Jesus für Leute, die an gar nichts glauben

Eine Ostergeschichte

 

 

In Deutschland gibt es den Spruch „das kommt mir spanisch vor“, wenn jemand etwas nicht geheuer ist, wenn er den Verdacht hat, dass da was nicht stimmt. Bezogen auf Jesus heißt das, dass die Einen die Geschichten über Jesus einfach so nehmen, wie sie da stehen, während andere diese Geschichten überhaupt ablehnen, weil ihnen einiges darin spanisch vorkommt.

Ich fand das meiste an Jesus brennend interessant, aber so einiges ist mir von Anfang an spanisch vorgekommen. Ich konnte es nicht glauben. Und möglicherweise können Sie es auch nicht glauben.

Ich habe daher versucht, zu verstehen, was es bedeuten könnte und habe entdeckt, dass es sich bei den unglaublichen Geschichten um etwas handelt, das die Japaner „Koan“ nennen, nämlich Rätsel, die man nur lösen kann, wenn man sich über alle Konventionen hinwegsetzt.

 

Es beginnt schon mit seiner Geburt:

Ein junger Zimmermann (oder war er schon älter und die Verbindung zwischen und ihm seiner künftigen Frau war von den beiden Familien arrangiert?), Josef, ist verlobt und er freut sich schon auf die Heirat, denn Maria, seine Verlobte, ist seine Traumfrau. Doch leider zeigt sich schon vor der Hochzeit, dass sie schwanger ist, aber nicht von ihm.

Das Gesetz der Ehre gebietet, dass er sich von ihr trennt, ja dass er sie bestrafen lässt. Steinigung war damals für Fremdgehen angesagt.

Doch weil er sie wirklich liebt, sucht er nach einer anderen Lösung.

Er ist ein frommer Mann und er schätzt die Bibel. Und dort findet er die Lösung: Jeder Mensch ist ein Kind Gottes. Damit ist auch das Kind, das seine Verlobte erwartet, nicht nur das Kind eines Fremden, sondern es ist ein Kind Gottes. In dem Bestreben, mit seiner Verlobten zusammen zu bleiben, entscheidet er sich entgegen aller Konvention, dieses Kind ausschließlich als Kind Gottes zu betrachten – und es auch so zu behandeln. Maria ist überglücklich und behandelt ihr Kind ebenso wie die Bibel jedes Kind betrachtet sehen möchte: als Gottes eingeborenen Sohn.

Unter solchen Bedingungen aufzuwachsen, niemals niedergemacht zu werden, immer als das Allerhöchste respektiert zu werden, ist natürlich ein absolutes Privileg.

Jeder weiß, welche Vorteile Kinder aus reichen Familien haben, ihr Selbstbewusstsein betreffend, aber da bleiben Respektlosigkeiten und zum Ausgleich dafür Eingebildetheit. Im Fall von Jesus hat das ständige Bemühen um die höhere göttliche Wahrheit wohl alle menschlichen Unzulänglichkeiten korrigiert.

 

Jesus war absolut privilegiert. Und er wusste das auch, weil er doch sah, wie praktisch alle von Klein auf beschädigt wurden. Und er sah, welche weiteren Folgen diese Beschädigungen hatten: Unzufriedenheit, Gewalt, Unterdrückung, Krankheit. Das alles lernte er sehen, weil bei ihm alles anders war. Sein Selbstbewusstsein wurde nicht beschädigt und wenn es doch einmal geschah, wurde es sofort repariert, weil seine Eltern es heil sehen wollten.

So wuchs Jesus auf als ein echter Sohn Gottes, aber natürlich nicht als der Einzige. Dieses Attribut wurde ihm erst später zugelegt. Er wusste, dass alle anderen genauso wie er Kinder Gottes waren, dass sie es nur nicht wussten, weil sie eben nicht als solche behandelt wurden.

Jesus sah den Teufelskreis, in den sie hineingezogen wurden: Der fehlende Respekt, das niedergemacht werden, das andere Niedermachen, die Unsicherheit und die Fehler, die das bei den Niedergemachten zur Folge hatte, das sich selbst Niedermachen und die Fehler, die daraus wieder resultierten.

Er hatte Mitgefühl mit den Beschädigten. Er wollte, dass sie lernen, den Teufelskreis zu durchbrechen. Und er sah, dass es darum in der Religion, in der er großgezogen wurde, von Anfang an ging. Den Autoren der Bibel nach sollte sein ganzes Volk ein Volk von echten Kindern Gottes sein. Aber irgendwie war dieses Bewusstsein verloren gegangen. Von der ganzen Religion waren fast nur Regeln übrig geblieben. Es ging fast nur noch um ein sich gegenseitig Kontrollieren und Verurteilen wegen der Fehler, die doch unfehlbar jeder macht, besonders die, denen der bitter nötige Respekt verweigert wird.

