Interreligiöser Dialog:

Wie können kontroverse Fragen geklärt werden?

7.5.2005

 

 

Der heutige Stand des interreligiösen Dialogs:

Seit dem zweiten Weltkrieg ist interreligiöse Toleranz im Dialog von allen Seiten ausdrücklich kultiviert worden, zumeist in einer Atmosphäre der Betonung der Übereinstimmung. Daher können wir uns jetzt fragen, ob wir bereit sind, den nächsten Schritt zu tun und auch die kontroversen Fragen anzupacken – genau die nämlich, die seit Jahrtausenden immer wieder Anlass geworden sind zu gegenseitigen tödlichen Angriffen.

Mit anderen Worten, haben wir jetzt eine Chance, dass sich die Anhänger der drei Abrahamischen Religionen freundschaftlich auf ein gemeinsames Verständnis ihrer gegensätzlichen Anschauungen einigen?

 

Alle drei Religionen stammen von Gott, so wird gesagt. Und tatsächlich gibt es in allen dreien zumindest einige Menschen, die ihre Beziehung zu ihrem Schöpfer realisiert haben. Die gegenseitigen Beleidigungen können daher nur auf absichtliches Nichtverstehen zurückgehen oder auf  Missverständnisse.

Und tatsächlich scheinen die strittigen Fragen auf wunde Punkte innerhalb jeder der drei Religionen hinzuweisen, die selbst von den Anhängern dieser Religionen oft falsch verstanden werden.

Wenn diese Missverständnisse und Wunden, die aus den Konflikten entstanden sind, heilen sollen, wird es nötig sein, sich mit diesen strittigen Fragen zu beschäftigen – und zwar nicht in einem abwehrenden Sinn, sondern in der Bereitschaft, etwas vom anderen zu lernen, durch die Sicht des anderen die eigene Sicht erweitern und klären zu lassen.

 

Lassen Sie mich bitte mit einem Beispiel aus dem islamischen Bereich beginnen, weil es auch alle anderen Bereiche beleuchtet:

 

Kontroverse 1: Gemäß dem Koran ist die Bibel verfälscht.

Der Heilige Koran sagt – und das beleidigt sowohl Juden wie auch Christen – die Bibel enthalte verfälschte Aussagen. Ein Beispiel ist die übliche islamische Darstellung, dass Abraham nicht seinen Sohn Isaak, sondern seinen Sohn Ismael hätte opfern sollen und dass das nicht auf dem Berg Moriah (dem Tempelberg im heutigen Jerusalem), sondern nahe Mekka geschehen sei. Als ein zweites Beispiel möchte ich die koranische Behauptung betrachten, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sei.

Wie können diese Aussagen so verstanden werden, dass ihr sowohl Juden wie Christen zustimmen können? Zunächst scheint das unmöglich. Aber wenn es bei Gott möglich ist, sollte es dann nicht auch für uns möglich sein? Was hindert uns daran, es für möglich zu halten – abgesehen von unserem infantilen Wunsch besser zu sein, als die anderen?

 

Wenn wir das verstehen wollen, werden wir zunächst den Kontext dieser Aussagen verstehen müssen.

 

Was ist die Bedeutung des Begriffs „Wahrheit“?

Das erste Hindernis des Verstehens wurzelt in einer Gewohnheit unserer Kultur und unserer Zeit: Wir verstehen „Wahrheit“ nämlich ausschließlich in einem wissenschaftlichen Sinn. Die Heiligen Bücher der drei abrahamischen Religionen aber haben ein völlig anderes Verständnis von „Wahrheit“.

Unser heutiges Verständnis von Wahrheit sagt uns, dass zwei widersprechende Darstellungen nicht gleichzeitig wahr sein können, sondern dass zumindest eine davon falsch sein muss. Aber die Autoren der Heiligen Schriften hatten kein Problem damit, zwei einander direkt widersprechende Versionen der gleichen Geschichte zu überliefern: Der Evangelist Matthäus beispielsweise lässt die Abstammungslinie Jesu bei Josef enden, aber nur zwei Zeilen später sagt er, Josef wäre nicht der Vater von Jesus (Mt 1,16-18). Oder, am Anfang der Geschichte vom Durchzug der Israeliten durchs Rote Meer heißt es zunächst, ein starker Wind habe das Wasser fortgeblasen und gleich anschließend sagt der biblische Autor, das Wasser habe sich geteilt, als Moses seinen Stab ausstreckte (Ex 14,21).

