Zu 1Kor 15,28

22. 12. 2002

 

 

 

„Wann ihm das All aber unterworfen wurde, dann wird der Sohn selbst sich dem unterwerfen, der ihm das All unterwirft, damit Gott alles in Allem sei.“

 

Paulus bringt einfach auf den Punkt, worum es geht.

Er sagt, zuerst muss sich der Christus durchsetzen, dann wird der Christus sich unterwerfen.

Das bedeutet, zuerst muss unsere innere Natur siegen, dann können wir uns unterwerfen, denn – „der Christus“, das ist die in Gen 1,26 erklärte göttliche Abkunft des Menschen, also unsere wirkliche Natur. Unser Leben ist der Beweis dafür, denn – in der Lebenseinstellung, die auf diesem Bewusstsein beruht, finden wir unsere tiefste Identität, unser wahres Ich, das Ziel unserer Sehnsucht.

Außerdem erkennen wir in der Beleuchtung des Kontrasts zwischen unserem Ist-Zustand und dieser Sehnsucht unsere sonst verborgenen Abhängigkeiten. In der Bibel [und im Koran] wurden diese Abhängigkeiten als Ursache allen Übels ,,Götzendienst“ genannt, heutige Therapeuten sprechen von nicht bewusst wahrgenommenen Abhängigkeiten und daher von einem zu erhellenden Unbewussten.

„Der Christus“ ist demgegenüber der menschliche Kern, der zum Vorschein kommt, wenn alles Unbewusste aufgeklärt ist. Wenn ein Mensch also unbehindert von unbewussten Blockaden seiner Natur folgt, erscheint er als „ein Christus“ in seiner natürlichen Menschlichkeit und Menschenfreundlichkeit. Wenn alle Ressentiments abgebaut sind, dann kommt diese unsere natürliche Natur [im Gegensatz zu der durch unsere behindernden Umstände angenommenen Natur] zum Vorschein, die Art Natur, die auch die Natur Jesu war, die Natur, die unser „himmlischer“ Vater uns gegeben hat, also die „Form“, die die schöpferische Kraft in unserer Art angenommen hat.

 

Diese Natur kommt nicht zum Vorschein durch irgendwelche Moral oder durch sonstigen Zwang, sondern nur durch Sensitivität, also durch Bewusstheit und durch die Absicht, es gut zu machen und nicht überrascht zu sein über Fehler.

Fehler sind ganz normal. Wir lernen über Versuch und Irrtum. Wir müssen den Versuch aber erst mal wagen – und welchen Versuch? Den Versuch, es gut zu machen, effektiv zu sein, das zu erreichen, was wir intendieren. Dazu natürlich dürfen wir nicht mehr zwanghaft unseren unbewussten, einprogrammierten Mustern folgen. Wir müssen [immer] imstande sein, neu zu prüfen, was jetzt effektiv sein könnte, wir müssen also aufmerksam sein, das heißt bewusst.

Wenn jemand sagt, das ist mir zu anstrengend, ich will lieber einen leichteren Weg gehen, dann brauchen wir ihn nicht zurückhalten, dann muss er erst die anderen Erfahrungen machen, vor allem Erfahrungen des Scheiterns. Nur diejenigen, die bereit sind [entweder weil sie diese Erfahrungen schon gemacht haben oder weil sie aufgrund günstiger Umstände von vornherein vertrauen], können die Worte hören. Die anderen glauben es noch nicht, sie müssen erst die Erfahrungen machen, die sie lehren, zu hören, denn nur darum geht es.

 

In der Lebenspraxis dieses Weges geht es daher um Hören und in der Konsequenz des Hörens dann logischerweise darum, dem Gehörten zu folgen – also Wünsche zu erfüllen, am besten natürlich Wünsche, die erst geahnt werden, die also noch gar nicht an die Oberfläche gedrungen sind. Diese Wünsche des Anderen zum Bewusstsein zu bringen und sofort in einer positiven Weise zu beantworten, das ist der Weg. Auf diesem Weg gewinnen wir den Anderen, auf diesem Weg werden wir, wie Jesus es gesagt hat, zu „Menschenfischern“.