Es gab da einige Supergerechte, gewissermaßen Berufsheilige, die die Regeln peinlichst genau beachteten und die das auch von den anderen verlangten, die leider keine so guten Bedingungen vorgefunden hatten. Und dann gab es eben die, die keine so guten Bedingungen vorgefunden hatten und die auch gern gut gewesen wären, die es aber nicht schafften, die Sünder – und die Kranken, die schon wegen ihrer Krankheit ebenso als Sünder betrachtet wurden.

Für sie war die Situation ausweglos, weil sie es nicht schafften, ihr Leben zum Positiven hin zu verändern.

Aber gerade für sie hatte Jesus eine Lösung.

 

Als nun Johannes der Täufer, ein Wanderprediger dieser Tage, auftrat und Umkehr predigte, ging Jesus zu ihm und ließ sich taufen als einer, der entschlossen war, allen Geplagten neues Leben zu bringen.

Anschließend an die Taufe fastete er vierzig Tage lang und konzentrierte sich vollkommen auf seine Lebensaufgabe. Es heißt, er wurde in diesen Tagen versucht, einen anderen Weg zu gehen, seine Privilegiertheit zu genießen, sich Vorteile davon zu verschaffen, reich zu werden, ein Herrscher zu werden. Aber gerade das wollte er nicht, er wollte seinen Geschwistern einen Ausweg zeigen und dadurch die Welt verändern.

 

Sinnigerweise war die erste Gelegenheit dazu bei einer Hochzeit, bei der dem Bräutigam der Wein ausgegangen war. Eine peinliche Situation. Was macht ein Kind Gottes in dieser Situation? Jesus handelte für ihn. Er verbreitete die Nachricht, dass es mehr Wein gibt und dass dieser Wein der beste wäre. Wahrscheinlich hat er kein Geheimnis daraus gemacht, woraus dieser neue Superwein bestand: aus purem Wasser. Das hat er den Hochzeitsgästen als den besten Wein verkauft und die haben sich von seiner Stimmung anstecken lassen und diesen besten Wein mit Begeisterung getrunken. Wahrscheinlich haben sie die Geschichte von diesem Wein noch ihren Urenkeln erzählt. Jeder wusste, dass es Wasser war, aber sie haben es als den besten Wein genossen, jeden Schluck davon. Es war keine Hypnose, weil keiner sich was vormachte, sie verkosteten nur dieses köstliche Wasser, das besser war als jeder Wein. Es war tatsächlich der beste Wein, den sie je getrunken hatten. Jesus war eben voll Humor.

 

Dann kamen die Kranken. Jesus konnte klar sehen, wie ihre Schuld und die Urteile der anderen sie krank machten. Ihre Abwehrkräfte waren geschwächt, weil sie nicht an sich selbst glauben konnten, so schwach wie sie waren. Und in dieser Lage treffen sie Jesus, der in ihnen das Göttliche sieht und der sieht, dass ihre Krankheit nur eine Folge ihres Selbstbilds ist.

Jesus tut nicht so, als ob die Kranken keine Fehler hätten. Er begegnet ihnen dort, wo sie sind. Sie müssen nichts mehr leugnen, um vor den anderen gut da zu stehen. Sie brauchen nicht mehr gut dastehen, sie können einfach sein, was sie sind. Durch das Mitgefühl Jesu kommt ihnen ihre Lage voll zu Bewusstsein. Aber gerade dadurch beginnen die Kranken, hinter ihrem katastrophalen Selbst, das Göttliche zu sehen und zu vertrauen, dass die Kraft, die sie ins Leben gerufen hat, sie wieder heil machen wird. Von Jesus verstärkt wächst ihr Vertrauen bis an den Punkt, an dem ihre Abwehrkraft vollkommen wiederhergestellt ist. Sie werden gesund und sie empfinden für Jesus eine unendliche Dankbarkeit, weil er nicht nur ihre Krankheit weggezaubert hat, sondern weil er ihnen selbst den Schlüssel zu ihrer Gesundheit in die Hand gegeben hat. Er hat ihnen einen Weg gezeigt zum Vertrauen, zum Glauben. Er hat ihnen bewusst gemacht, dass es in ihrer Religion nur darum geht. Nun war die leere Hülse ihres Lebens mit wirklichem Leben erfüllt.

 

Und so breitete sich der Ruf Jesu aus. Alle wollten ihm begegnen.

 

Eines Tages kam Jesus in ein Dorf, in dem ein „Zöllner“ wohnte. Sein Beruf war es, für die Römer die Steuern einzutreiben, ein Jude, der für die römische Besatzungsmacht arbeitete, ein verhasster Kollaborateur. Er war ein wirklich übler Typ, der auch nicht davor zurückschreckte, Leute zu ruinieren, nur um sich persönlich zu bereichern. Er wusste die römische Militärmacht hinter sich, und wer sich weigerte, zu zahlen, der wurde aus dem Verkehr gezogen. Daher weigerte sich niemand. Aber deshalb hassten sie ihn. Zöllner waren für die Juden dieser Zeit der Inbegriff schlechter Menschen. Aber derartig schlechte Menschen haben doch menschliche Eigenschaften. Und so war unser Zöllner neugierig. Zachäus war übrigens sein Name.

