Vom Satanismus zum Mitgefühl

5.9.2015

 

Menschen, die etwas erleben, das sie als schlimm und ungerecht empfinden, können, wenn dies öfter geschieht und insbesondere wenn dieses Schlimme und Ungerechte mit „dem Guten“ gerechtfertigt wird, zu der Auffassung gelangen, sie wären völlig unschuldige Opfer dessen, was „gut“ genannt wird und sie könnten nur überleben, indem sie das, was „gut“ genannt wird, mit all ihrer Kraft bekämpfen.

Da sie gleichzeitig wissen, dass auch sie selbst nicht immer fair handeln, müssen sie sich zunächst in dem Gefühl ihres Opferseins bestärken, indem sie durch ihre Vorstellungskraft ihr ganzes Sein ausfüllen mit dem Schmerz über die Ungerechtigkeit der Welt. Dadurch werden sie in ihren Augen selbst unschuldig, unschuldige Opfer der bösen Welt.

Alles, was in der „bösen“ Welt “gut“ genannt wird, ist für sie fortan schlecht. Sie müssen von dem Moment an jegliche Mitarbeit in der in ihren Augen bösen Welt verweigern – wodurch sich ihre Situation natürlich weiter verschlechtert, weil die “böse“ Welt darauf natürlich sauer reagiert – und sie damit in ihrem Empfinden des Bösen dieser Welt bestärkt.

Sie erfahren also die Welt derer, die sich als „gut“ betrachten, von da an nachhaltig als böse, denn die angeblich „gute“ Welt reagiert auf ihre Verweigerung der Kooperation immer wieder mit Strafen, Liebesentzug etc., sie reagiert also real böse.

Der Schmerz, den die „gute“ Welt damit erzeugt, bestärkt ihre Gewissheit, dass das sogenannte „Gute“ in Wirklichkeit böse ist und mit aller Macht bekämpft werden muss.

Im weiteren Verlauf kommt es darauf an, wie die Grundstimmung eines Menschen ist, ob er eher zur Depression neigt oder zur Aggression. Einer, der eher zur Depression neigt, wird nun möglicherweise in der Psychiatrie landen, einer, der zur Aggression neigt, im Gefängnis. Das kann im Extremfall zu Suizid oder zu einem Amoklauf führen oder aber auch zu Alkoholismus, zu einem Aufruf zur Anarchie oder auch zu dem, was eine gewisse Gruppe „Satanismus“ nennt, nämlich dem Kampf gegen alles, was die Frommen „gut“ nennen oder, in abgemilderter Form, in einen Kampf gegen die Normen der Normalgesellschaft.

All das wurzelt in der Tiefe des Schmerzes erlittener Ungerechtigkeit. All das von nun an absichtlich erzeugte Böse kommt aus der empfundenen Unschuld des Opferseins und dem Recht des Opfers gegen die jetzt als allgegenwärtig empfundene Ungerechtigkeit vorzugehen. Im Extremfall wird so ein Mensch, wie gesagt, zum Amokläufer, der viele Menschen tötet und am Ende sich selbst.

Der Schlüssel zu dieser Entwicklung liegt in der autohypnotischen Verstärkung des als ungerecht empfundenen Schmerzes eines Schlüsselerlebnisses, bis dieser Schmerz das ganze Bewusstsein ausfüllt oder, wie andere sagen würden, bis dieser Mensch in Selbstmitleid versinkt und sich dagegen wehrt mit den genannten Folgen.

Es kann aber auch dazu kommen, dass sich ein solcher Mensch, bevor er ganz in Selbstmitleid versunken ist, erinnert, dass er selbst nicht ganz unschuldig ist, dass ihm zwar tatsächlich Ungerechtigkeit widerfahren ist, dass aber auch er selbst anderen Ungerechtigkeit zugefügt hat. Dann wird dieser Mensch erkennen, dass das meiste von dem, was die anderen „schlecht“ oder „böse“ nennen, auch er selbst schlecht oder böse nennt und er wird erkennen, dass es etwas gibt, worin alle oder fast alle Menschen übereinstimmen. Und diese Einsicht wird dazu führen, dass dieser Mensch aus seinem Selbstmitleid herausgeht und nüchtern auf das schaut, was andere tun und was er selbst tut. Damit wird dieser nüchtern gewordene Mensch beginnen, die Motive der Menschen zu verstehen. Er wird anfangen zu unterscheiden zwischen Handlungen, die aus einem durchgehenden Bemühen um das Richtige kommen und solchen, in denen der Respekt vor den anderen fehlt und er wird anfangen zu unterscheiden, ob diese Respekt fehlt aufgrund purer egoistischer Rücksichtslosigkeit, aufgrund einer ideologischen Verblendung, sei sie politisch oder religiös motiviert, oder ob sie durch Selbstmitleid ausgelöst wurde. Und er wird sich selbst prüfen und auch im eigenen Handeln solche Unterschiede feststellen.

Von da an wird aus einem Satanisten oder einem Depressiven oder einem Kriminellen ein bewusster Mensch geworden sein, dessen Maßstab für ethisches Handeln die Goldene Regel sein wird, nämlich niemand etwas anzutun, was er selbst nicht angetan bekommen möchte. Und von da an wird dieser ehemalige Satanist Zugang zu seinem Mitgefühl haben – auch zum Mitgefühl mit sich selbst. Dieses neu empfundene Mitgefühl wird seine Sehnsucht nach der besseren Welt neu erwecken und ihm zeigen, wie er einen positiven Beitrag zu dieser besseren Welt leisten kann, zuerst damit er selbst mehr von dem bekommt, was er gerne hat und dann, wie er mithelfen kann, dass auch andere mehr davon bekommen.