Wenn wir eine Lösung erreichen wollen, dann müssen wir als Gelöste handeln, und das bedeutet eben, dass wir den anderen gewinnen, in jedem Moment neu. Wir können ihn nicht mit alten Formeln gewinnen, obwohl die natürlich auch dabei sein dürfen, weil sie ja zu unserer Geschichte gehören, aber wir müssen sie doch jetzt neu auf die gegenwärtige Situation anwenden. Als Gelöste leben bedeutet, in der Hingabe leben, die aus der Bewusstheit hervorkommt, aus dem Wahrnehmen dessen, was wir wollen und was der andere will.

Die Wünsche des Anderen erfüllen, heißt aber nicht, ihnen zwanghaft (aus einer Moral oder aus einem anderen Zwang heraus) nachzugeben [das wäre, was heutige Therapeuten „Ko-Abhängigkeit“ nennen], sondern ihnen nur so weit nachzugeben, wie dies auch dem eigenen, von einer übergeordneten Perspektive aus wahrgenommenen Lösungsbild entspricht; es geht ja um eine Einigung, nicht um Zwang, und daher natürlich auch nicht darum, sich dem Zwang eines anderen zu unterwerfen, sondern dem anderen immer nur so weit entgegenzukommen, als es auch der eigenen Sehnsucht entspricht oder der eigenen Einsicht in die unvermeidlichen Kosten eines Unternehmens und sei es des Unternehmens, mit seiner Partnerin zu sprechen.

Wir müssen überlegen, welcher Einsatz was bringt und dann natürlich das tun, was in seinem Effekt unserer Intention entspricht, was die Kommunikation also vertieft, bewusster macht, auf den Punkt bringt. Wenn wir effektiv sein wollen, dürfen wir natürlich nicht verletzend vorgehen [außer wir würden klar sehen, dass das in diesem Moment angebracht (= effektiv im Sinn unserer Intention) ist], nicht mit Vorwürfen irgendeiner Art, sondern den Standpunkt des anderen einnehmend, verstehend, auch eingedenk der eigenen Fehler und Schwächen. Das bedeutet natürlich aber auch, dass wir dem anderen sagen, wenn wir verletzt sind durch etwas, was er/sie getan hat.

Das wiederum macht eine Unterwerfung notwendig unter die mögliche Folge, dass unser Eingeständnis der eigenen Schwäche zum Angriff gegen uns benützt wird. Nur werden wir jetzt auf einen Angriff anders reagieren, nicht mehr durch einen Gegenangriff [zu dem uns möglicherweise außerdem die Kraft fehlt], sondern eben durch Verstehen, durch ein Eingehen auf uns selbst und auf den anderen, damit ein möglicher Ausgleich der Interessen entstehen kann. Ziel ist natürlich nicht ein fauler Kompromiss, sondern ein sich Einigen wie bei einem Handel unter Gleichen, ich geb dir das, du gibst mir das. Das bedeutet „Respekt“ vor der göttlichen Erscheinung des Anderen.

Der Ausgleich steht allerdings erst am Ende der persönlichen Entwicklung, zunächst stehen wir in der Bringschuld, denn um jemand zu gewinnen, müssen wir in Vorleistung treten. Und damit wir dazu fähig werden, müssen wir uns als erstes mit unseren eigenen Abhängigkeiten auseinandersetzen, sie erst überhaupt einmal erkennen. Damit erledigen sich unsere Vorwürfe gegen die Abhängigkeiten des Anderen von selbst. Und das wird uns sehr helfen, denn, so sehr wir uns über den Anderen vielleicht ärgern mögen, Vorwürfe bringen einfach nicht das Ergebnis, das wir erreichen wollen, sie bringen nur Abwehr. Wenn wir etwas erreichen wollen beim Anderen, können wir das nur, indem wir diese Abwehr umgehen, indem wir uns aller Urteile über ihn enthalten und dann uns ihm zeigen. Nur damit können wir ihn gewinnen. Das, diese Bescheidenheit und Ehrlichkeit, dieser Mut zur Schwäche, ist das Neue, das jetzt die Beziehung charakterisiert. Es geht um ein klares Angebot und um eine klare Nachfrage. Uns muss klar sein, dass wir etwas bieten müssen, wenn wir etwas wollen und dass wir es zuerst bieten müssen. Erst dann können wir nach etwas fragen und selbst um etwas bitten. Das gilt auch in Notfällen, also wenn wir nichts zu bieten haben und nur Hilfe brauchen. Auch da müssen wir unsere Bitte anbieten [die ja wie ein Schuldschein ist] und uns einem möglichen Nein aussetzen.