Als Zachäus hörte, dass Jesus sein Dorf besuchen würde, wollte er ihn unbedingt sehen. Doch er war nicht der einzige, der ihn sehen wollte. Alle wollten ihn sehen. Daher sammelte sich im Nu eine undurchdringliche Menschenmenge. Dummerweise war Zachäus klein und hatte bei so vielen Leuten keine Chance etwas von Jesus zu sehen. Er überlegte daher, was er tun könnte. Als er sah, welche Straße Jesus nehmen würde, lief er voraus und kletterte auf einen Baum.

Nun ist klar, wenn ein Star in ein Dorf kommt, dann wird er von den Würdenträgern des Dorfes begrüßt. Wir dürfen also annehmen, dass der Bürgermeister, der Pfarrer und der Dorfpolizist ihn schon am Dorfeingang abholten und an Jesu Seite gingen.

Sie konnten Zachäus schon von weitem sehen. Sie hassten diesen Kollaborateur. Und natürlich haben sie Jesus über diesen Inbegriff allen Übels aufgeklärt in der Erwartung, dass Jesus ihm eine Moralpredigt halten würde.

Von seinem Baum aus hat Zachäus natürlich gesehen, was vorging und wie sie auf ihn deuteten und über ihn sprachen. Wahrscheinlich ist es ihm abwechselnd heiß und kalt über den Rücken gelaufen. Seine ganze Schlechtigkeit ist ihm klar vor Augen gestanden. Und der, den er bewunderte, wusste bereits alles über ihn – und er konnte ihn nur verurteilen. Zachäus befürchtete das Schlimmste.

Als die Gruppe unter dem Baum angekommen war, blieb Jesus stehen und alle blickten auf den Missetäter. Zachäus wäre am liebsten im Erdboden versunken. Aber er hatte diese Situation ja heraufbeschworen durch seine Neugier. Nun musste er die Folgen tragen.

Da nahm Jesus Blickkontakt mit Zachäus auf, wartete eine ganze Weile, bis alle wussten, worum es geht und sagte dann – zur vollkommenen Überraschung für alle: „Zachäus komm herunter, denn ich muss heute bei Dir zu Mittag essen.“

Was nun geschah, lässt sich kaum beschreiben. Alles ereignete sich innerhalb weniger Sekunden. Sein ganzer Lebensfilm lief bei Zachäus ab in dem Spannungsfeld zwischen seiner Schuld, dem Gehasstwerden, und dem vollkommen angenommen sein, das er jetzt zum ersten Mal erlebte. Er hätte das nicht für möglich gehalten. Es berührte ihn so, dass er vor Jesus zusammenbrach. Er fiel ihm vor die Füße in Tränen aufgelöst und alle waren gebannt.

Jesus nahm Zachäus bei der Hand und in einem Augenblick sah Zachäus, wie er sein Leben ändern konnte, um heil zu werden. Halb noch in Tränen aber freudestrahlend sagte zu Jesus, dass er alles, was er von den Leuten zu viel erpresst hatte, zurückzahlen werde. Und Jesus zog ihn hoch und schloss ihn in seine Arme. Von dem Moment an war Zachäus ein neuer Mensch, denn ihm war jetzt im vollen Umfang bewusst, was es bedeutet, ein wirkliches Kind Gottes zu sein.

Wir dürfen annehmen, dass er von da einer von denen geworden ist, die das Wirken Jesu finanziell unterstützten. Ob er seinen Beruf geändert hat, wissen wir nicht. Vielleicht hat er als Zöllner weitergearbeitet, aber von da an, war er nicht nur ein Freund des Kaisers, er war auch ein Freund derer, denen er die Steuern abnehmen musste.

 

Und in all dieser Zeit sammelte Jesus nicht nur Anhänger, er scharte auch Schüler um sich, denen er sein Geheimnis weitergeben wollte, damit sie es aussäen in alle Welt.

Das Problem in dieser Lehrer-Schüler Beziehung war nur, dass Jesus so erstaunlich wirkte, dass seine Schüler glaubten, er habe so etwas wie übernatürliche Kräfte.

Viel später, als einer seiner weiteren Schüler eines Tages in eine griechische Stadt kam und dort auf ähnliche Weise wirkte wie Jesus, kamen die Bewohner dieser Stadt auf die Idee, er müsse einer von den Göttern sein, vom Himmel herabgestiegen, um sie zu besuchen.

So ähnlich erlebten seine Schüler auch Jesus.