Die Autoren der Heiligen Schriften sind eben nicht an historischer Genauigkeit interessiert, sondern an der Wirkung einer Geschichte auf den Leser oder Hörer. Die Geschichte selbst ist noch nicht die Wahrheit, sondern sie ist zuerst ein Vehikel, das dazu dient, die Wahrheit hinter der Geschichte zu übermitteln. Die Wahrheit der Geschichte ist erfolgreich übermittelt, wenn ein Mensch die Kraft erfährt, die aus seiner Beziehung zu seinem Schöpfer fließt, mit anderen Worten, wenn der Hörer in Kontakt gebracht wird mit einer Art mystischer Erfahrung. Die Form des Vehikels kann daher niemals ein Streitpunkt sein, weil sie vom Zuhörer abhängt, denn ihn soll die Geschichte ansprechen, damit die mit ihr transportierte Wahrheit eine Chance hat, ihn zu verwandeln.

 

Die Intention hinter der islamischen Aussage

Wenn Mohammed sagt, die Bibel sei verfälscht, dann sagt er seinen Zuhörern damit, dass es nicht ihre Schuld ist, dass sie von der Bibel nicht ausreichend bewegt wurden. Mohammed nimmt ihnen damit zuerst ihre Angst und dann präsentiert er ihnen eine Botschaft, die seine Zuhörer unmittelbar berühren kann, weil sie direkt von ihm kommt.

Weil er zu Arabern spricht, erzählt er die biblischen Geschichten aus einer arabischen Perspektive. Die biblischen Geschichten von Ismael und Isaak bieten die einzigartige Chance, sein Volk von Anfang an in der Gründergestalt der Bibel zu verwurzeln. Wir sehen, wie die göttliche Inspiration hier nicht nur die Bibel neu schreibt, sondern auch die Geschichte der Araber. Heiler, Visionäre und Propheten aller Kulturen – und auch die Autoren der Bibel – haben seit je her traditionelle Geschichte transformiert und dazu benützt, ihren konkreten Zuhörern ein klares Netz von Koordinaten zu geben zur Orientierung in einer verwirrenden Welt.

 

Was ist jetzt also verkehrt, die neue muslimische Version oder die alten biblischen Geschichten? Von unserer „wissenschaftlichen“ Auffassung von Wahrheit her muss mindestens eine der beiden Versionen als „falsch“ betrachtet werden, wenn nicht alle beide. Aber weder die Bibel noch der Koran sind interessiert an unserem wissenschaftlichen Konzept von „Wahrheit“.

 

Die göttliche Inspiration möchte den Zuhörer erleuchten

Wenn wir Bibel und Koran wirklich verstehen wollen, müssen wir zuerst verstehen, was „Wahrheit“ für die Bibel und für den Koran bedeutet. In anderen Worten, wir müssen die zentrale Bedeutung der Hörer einer Botschaft verstehen. Dann sehen wir, dass etwas, das in einem Kontext als „wahr“ gilt, in einem anderen Kontext falsch sein kann und umgekehrt – abhängig von der Perspektive der Zuhörer.

In einem arabischen Kontext muss Ismael der Rechtsnachfolger von Abraham sein, wie es im jüdischen Kontext Isaak sein muss.

Das sind die Wirk-lichkeiten hinter der Bibel und hinter dem Koran.

