anderer es will. Jeder darf die Wahrheit in seinem Inneren zeigen.

        Manche werden da natürlich als wieder Verführer auftreten und die Menschen, die ihnen erliegen, wieder in bestimmte Formen zwingen. Das geht aber nur, so weit die Menschen das zulassen, so weit sie die Botschaft noch nicht vernommen haben, dass sie wirklich sie selbst sein dürfen – dass sie dann eben Gott nicht missfallen, wie sie befürchten, weil es ihnen eingeredet worden ist, sondern dass sie ganz im Gegenteil dann endlich so sind, wie ihr Schöpfer sie immer schon haben wollte.

        Alles andere ist Sklaverei, ist Götzendienst. Letztlich dann auch jede Religion oder (um Missverständnisse zu vermeiden) besser, jeder religiöse Formalismus, also der Glaube, der im Nachbeten vorgebeteter Gebete die Erfüllung sieht – so sehr das vielleicht der Anfang des wirklichen Glaubens sein kann, der, wie gesagt, der Glaube daran ist, dass die schöpferische Kraft mit all ihrer Kraft das Beste für uns will – und tut!

 

 

 

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TC