Sie glaubten, dass er über Kräfte verfügte, die ihnen fehlten. Er hat alles getan, um ihnen zu zeigen, dass sie diese Kräfte auch hatten. Er sagte es ihnen: „Ihr könnt sogar noch größere Dinge tun als ich“, er schickte sie aus, Teufel auszutreiben, er zeigte ihnen was sie zu tun hatten und einige von ihnen erlebten sogar, dass es funktionierte, aber sein Vorbild war allzu strahlend.

Drei Jahre lang zog Jesus mit seinen Schülern durch die Gegend. Überall das gleiche Bild. Massen von Menschen wollten in der Nähe von Jesus sein. Und unzählige durften durch ihn persönlich erfahren, was es bedeutet, vollkommen akzeptiert zu werden.

„Hab keine Angst, deine Sünden sind dir vergeben“, war das erste, was Jesus zu den Kranken sagte. Die Frommen, die das hörten, fragten sich, wie Jesus sich anmaßen konnte, Sünden zu vergeben, und sie konnten gar nicht hören, dass Jesus nicht gesagt hatte „ich vergebe dir deine Sünden“, sondern „deine Sünden sind dir vergeben“.

Jesus hat keine Sünden vergeben, er hat nur festgestellt, dass die Sünden bereits vergeben waren. Durch das vollkommen angenommen sein, konnten die Menschen, die ihm begegneten, ihr Leben so sehen wie es war. Es brauchte keine Vorwürfe seinerseits, ja gerade indem er ihnen keine Vorwürfe machte, sondern sie ganz verstand und ihnen sein ganzes Mitgefühl zeigte, brauchten sie nichts mehr leugnen oder abwehren. Sie konnten sich so sehen wie sie waren – aber nicht als gefangen in einem Teufelskreis, sondern frei, in diesem Augenblick ein neues Leben anzufangen. Damit waren sie bereits frei von Sünden. Und das hat Jesus ihnen gesagt, schon bevor sie selbst es begreifen konnten. Er hat nur festgestellt, was war. Und weil das zur Wahrheit des Menschseins gehört, konnte jetzt ihre volle Potenz zum Tragen kommen, nämlich das Kind Gottes sein. Und damit wurden die Kranken gesund.

Diejenigen, die das von außen sahen, hatten aber oft nicht das Mitgefühl, das nötig gewesen wäre, um wahrzunehmen, was in den Menschen während ihrer Heilung vorging. Sie sahen nur den Effekt und der war einfach nur unglaublich. Ein Wunder eben.

Manche von den Berufsgerechten meinten, das ginge nicht mit rechten Dingen zu. Jesus müsse mit irgendwelchen bösen Mächten zusammenarbeiten. Und seine Schüler glaubten, er habe übernatürliche Kräfte.

 

Als Jesus nach drei Jahren dieses Wirkens feststellte, dass seine Schüler noch immer nicht nachvollziehen konnten, was er tat, musste er sich eingestehen, dass er bei all seiner unglaublichen Wirksamkeit bei ihnen doch versagt hatte. Sie konnten nicht an die Kraft in ihnen selbst glauben.

Er sah, dass er, auch wenn er noch weitere zehn Jahre mit ihnen durchs Land ziehen würde, darin immer noch versagen würde, weil der Kontrast zwischen ihnen und ihm zu groß war.

Weil er sie aber liebte und weil er wollte, dass sie das, was er tat, in aller Welt verbreiteten, musste er einen Weg finden, es ihnen klar zu machen. Und nachdem er sich voll in sie einfühlen konnte, sah er den einzig möglichen Ausweg: Er musste verschwinden. Solange er bei ihnen war, konnten sie ihre eigene Kraft nicht sehen. Er sagte ihnen das auch. Er sagte, dass er weggehen würde an einen Ort, an den sie ihm nicht folgen konnten, jedenfalls nicht jetzt. Und dass es gut für sie sei, dass er weggehe. Denn wenn er nicht weggehen würde, könnte der Tröster nicht zu ihnen kommen, der Geist, der ihn beseelte. Sie verstanden nicht, was er damit sagen wollte, aber erkonnte nicht darauf warten, dass sie ihn verstehen. Er musste handeln.

Er kalkulierte alle Möglichkeiten durch. Wenn er einfach in ein anderes Land gehen würde, dann würden sie ihm folgen und alles würde bleiben, wie es war. Wenn er heimlich weggehen würde, würden sie meinen er habe verraten. Sie würden nicht verstehen. Er musste einen anderen Weg gehen.

Der Weg, den ihm sein Mitgefühl zeigte, war der, dass er sie in tiefste Verzweiflung stürzen musste. Nur dann, wenn sie wirklich am Ende waren, konnten sie in Kontakt kommen zu der menschlichen Ebene, auf der alle eins sind in ihrem Schöpfer. Und erst aus dieser menschlichen Ebene fließt die Schöpferkraft, die sein Wirken kennzeichnete.