In der Zeit und Kultur des Mohammed haben die Geschichten der Bibel, besonders für eine arabische Zuhörerschaft, deplatziert geklungen. Sie betrafen ein anderes Volk und dieses exklusiv. Daher waren sie aus der Perspektive der Araber „verfälscht“ – obwohl sie natürlich für die Zuhörer, für die sie zunächst gedacht waren, genau gepasst hatten. Veränderte Bedingungen verändern eben auch die Möglichkeiten der Rezeption und so kann etwas, das zunächst richtig war, für neue Zuhörer falsch sein.

Hat Mohammed die Bibel nun verfälscht, indem er Versionen biblischer Geschichten erzählt hat, die den mehr als eintausend Jahre älteren biblischen Originalen widersprechen? Nein, aus der Sicht der Zuhörer Mohammeds hat die göttliche Inspiration ihn dazu veranlasst, das wohlbekannte biblische Material zu benützen und neue Originale daraus zu schaffen. Die Muslime sagen: der Erzengel Gabriel hat sie dem Propheten Mohammed aus „der ewigen Ur-Offenbarung“ übermittelt. Die ewige Ur-Offenbarung behauptet, die Bibel sei verfälscht; mit diesem Anspruch bekommen die gegenwärtigen Zuhörer nun ein wahres Original. Es wird ihnen nicht einfach eine traditionelle Geschichte erzählt; sie werden in direkten Kontakt gebracht mit der Quelle der Offenbarung. Und die biblischen Geschichten des Alten wie des Neuen Testaments sind auf ähnliche Weise entstanden, inspiriert / geoffenbart worden.

Die Geschichten werden erzählt, um eine Wahrheit zu übermitteln; sie selbst sind nicht die Wahrheit. Sie sind nur die Vehikel der Wahrheit. Im spirituellen Sinn ist Wahrheit nicht eine Sache von Tatsachen oder von Logik. Die Wahrheit eröffnet sich vielmehr in einer existentiellen Erfahrung, letztlich in der Erfahrung der Beziehung zwischen dem konkreten Menschen und seinem Schöpfer. Solche Erfahrungen zu vermitteln, ist das einzige Ziel der Heiligen Schriften und ihrer Geschichten.

Das gilt auch von einer anderen koranischen Behauptung:

 

Kontroverse 2: Ist Jesus am Kreuz gestorben?

Der Koran sagt, Jesus sei nicht am Kreuz gestorben. Rein logisch wird damit das Grundelement des Christentums geleugnet: Ohne den Tod Jesu keine Auferstehung – also eine gründliche Dekonstruktion der ganzen christlichen Religion.

Die hellenistischen Glaubensformeln klangen fremd in den Ohren des Propheten und seiner Leute. Und offenbar hat Mohammed auch keine Christen getroffen, die ihm eine Auferstehungserfahrung vermittelt hätten. Jesus ist Mohammed nicht so erschienen, wie er Paulus erschienen ist. Die grundlegende Geschichte des Christentums hat den Propheten Mohammed nicht zu einer existentiellen Erfahrung von Wahrheit geführt. Daher ist ihm diese Geschichte nicht als geeignet erschienen, in seinen Zuhörern eine derartige Erfahrung hervorzurufen; er musste daher eine neue Geschichte gestalten. Er musste der christlichen Religion eine neue Religion entgegen setzen, deren Wahrheit von allen erfahren werden konnte, zu denen er gesprochen hat.

 

Der Zuhörer ist alles, was zählt

Offenbar gibt es etwas, das wir von den Autoren der Heiligen Schriften lernen können: da alles immer einer bestimmten Zuhörerschaft geoffenbart wird, Menschen, die zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Kultur leben, mit bestimmten Fragen und Nöten, ist Offenbarung niemals zeitlos.

Dennoch kommt die geoffenbarte Antwort immer aus der zeitlosen Wirklichkeit des Menschseins. In einem Menschen, der Zugang hat zur Erfahrung seiner zeitlosen Wirklichkeit, oder wie Jesus es sagte, seiner Verbindung mit dem „Vater“, ist der Kanal dieser Verbindung geöffnet. Der Koran nennt diese Verbindung „Erzengel Gabriel“, denn durch sie kann „Gott“, also der ewige Ursprung, zu den Menschen sprechen. In heutigen Worten: Die Fähigkeit, mit der zeitlosen Wirklichkeit Kontakt aufzunehmen, ist grundgelegt in der „menschlichen Natur“. Unter bestimmte Bedingungen erlaubt die menschliche Natur eine Öffnung des Kanals der Offenbarung.