So sieht Bewusstheit praktisch aus.

 

Und dadurch, dass wir mit unseren Beziehungen jetzt auf diese Weise bewusst umgehen, werden wir menschlich. So wird der Christus in uns lebendig und er fängt an zu herrschen. Und wenn er alles beherrscht, dann unterwirft er sich selbst dem Herrscher des Alls, damit dann Gott alles in allem sei.

Die schöpferische Kraft hat natürlich seit je her immer und überall geherrscht und es gibt in der Wirklichkeit nichts, wo sie nicht herrscht. Aber wir haben die Fähigkeit, uns für die Wirklichkeit blind zu machen und uns einzubilden, selber zu herrschen. Doch dann geraten wir in Widerspruch zur universellen Herrschaft der schöpferischen Kraft und sie wird uns unweigerlich durch frustrierende Erfahrungen schmerzlich lehren, unsere Illusion zu durchschauen.

 

Jesus ist deshalb der exemplarische „Christus“, weil er in exemplarisch reiner Weise den Herrscher herrschen hat lassen. Dadurch ist er der Archetyp des Menschseins geworden, später als der einzige „Sohn Gottes“ oder gar als „Gott selbst“ missverstanden. Aber nur als Archetyp kann er der Typ sein, dem wir gleichförmig werden wollen in unserer Einstellung dem Leben gegenüber. Und nur so können wir entdecken, dass sein Typ unser eigener Typ ist, unsere innerste Sehnsucht.

Erst in dieser Art Leben können wir wirklich loslassen und uns entspannen und gleichzeitig zupacken, wenn es nötig ist, denn dann hält uns nichts mehr fest, dann sind wir direkt in der Spur des Göttlichen und unser Handeln ist nicht mehr vermittelt durch unsere Urteile über „gut“ und „schlecht“, die laut Gen 2,17 ja die Ursache sind für unser Unglück.

Logisch, dass wir dann auch mehr von dem erreichen, was wir wollen [weil wir damit den Sündenfall rückgängig gemacht haben und wieder ins Paradies zurückgekehrt sind] – aber es ist nun nicht mehr das, was wir vorher wollten, „Gott“ hat ja nun die Zügel in der Hand, wir übergeben sie „ihm“.

„Er“, „Gott“? Wer soll das sein? Es ist das Leben, es sind die Situationen, in denen wir stehen. In diesen Situationen begegnet „Er“ uns von außen. Nur da gibt es einen „Nächsten“, der kein Gedankenobjekt ist, sondern ein realer Mensch. Wenn wir ihn respektieren, werden wir alle Wesen so gut wie möglich bedienen, und damit werden auch wir selbst so gut wie möglich gut bedient werden.

„Gott herrscht“ bedeutet, dass wir uns an die Situation hingeben, in der wir stehen, in jedem Moment neu, dass wir unser Gegenüber als etwas Göttliches sehen, in normaler Sprache als einen ernstzunehmenden Menschen, der leben will, so wie wir auch, und der eben auch nur kriegen kann, was wir ihm geben oder was andere ihm geben. Und was will der Andere? Letzten Endes das Gleiche wie wir, nämlich dass seine Sehnsucht Erfüllung findet. Wenn wir uns daher gegenseitig Sehnsüchte erfüllen können, dann bringt uns das den Himmel auf die Erde. Wenn Gott also herrscht, dann leben wir im Paradies.