Jesus sah, was er zu tun hatte. Die Situation war optimal für das Gelingen seines Plans. Viele von den Mächtigen wollten Jesus beseitigen. Er untergrub ihre Autorität. Er zeigte, dass das, was Gott wollte, in dem nicht zum Ausdruck kam, was diese Autoritäten vorlebten. Er machte ihnen ihre Schwäche schmerzhaft bewusst. Doch sie konnten ihre Schwäche nicht eingestehen. Sie hatten ein Image zu verlieren, sie hatten Privilegien zu verlieren und deshalb hassten sie Jesus.

Auch in der Bevölkerung gab es viele, denen der Buchstabe des Gesetzes lieber war als sein Geist, weil sie sich irgendwie verhärtet hatten.

 

Als nun das dritte Osterfest kam, das er mit seinen Schülern feierte, sah er seine Gelegenheit gekommen.

Er ging mit seinen Schülern nach Jerusalem.

Sein Ruhm war ihm längst vorausgeeilt und als die Kunde kam, Jesus nähere sich der Stadt, lief ihm eine große Menschenmenge entgegen vor die Stadttore. Als sie Jesus sahen, brachen sie Palmzweige ab, um ihm wie einem König Kühlung zuzufächeln. Andere zogen ihre Oberkleider aus und legten sie auf die Straße, damit Jesus auf seinem Esel darüber reite.

Anschließend nahmen sie diese Kleider und hängten sie in ihrer Wohnung an die Wand und sagten allen, dass Jesus über sie darüber geritten wäre. Es waren Reliquien für sie. Und wer weiß, wie viele später noch geheilt wurden, als sie diese Reliquien berührten!

So zog Jesus in die Hauptstadt ein.

 

Das erste, was Jesus in Jerusalem unternahm, nachdem sie das Haus das sie dort gemietet hatten, bezogen hatten, war ein Besuch im Tempel.

Und als Jesus dort die Geldwechsler sah und die Verkäufer von Opfergaben, fühlte er die Gier, die mit diesen Händlern in das Haus Gottes gekommen war und da war seine Chance. Er prangerte diese Gier an und begann unter den Händlern zu wüten, indem er die Tische der Wechsler umstieß und zu den Verkäufern kleiner Opfergaben sagte, sie sollten von hier verschwinden.

Damit schuf Jesus einen Justizfall. Die Priester konnten diesen Eingriff in den Tempelbetrieb nicht dulden. Unter keinen Umständen. Sie mussten etwas unternehmen, nur, zu diesem Zeitpunkt wussten sie noch nicht, wie sie es anstellen konnten, denn seine Anhängerschaft war zu stark. Sie mussten einen Zeitpunkt der Schwäche abwarten.

Und dabei half ihnen Jesus. Möglicherweise hat er Judas sogar beauftragt, wie es in dem kürzlich gefunden Judasevangelium heißt, ihnen den richtigen Zeitpunkt mitzuteilen.

 

Einen Tag vor dem Sabbat, der schon zum Pessachfest gehörte, versammelte er seine Schüler und sagte, er müsse bereits jetzt das Fest mit ihnen feiern zum Gedenken an die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei.

Sie bereiteten das Festmahl vor und Jesus, der schon öfter zu ihnen gesagt hatte, dass er leiden und sterben werde, sagte nun, der Zeitpunkt sei gekommen. Wie beim ursprünglichen Pessach vor dem Auszug aus Ägypten das Blut eines Lammes den Würgeengel an den Häusern der Israeliten vorbeigelenkt hatte, so sei er jetzt das neue Paschalamm. Er würde jetzt geopfert werden, damit sie leben konnten. Und er beauftragte sie, zu seinem Gedächtnis genau dieses Mahl zu wiederholen. Er nahm das Brot, das die Kinder Israels zu diesem Fest essen, und er sagte dazu: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ Und zum Wein sagte er: „Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird.“ Und er sagte, dass damit ein neuer Bund mit Gott beginnt.

Die Jünger begriffen zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich, was er genau meinte. Das wurde ihnen erst später klar. Noch konnten sie gar nicht glauben, dass alles wirklich so kommen würde, wie Jesus es ihnen schilderte.

Jesus dagegen war vollkommen klar, was kommen würde. Er hatte es schließlich arrangiert. Dennoch hatte er große Angst. Als er mit seinen Jüngern auf den Ölberg ging, weil er anschließend mit Judas zusammentreffen wollte, zog er sich dort zurück, um allein zu beten. Immer wieder wurde er von Wellen der Angst erschüttert. Er bat Gott, dieses Schicksal von ihm zu wenden, wenn dies möglich sei. Aber er war entschlossen, den Weg bis zum bitteren Ende zu gehen, wenn dies von ihm verlangt würde. Seine Schüler dagegen schliefen ein, während er diese Zustände des Gebets und der Verzweiflung durchmachte. Dreimal musste er sie wecken, dann war es Zeit, zu gehen.

Und da kam auch schon Judas mit der Tempelpolizei.