Jede konkrete Offenbarung aber, die durch diesen Kanal fließt, ist von den Lebensumständen des konkreten Offenbarungsträgers abhängig und daher geformt vom Geist seiner Zeit. Daher muss sie aus jeder neuen Zeit heraus von jemand, der in Verbindung mit der zeitlosen Wirklichkeit steht, neu interpretiert werden.

Seit den Zeiten der heiligen Bücher sind weltweit Ideale in den Vordergrund getreten, die damals eine wesentlich geringere Rolle spielten, wie eben der wissenschaftliche Begriff von „Wahrheit“. Dadurch kommt die Glaubwürdigkeit der Religion heute in Bedrängnis. Und wir stehen vor der Frage, wie jetzt, nachdem die Relativität der Offenbarung offenbar geworden ist, ihre ursprünglich intendierte Wirkung wieder eintreten kann.

Meines Erachtens ist das nur möglich, wenn die Veränderungen in den Wertesystemen mit bedacht werden. Auf diese Weise wird der Glaube eines Menschen einen evolutionären Wandel erfahren. Er wird jetzt nicht mehr nur über die Zugehörigkeit zu der Gruppe definiert, besonders wenn eine Mehrheit in dieser Gruppe sich mit einem buchstäblichen Verständnis der Geschichten der eigenen Tradition identifiziert, sondern Glaube wird, jenseits jeder Gruppenidentifikation, zu einer existentiellen Erfahrung; in anderen Worten, der Gläubige kommt durch diese Sicht selbst in einen Zustand der Offenbarung. Er das allen Menschen Gemeinsame erfahren, nämlich die menschliche Natur, wie sie sich von Natur aus beugt unter die Größe des Schöpfers. Dieses sich Beugen wiederum ist die Grundlage für eine weitere existentielle Erfahrung, nämlich dass ein Mensch  nicht alles aus sich selbst heraus schaffen muss, sondern dass seine Energie, Kreativität, Ausdauer usw. im realen Leben aus der Fülle des Ewigen fließen.

 

Der Wert der eigenen Tradition

Der natürliche Weg zur Erfahrung dieser Fülle ist nach wie vor der Weg der eigenen Tradition. Diese Tradition hat jetzt aber nicht mehr den Stellenwert, den sie vorher hatte. Während sie in keiner Weise abgewertet ist, gilt sie jetzt nicht mehr ausschließlich. Und jemand der diese Bewusstheit erreicht hat, wird erkennen: Die Idee der Ausschließlichkeit hat die Gläubigen nicht zu der Erfahrung geführt, die in der Offenbarung ursprünglich intendiert war – mit anderen Worten – zur Offenbarung selbst – im Gegenteil, aus der Enge der alten Exklusivität sind die Gräuel der Vergangenheit entstanden – und solange einige Mitglieder irgendeiner Gruppe weiterhin „Glauben“ mit Gruppenzugehörigkeit verwechseln, mit Gruppen-Ego, wird es per Definition Außenseiter geben und Hass und möglicherweise sogar schwere feindliche Übergriffe.

Aber obwohl die eigene Tradition nicht mehr absolut gilt, wirkt sie doch immer noch hinreichend dafür, dass ein ehrlicher Suchender durch sie die existentielle Erfahrung finden kann, von der wir gesprochen haben. Und sollte die eigene Tradition aus irgendwelchen Gründen nicht in die ehrfurchtsgebietende Bewusstheit des Ganzen führen, dann gibt es die Möglichkeit sie in anderen Traditionen zu finden. Die Relativität der Traditionen zu sehen vermindert die Fähigkeit des Suchers, den Zustand der Offenbarung zu erreichen, in keiner Weise – im Gegenteil, seine Chancen werden größer sein als diejenigen, die den Gläubigen der Zeiten automatischer Gruppenidentifikation zur Verfügung standen. Die Relativierung hat uns sogar bereichert, denn zusätzlich zu den traditionellen Wegen zu wahrer spiritueller Erfahrung findet der Sucher jetzt wahre und unbeschränkte Toleranz und Respekt für alle anderen Wege zu Gott – und das wird natürlich zum Weltfrieden beitragen.