 

Unter diesem Aspekt müssen wir werben für das, was wir wollen und uns dann freuen, wenn wir es bekommen, es als Geschenk sehen – und daher nicht frustriert sein, wenn wir es nicht bekommen, wenn das unverdiente Geschenk also ausbleibt. Wir haben keinerlei Anspruch. Wir brauchen aber auch keine Angst haben, dass unsere Not nicht gewendet wird, denn wenn wir uns trauen, zu sagen, was wir möchten und bereit sind, den Preis zu bezahlen, werden wir, so gut es nur geht, unsere Wünsche erfüllt bekommen. Unsere Chancen sind dann also optimal. Und wir brauchen auch keine Angst haben, unsere Bedürftigkeit und unsere Mängel zu äußern, denn wir wissen: Jeder hat Wünsche und jeder hat Fehler, beides ist ganz normal und unvermeidlich. Aber wichtig ist, dass wir zu dem stehen, was da ist, dass wir unsere Fehler also auch zugeben, besonders, wenn sie uns vorgeworfen werden. – Wenn wir den anderen gewinnen wollen, müssen wir wissen, wir haben keine Kontrolle über den Anderen. Wir können daher auch Vorwürfe und ungerechte Behandlungen nicht verhindern, wir können uns nur an unsere eigene Neigung zu verletzen erinnern und verstehen, dann haben wir eine Chance. Dann können wir den Anderen gewinnen. Es gibt nur diesen einen Weg. Alles andere führt nur zur Frustration. Jeder Zwang hat seinen Teufelsfuß. Frieden gibt es nur durch Übereinstimmung. Die muss erreicht werden. Und wir müssen damit anfangen. Das ist die Regel.

 

Unter dieser Regel müssen wir laufen wie in einem Wettkampf. Wir müssen so laufen, dass wir siegen. Das meint Paulus. Das ist angewandte Bewusstheit.

Genau so ist auch Jesus mit den Menschen umgegangen. Er hat ihre Sehnsucht gefühlt und er ist ihr entgegengekommen.

Damals gab es viele individuelle körperliche Heilungen, heute ist vielleicht auch noch eine andere Art von Heilung gefragt, und sie wird dadurch möglich.

 

In dieser Bewusstheit hat ein neues Leben für uns schon begonnen; es ist das göttliche Leben, es ist unser zweites Leben, unsere Wiedergeburt zu Lebzeiten.

 

 

Was ist nun aber mit dem von Paulus auch angesprochenen „Leben nach dem Tod“?

Wenn wir in dieser Bewusstheit nicht nur durchs Leben, sondern auch in den Tod gehen, dann kann es durchaus sein, dass wir bewusst in ein anderes Leben gehen, dass wir durch den Tunnel des Todes hindurch bewusst bleiben. Und sollten wir unser Bewusstsein verlieren, wie im Schlaf, dann könnte es darauf ankommen, dass wir bereits vorher in unserem Leben genug Übereinstimmung gefunden (= erzeugt) haben, dass wir damit zufrieden sein können, sodass wir unser Leben nicht bereuen müssen. Und wir werden es sicher nicht bereuen müssen, wenn wir an uns gearbeitet haben, egal in welchem Stadium wir ausgeschieden sind, denn dann werden wir von der göttlichen Kraft wissen und davon, dass sie unser Wesen ist, das uns niemals im Stich lassen kann.

Die einen werden also möglicherweise sehenden Auges überwechseln in die andere Dimension eines anderen Lebens, die anderen werden vielleicht von der Kraft transponiert werden und dann feststellen, dass es genau richtig war, wie wir jetzt auch feststellen können, dass unser Schicksal uns genau angemessen ist.

Aber wir brauchen ein Leben nach dem Tod nicht dogmatisieren. Wir können auch mit denen in Frieden leben, die nicht an ein Leben nach dem Tod glauben mögen. Für sie gilt natürlich dieselbe Regel. Wenn sie so sensitiv wie möglich werden und bewusst, dann wird ihr Leben so reich wie möglich. Daher ist es für dieses Leben egal, ob einer an ein Leben nach dem Tod glaubt oder nicht. Für einen, der jetzt richtig lebt, ist es tatsächlich egal, ob es ein solches Leben nach dem Tod gibt, denn sein Einsatz ist doch schon in diesem Leben optimal. Befriedigend ist ohnehin nur das Leben eines Samurai, also die Art des Lebens, wie Jesus es geführt hat. Schon im Leben ist das Leben Jesu ja unübertrefflich, nicht weil er so gut war, sondern weil er durch sein Fühlen und durch seine Unterwerfung Gott gleichförmig geworden ist. Er war eins mit der Kraft, ein Meister des „Kung Fu“, der innersten Wahrheit. Was könnte besser sein? Nur so sind wir vollkommen, wie unser himmlischer Vater vollkommen ist [der es regnen lässt über Gute und Schlechte].