Er ging auf Jesus zu und gab das vereinbarte Zeichen: Er küsste seinen Meister und Jesus wurde verhaftet. Petrus glaubte, ihn verteidigen zu müssen, aber Jesus wies ihn in seine Schranken.

 

Der Rest der Geschichte ist bekannt. Er wurde vor den Rat der Priester geführt und wurde wegen Anmaßung göttlicher Autorität verurteilt.

Das Problem war nur, dass die Priester zu dieser Zeit nicht das Recht hatten, ein Todesurteil zu vollstrecken. Deshalb brachten sie Jesus zum Vertreter des römischen Kaisers in Jerusalem und verlangten von ihm, Jesus als Aufrührer hinrichten zu lassen. Der römische Statthalter Pilatus war nicht begeistert, da sie aber darauf bestanden, tat er was sie wollten, schließlich würde er irgendwann auch etwas von ihnen brauchen, wo sie ihm dann zu Gefallen sein müssten.

Und so verurteilte er Jesus zum Tod am Kreuz.

Es war aber der Vortag des Sabbats von Pessach. Deshalb war Eile geboten. Um die Form einzuhalten wurde Jesus zu König Herodes geschickt, allerdings vergeblich, dann wurde er gefoltert und ans Kreuz geschlagen. Von der Folter extrem geschwächt, verstarb er innerhalb kurzer Zeit.

 

Es war 15 Uhr, als er starb. Nun verblieben nur noch zwei Stunden bis zum Anbruch des Sabbats von Pessach. Man nahm den Leichnam also in Eile vom Kreuz ab und da ein Mitglied des Hohen Rats ein neues Grab für Jesus zur Verfügung stellte, wurde der Leichnam in Tücher gehüllt und ins Grab gelegt. Dann war es für alle Beteiligten höchste Zeit, nach Hause zu gehen und sich auf Pessach vorzubereiten.

Um 17 Uhr waren die Schüler von Jesus, seine Mutter und die Frauen, die ihn begleiteten, zurück in dem Haus, das sie gemietet hatten.

 

Sie konnten nicht fassen, was geschehen war. Sie waren am Ende. Alle ihre Träume waren zunichte. Der, auf den sie ihre Hoffnungen gesetzt hatten, war tot, unwiederbringlich tot. Sie wurden von Wellen der Verzweiflung erschüttert. Ihre Trauer war maßlos. Abwechselnd weinten und beteten sie. Und dann erinnerten sie sich, was sie mit Jesus erlebt hatten. Sie konnten nicht glauben, dass er jetzt nicht mehr bei ihnen sein konnte.

So verging der Freitagabend, der Samstag brach an und die Situation war unverändert. Hatten sie noch gehofft, das ganze könnte sich als böser Alptraum erweisen, erwachten am Samstagmorgen doch zu der grauenhaften Wirklichkeit, dass Jesus sie für immer verlassen hatte. So verging der Samstag und die Nacht zum Sonntag.

Sonntag in aller Früh beschlossen zwei von den Schülern, nicht länger in Jerusalem zu bleiben. Sie hielten diese Spannung einfach nicht mehr aus. Sie hatten Angehörige in einem Dorf namens Emmaus, einen Tagesmarsch weit von Jerusalem entfernt. Dorthin brachen sie auf.

 

Als sie unterwegs waren, trafen sie einen Mann, der in die gleiche Richtung ging. Der Mann sah sie an und fragte, was sie denn so sehr betrübe. Sie fragten ihn, ob er denn nicht wisse, was dieser Tage in Jerusalem geschehen sei. Der Mann wusste es nicht. Daher erklärten sie es ihm:

Sie hatten einen Menschen getroffen, den sie für den Messias gehalten hatten, weil er überall Kranke heilte und ihnen ein neues Leben schenkte.

 

Der Mann wusste wenig von Jesus. Sie mussten ihm alles erzählen. Ich vermute, dass ihn vor allem die Heilungen interessierten. Immer wieder fragte er sie, was Jesus denn getan hätte, um die Kranken zu heilen. Sie sprachen von übernatürlichen Kräften, aber an übernatürliche Kräfte glaubte der Fremde nicht. Er forderte sie daher auf, genau zu beschreiben, was Jesus getan hätte und er forderte sie auf, sich doch in die Kranken hineinzudenken und nachzufühlen, was in ihnen abgelaufen sei. Schließlich mussten sie ja auf irgendeine Weise so stark geworden sein, dass sie die Krankheit überwinden konnten. Was hat sie so stark gemacht?

Als dem Fremden klar wurde, wie sehr die beiden Jesus bewunderten und wie wenig sie verstanden, welche Kräfte in den Kranken Jesus in Bewegung gesetzt hatte, durch die sie geheilt wurden, wurde ihm auch klar, warum Jesus diesen Weg wählen hatte müssen. Und so erklärte er ihnen, dass ein wirklicher Messias ein solches Schicksal eben auf sich nehmen müsste, um den Menschen die Augen zu öffnen.