 

Um die Problematik der Gruppenzugehörigkeit anzusprechen, aber ohne dies in der heute mögliche Weise logisch abzuleiten, empfiehlt der Prophet Mohammed seinen Gläubigen im Fall des Aufkommens religiöser Streitfragen einfach zu sagen: „Dir dein Glaube, mir mein Glaube!“ und damit die Diskussion ohne Streit zu beenden. Dieser Rat ist immer noch weise und gültig. Dennoch können wir heute, mit unseren Voraussetzungen der wissenschaftlichen Betrachtung, einen Schritt weiter gehen und die Widersprüche selbst ansprechen: Indem wir unsere Perspektive wechseln, können wir diese Widersprüche verstehen, nicht als Gegensätze von wahr und falsch, sondern als verursacht durch die Unterschiede von Kultur und Sozialisation.

 

Ein Beispiel aus dem Christentum:

Kontroverse 3: Ist Jesus der Sohn Gottes?

Die Christen sagen – und das beleidigt Juden wie Muslime – Jesus sei „der“ Messias und „der“ Sohn Gottes.

Die Juden werden beleidigt, weil ihnen damit gesagt wird, sie hätten den Messias verschlafen und „den Sohn Gottes“ nicht erkannt. Und aus diesem Grund wird ihnen sogar „Gottesmord“ vorgeworfen.

Die Muslime werden beleidigt, weil für sie völlig undenkbar ist, dass Gott einen Sohn haben könnte. Darüber hinaus macht die christliche Vorstellung von der metaphysischen Natur Jesu eine spätere Offenbarung, wie die durch Mohammed, unmöglich, weil es doch nichts geben kann, was über die Inkarnation Gottes hinausgeht.

Wie also könnte die christliche Aussage von Jesus, dem Messias und Sohn Gottes, so verstanden werden, dass sowohl Juden wie auch Muslime zustimmen könnten?

 

Jesus selbst gibt eine Erklärung, der die Muslime voll zustimmen können. Das Evangelium des Johannes (Joh 10,33-38) berichtet, er habe in etwa gesagt: Warum sollte ich mich nicht „Sohn Gottes“ nennen, wenn ich doch um meinen göttlichen Ursprung weiß und wenn ich doch den Willen meines himmlischen Vaters tue?

Diese Aussage entspricht dem islamischen Verständnis eines jeden Boten Gottes genau. Aber die Sicht Jesu von sich selbst ist Äonen entfernt von den späteren dogmatischen Formulierungen über die Trinität. Um diese Formulierungen zu verstehen, wird es hilfreich sein, sich zu erinnern, was im vorherigen Abschnitt über Neufassungen alter Geschichten gesagt worden ist, dass nämlich solche Geschichten, wenn sie in späteren Schriften neu erzählt werden, immer an die veränderte Welt der neuen Zuhörer angepasst werden. In diesem Fall gehörten die neuen Zuhörer nicht arabischen Stammeskulturen an, sondern der hellenistischen Welt des dritten und vierten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Und während in der Bibel noch jeder Mensch ein Kind (also Sohn oder Tochter) Gottes ist, konnte es in der Vielfalt des hellenistischen Götterhimmels eine Variante geben, in der ein einziger Gott einen einzigen Sohn hat. Für Menschen, die in einer hellenistischen Welt groß geworden waren, war es eben genau richtig, Jesus als den einzigen Sohn Gottes zu sehen. Aber in unserer Zeit haben die hellenistischen Definitionen ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Sie sind verkommen zu glanzlosen Gruppenidentifikationsabzeichen, und damit eignen sie sich für viele nicht mehr als Wege zu der unmittelbaren Beziehung, von der Jesus wollte, dass jeder Einzelne von uns sie findet.