 

„Gott folgen“ heißt, an der Stelle, an der wir stehen, uns dem Leben aussetzen; im Vertrauen auf die stets gegenwärtige schöpferische Kraft so handeln, dass das Beste dabei herauskommt, so wie Jesus es auch gemacht hat.

„Ihn hat es das Leben gekostet“, könnten wir denken – aber wir sind nicht er. Uns muss es daher nicht das Leben kosten. Abraham, der im gleichen Geist gelebt hat wie er, ist schließlich „alt und lebenssatt“ gestorben. Aber es wird uns in jedem Fall unser altes Ich kosten, denn das kann nicht mit uns überwechseln in die andere Dimension, denn in der anderen Dimension herrscht Gott. Und niemand kann zwei Herren dienen.

Das Ich ist der Götze – so scheint es allerdings nur,  denn eigentlich ist es nicht unser wirkliches Ich, aber wir identifizieren uns eben mit den Götzen. In der Einbildung, für die wir uns halten, werden wir zu Sklaven unserer Abhängigkeiten. Wegen der Einbildung wollen wir sie ja nicht loslassen. Wenn wir sie aber loslassen, entdecken wir, dass wir etwas viel Besseres dafür bekommen, nämlich genau das, was wir ersehnen. Aber nun sind wir nicht mehr die Gleichen, denn das Ich, das sich in uns sehnt, ist unser göttlicher Kern, und im Bewusstsein vereint mit ihm sind wir nun in einem neuen Leben.

 

Der [recht verstandene] Glaube an den historischen Jesus ist deshalb [für die Christen] so wichtig, weil er sie auf diesen Weg führt. Sobald wir auf diesem Weg sind, sind wir selbst der Christus. Und der unterwirft sich freiwillig der schöpferischen Kraft, denn sie führt ihn am besten, viel besser als die besten Pläne eines noch so klugen Ich es könnten. Unter der Führung der schöpferischen Kraft entwickelt sich unser Weg organisch, nicht mehr durch Zwang, wie noch unter der Führung des Ich.

Zwang bedeutet, Beelzebub mit Beelzebub austreiben. Das ist nicht nötig, wir brauchen nur folgen, sensitiv werden, spüren, wahrnehmen. Dann ist unsere Reaktion schon richtig.

 

In dem Moment, in dem uns das alles bewusst wird, ist die Erleuchtung da – der Punkt der unio mystica ist erreicht. Dann gibt es nur noch eine Konsequenz: Hingabe an dieses Eine.

Ausgeliefert sein an dieses Eine ist, wie schon gesagt, nicht eine Frage der Faktizität, sondern nur eine Frage der Bewusstheit. Unterworfen sind wir ja ohnehin, warum also nicht freiwillig? Dann nämlich sind wir im Fluss – und frei.

Durch unsere Unterwerfung gewinnen wir die Freiheit, das ist das Paradox des Lebens. Deshalb sagte Lao-tse „es ist widersinnig den Wesen“, und deshalb kommen immer nur wenige dort hin, „die kleine Schar“, von der Jesus gesprochen hat, die beschränkte Zahl der Auserwählten in der Apokalypse. Aber deshalb bringt Jesus das Gleichnis vom Schatz und von der Perle. Für „diejenigen, die Ohren haben“, zahlt es sich aus.

 

Dass es nur um Bewusstheit geht, ist natürlich keine neutestamentliche Ausdrucksweise, aber „Bewusstheit“ bezeichnet in der Sprache unserer Zeit genau das, was Jesus oder Paulus intendieren.

Bewusstheit bedeutet das Sehen der Resonanz der Kräfte, der osmotischen Organisation des Kosmos. Bewusstheit bedeutet daher sehen, „wie Karma entsteht“, also sehen, dass eine künstliche [dem „gut“/“schlecht“ unterscheidenden Denken entspringende, nicht akzeptierende] Haltung und Handlung unerwünschte Nebenwirkungen hat. Nur das Folgen hat keine Nebenwirkungen, nur indem wir uns den Gegebenheiten unterwerfen und von diesen selbst bewegt werden, bleiben wir frei von Karma – eben wie ein Surfer sich der Welle zu 100% unterwerfen muss, damit er auf ihr reiten kann. Umso besser wir die Welle wahrnehmen, umso länger können wir oben bleiben und umso freier sind wir in unseren Bewegungen. So ist es mit allem. Deshalb: Unterwerfung macht frei.