Unterdessen waren sie in dem Dorf Emmaus angekommen und als sich der Fremde am Hauseingang verabschieden wollte, luden sie ihn ein, doch bei ihnen zu bleiben. Und er blieb.

 

Zunächst war da die Familie der beiden, die erst unterrichtet werden musste über das, was geschehen war. Dann erzählten sie ihren Angehörigen von ihrem Weg mit dem Fremden und wie ihnen dabei so manches etwas klarer geworden sei.

Schließlich kam die Zeit, zu essen. Der Fremde war der Ehrengast. Als solcher führte er beim Essen den Vorsitz. Er bekam genau den Platz, den auch Jesus schon inne gehabt hatte, als er in dem Haus verweilt hatte.

Der Fremde tat, was er an dem Platz tun musste. Wie jeder Jude in dieser Position sprach er den Segen, nahm dann das Brot, teilte es und reichte jedem ein Stück – genauso wie Jesus es von diesem Platz aus zuvor getan hatte.

 

In diesem Moment hatten sie vier aufeinander folgende gravierende Einsichten:

Zuerst sahen sie Jesus in dem Fremden. Ein Bild aus ihrer Erinnerung schob sich vor das Bild ihres Gasts und sie sahen Jesus an seiner Stelle sitzen.

„Aber gleich darauf sahen sie ihn nicht mehr“, heißt es in der biblischen Geschichte.

Schon als Kind habe ich mich immer gefragt, wie das denn möglich sei. Hat Jesus sich in diesem Augenblick in Luft aufgelöst?

Nein, ich meine nicht, dass er sich in Luft aufgelöst hat, aber im nächsten Moment sahen sie nicht mehr Jesus, sondern wieder den Fremden an dem Platz.

Und da wurde ihnen blitzartig bewusst, dass Jesus sie nie mehr besuchen würde. Er war tot und Tote kehren nicht zurück. Wenn eines sicher ist im Leben, dann das. Tote kehren nicht zurück. Sie würden Jesus niemals mehr wieder sehen.

Totale Verzweiflung erfasste sie. Es gab keine Hoffnung für sie. Sie mussten ihre Messiasidee begraben, so wie Jesus jetzt begraben war.

Aber genau in dem Moment, als sie so unsanft auf dem harten Boden der Tatsachen aufschlugen und kein Licht mehr sehen konnten, erreichte sie ein Gedanke, den Jesus in sie eingepflanzt hatte. Es war nur ein winziger Funke zuerst. Aber das Gespräch mit dem Fremden hatte den Boden dafür bereitet, dass sich dieser Funke ausbreiten konnte. Unaufhaltsam drang die Intention Jesu in ihr Bewusstsein. Er hatte ihnen gesagt, dass sie selbst auch die Dinge tun konnten, die er getan hatte. Bis jetzt hatten sie es nicht geglaubt. Aber jetzt, wo kein Funken Hoffnung mehr übrig war, jetzt wuchs eine zuvor nie gekannte Zuversicht. Und mit einem Mal stand es glasklar vor ihren Augen: Ja! Genau das war es, was Jesus von ihnen gewollt hatte! Er war überzeugt gewesen, dass sie es wirklich konnten! Und sie wussten jetzt, dass es so war. Im Nu wurde ihnen klar: Sie mussten jetzt die Arbeit Jesu weiterführen! So hatte er es geplant. Er hatte sie als seine Multiplikatoren vorgesehen und er hatte gewusst, was es brauchen würde, damit die Kraft dazu in ihnen erwachen konnte.

Jetzt war diese Kraft da! Und damit war Jesus jetzt in keinem Grab mehr, er war in voller Lebensgröße da. Er erfüllte sie.

In diesem Moment sprangen die beiden Jünger auf und erzählten allen, was sie gerade erlebt hatten. Und sie entschuldigten sich, dass sie leider nicht bleiben konnten, denn sie mussten jetzt sofort zurück nach Jerusalem, um den anderen Jüngern von ihrem Erlebnis zu erzählen.

Sie liefen den ganzen Weg zurück und trafen die Apostel, wo sie sie verlassen hatten. Und sie erzählten: „Wir haben Jesus gesehen. Er lebt“. Doch zu ihrer Überraschung erzählten die anderen ihnen, dass sie das gleiche erlebt hatten.

 

Und wie ist das nun mit dem leeren Grab und mit den Erscheinungen des Auferstandenen?

 

Die Geschichte mit dem leeren Grab taucht auf, weil einige Frauen am ersten Wochentag zum Grab gingen, um den Leichnam Jesu einzubalsamieren. Sie fanden das Grab leer. Ein Mann in dem Grab sagte ihnen, Jesus sei auferstanden und ihnen nach Galiläa vorausgegangen. Dort würden sie ihn sehen. Doch seltsamerweise schreibt Markus davon nichts weiter, sondern er schließt sein Evangelium mit den Worten: „Da verließen sie das Grab und flohen, denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon, denn sie fürchteten sich“ (Mk 16,8).