 

Selbst das Wort „Vater“, das Jesus so wirksam benützt hat, wird in einer „vaterlosen Gesellschaft“ nicht mehr entsprechend verstanden. Die alten Geschichten müssen daher heute, ähnlich wie Mohammed es für seine Zeit und Kultur getan hat, ganz neu erzählt werden, damit sie wieder wirken können.

 

 

 

Zuletzt ein Beispiel aus dem Judentum:

Kontroverse 4: Ist Jesus eine historisch Person?

Die Juden lehnen Jesus ab, indem sie ihn vollkommen ignorieren. Mit diesem Ignorieren aber beleidigen sie nicht nur die Christen, sondern auch die Muslime, weil Jesus den Muslimen neben Mohammed als der größte Prophet gilt.

 

Das tägliche Leben hat Jesus gezeigt, dass die strikte Einhaltung des Gesetzes in vielen Einzelfällen zu Ungerechtigkeiten führte und die Barmherzigkeit Gottes verschleierte. Er plädierte daher für den „Geist“ – im Gegensatz zum „Buchstaben“ des Gesetzes. Damit allerdings öffnete er das Tor für die spätere vollständige Abkehr vom Gesetz und die neue ethische Tradition des Christentums.

Damit ermöglichte er aber auch Nichtjuden, den Einsichten der jüdischen Patriarchen und Propheten zu folgen. Dennoch konnten die Juden diese Relativierung ihres Gesetzes nicht tolerieren. Es hätte ihre Existenz als „Gottes erwähltes Volk“ gefährdet. Es war für sie daher notwendig, am Buchstaben des Gesetzes festzuhalten. Auf diese Weise konnten sie ihre religiöse und kulturelle Identität bis heute bewahren. – Aber natürlich mussten sie den Preis dafür bezahlen: Sie mussten einen der größten ihrer Söhne aus ihrem kollektiven Gedächtnis löschen.

Das können die Christen und die Muslime heute verstehen. Toleranz bedeutet für sie daher nicht die Zähne zusammenbeißen und das nicht Akzeptable zu akzeptieren, sondern die Existenzbedrohung zu sehen, die Jesus für die Juden als Volk bedeutete, und daher ihr Beharren der auf ihre Sicht zu akzeptieren – und ebenso auch ihre Reaktion auf Jesus und die neue Bewegung, die von ihm ausging. Denn das ist die Wahrheit aus der Perspektive der Juden.

 

Schluss

Auf diese Weise können die am meisten kontroversiellen Konfliktpunkte zwischen den Abrahamiten verstanden und geklärt werden. Es wird, hoffentlich, deutlich geworden sein, dass es nur unterschiedliche Aspekte ein und desselben Gegenstands sind. Und es wird, hoffentlich, auch klar geworden sein, dass sich diese Unterschiede nicht eliminieren lassen, weil in einer mehrdimensionalen Welt die gleichen Dinge von verschiedenen Standpunkten aus jeweils anders aussehen. Es sollte darüber hinaus aber auch klar geworden sein, dass nicht nur der Raum, sondern auch die Zeit die Perspektiven verändert und Anpassungen nötig macht.

Und ich hoffe, dass Sie, als der Leser von heute, auch sehen werden, dass sich der Islam in unserer Zeit den Wissenschaften voll öffnen wird müssen und auch für deren Zug, alles und jedes in Beziehung zu setzen, es also zu relativieren. Das Christentum muss sich unter dem gleichen Anspruch für eine Terminologie öffnen, die nicht mehr an die Weltanschauung des Hellenismus gekoppelt ist. Ob und wie weit auch im heutigen Judentum eine geistesgeschichtliche Trägheit wirkt, müssen die Juden selbst entscheiden.

Dann aber steht gegenseitiger Anerkennung, gegenseitigem Respekt und einem friedlichen Zusammenleben nichts mehr im Wege.

 

 

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