Aber nun ist schon klar, dass es nicht um die Unterwerfung unter irgendeinen alten Aberglauben geht, sondern um die Unterwerfung unter die gegenwärtige Realität in ihrer ganzen Tiefe. Logischerweise geht es natürlich auch nicht darum, sich von irgendwelchen Realitäten wegschwemmen zu lassen, sondern sie zu benützen, wie ein Surfer die Welle benützt. Das braucht natürlich Sensitivität.

Sensitivität ist Bewusstheit. „Mitfühlen“ hat es der Buddha genannt. Die Nächstenliebe ist ein Prüfstein dafür, nicht als eine Leistung, als eine Moral, sondern als ein Zeugnis der Fähigkeit des Fühlens, als Bewusstheit. Sollte sich ein Mensch [durch Zwang] zur Nächstenliebe verbiegen, würde ihm das gar nichts helfen, denn er würde in seiner Unbewusstheit verharren, und der Pferdefuß würde sich zeigen, der Zwang würde sich rächen, wir würden uns rächen, entweder an den Anderen oder an uns selbst dafür, dass wir uns einem fremden Gott unterwerfen. Es geht daher in keiner Weise um Moral. Bewusstheit ist alles. Das ist der ganze Inhalt der Religion. Darin besteht der Christus und der Buddha, das allein macht einen Propheten, einen inspirierten Menschen, allein Sensitivität, Wahrnehmen, Bewusstheit.

 

Sensitivität ist uns möglich durch die uns angeborene Apparatur unserer Informationsverarbeitung. In ihr gibt es eine Funktion, die automatisch mit der Idee kommt, in der die Lösung liegt. So sind wir gebaut. Dieses Lösungs-Programm ist unserem Betriebssystem eingebaut. Aber dieses Programm kann erst wirken, wenn wir ihm nicht etwas Erdachtes, etwas Errechnetes entgegensetzen. Das heißt aber natürlich nicht, dass wir nicht denken sollten. Das Denken ist eine unserer Fähigkeiten, aber für einen fühlenden Menschen hat es eine untergeordnete Rolle. Seine Entscheidungen kommen nicht aus dem Denken, sondern aus dem Fühlen, aus dem Wahrnehmen der ganzen Realität, von der das Denken nur ein kleiner Ausschnitt ist.

Durch dieses Wahrnehmen auch der Ergebnisse des Denkens wie aller anderen Faktoren unserer Realität kann die Lösung automatisch erscheinen und wir können sie aufspüren. Diese automatische Lösungs-Funktion ist das, was oft auch „innere Stimme“ genannt worden ist. Sie genau zu hören, sie unterscheiden zu können von Verführungen, die möglichen Fallstricke zu erkennen, verlangt einiges an Sensitivität. Das alles sind die Bedingungen der Bewusstheit, des Wahr-Nehmens der Realität.

 

Ein Mensch, der die Realität wahr nimmt, nimmt natürlich auch die Kraft wahr, die die Realität beherrscht in den vielen ihrer Ausformungen. Er nimmt  damit „den“ wahr, der ihm das All unterwirft – und gerade indem er sich „ihm“ unterwirft, wird das All ihm unterworfen.

Die Formel des Paulus ist in beide Richtungen richtig, ja nur in beide Richtungen ist sie richtig.

Das „nicht mehr Knechte, sondern Freunde habe ich euch genannt“, ist eine genauso wesentliche Perspektive dieser Realität wie die des (dann logischerweise freiwilligen) „Sklaven JAHWE’s“.

Die „Freiheit des Christenmenschen“ beruht auf der Wahrnehmung dieser Realität, auf der Wahrnehmung der Dialektik des Lebens, in dem Freiheit erlangt wird durch Unterwerfung und in der Zwang entsteht durch Bestehen auf der Freiheit. Während der Trotzige erfährt, „nichts geht mehr“, erfährt der, der sich freiwillig unterwirft, dass alles geht, dass im Extremfall auf den Tod die Auferstehung folgt – genau in die Art von Leben, für die wir jetzt bereit sind.