Haben diese Frauen möglicherweise das Grab verwechselt oder hat sich jemand einen ... Scherz mit ihnen erlaubt? Am plausibelsten erscheint mir die Erklärung, dass die Römer den Sabbat der Juden benützt haben, um die Leiche von Jesus zu beseitigen, um zu verhindern, dass das Grab zu einem Kristallisationspunkt künftiger Aufstände werden könnte. Vielleicht haben sie die schon im Prozess gegen Jesus vorgebrachte Geschichte von der Vorhersage seiner Auferstehung benützt und weiß gekleidete Wachen dort postiert, die den ersten Besuchern am Sonntag verkünden sollten, Jesus sei nicht mehr hier, sondern auferstanden und den Jüngern nach Galiläa vorausgegangen – zuerst um Nachforschungen nach dem Verbleib der Leiche abzuwenden und dann auch, um das Potential eines Aufstands wegzulenken aus der Hauptstadt hinaus aufs Land, wo derartige Bewegungen weniger Schaden anrichten konnten.

 

Jedenfalls drückt der überraschende Schluss des Evangeliums des Markus aus, dass Schrecken und Entsetzen bei denen sind, die das Leben bei den Toten suchen.

 

Den Jüngern ist klar geworden, dass Jesus nicht bei den Toten zu finden ist, sondern dass er jetzt in vielen zu neuem Leben erwacht ist, in jedem von ihnen. Und das geschah nicht aus einem guten Vorsatz heraus, so wie Menschen guten Vorsätzen folgen, sondern sie waren jetzt ganz überraschend für sie selbst zu wirklichen Nachfolgern des Messias geworden. Jesus war damit nicht tot, sondern quicklebendig. Er lebte jetzt in ihnen. Und der Leichnam, der war unwichtig.

Die Leiche ist nicht wieder lebendig geworden, sondern der lebendige Jesus war jetzt bei ihnen.

 

Das war die Erkenntnis von Ostern, aber diese Erkenntnis musste reifen und es brauchte fünfzig Tage, bis die Jünger so weit waren, dass sie ihr Schneckenhaus verlassen und in der Öffentlichkeit auftreten konnten, so wie Jesus es ihnen aufgetragen hatte.

Fünfzig Tage lang ließen sie alles, was sie mit Jesus erlebt hatten, noch einmal an sich vorbeiziehen. Fünfzig Tage lang lebten sie intensiver mit Jesus als je zuvor. Sie versuchten, sich an jedes Detail zu erinnern. Schließlich sollten sie in seine Fußstapfen treten. Da mussten sie schon ganz genau wissen, wie er die Dinge getan hatte, derentwegen er so berühmt geworden war. Was genau hatte der den Kranken gesagt, die geheilt worden waren, was genau hatte er getan? Worauf genau hatte er wie reagiert? Was genau hatte er in den Menschen angesprochen? Im Geist kehrten sie zurück an die Stellen seines Wirkens, vor allem an den Berg seiner Bergpredigt und an den See. Doch jetzt sahen sie vieles in einem ganz anderen Licht, denn jetzt verstanden sie die Kraft des Vertrauens, aus der heraus Jesus gelebt hatte, denn jetzt spürten sie diese Kraft in sich.

 

Nach sieben Wochen sorgfältiger Rekapitulation, also „Pfingsten“, war es dann so weit. Nun wussten sie genau, was sie zu tun hatten. Und das erfüllte sie mit solcher Begeisterung, dass sie solchen Lärm machten, dass auf der Straße vor dem Haus die Leute zusammenliefen, weil sie sehen wollten, was da los war. Als sie die Jünger sahen, dachten die Leute zunächst, sie wären betrunken. Doch die Apostel klärten sie auf. Erstmals gingen sie jetzt auf die Straße und erzählten den Leuten von dem Messias und davon wie er sie verwandelt hatte.

Der Funke ihrer Begeisterung sprang über auf diese Leute. 3000, so heißt es, hätten sich an diesem Tag auf den Namen Jesu taufen lassen.

Die Apostel waren voller Zuversicht. Sie wagten es sogar, den Tempel wieder zu betreten. Und auf dem Weg dort hin heilten sie einen Gelähmten. Sie traten damit direkt in die Fußstapfen ihres Vorgängers. Und natürlich wurden sie verhaftet. Aber sie hatten keine Angst und man konnte auch nichts Schwerwiegendes gegen sie vorbringen.

So begann der Weg der Multiplikation des Messias, der bis zu uns führt.

Die Nachfolger Jesu sahen die Liebe, aus der heraus Jesus sein Leben hingegeben hatte. Er hatte diesen Weg genommen, weil er wusste, was seine Hingabe bewirken würde; er hat sie zuvor darauf hingewiesen. Deshalb war er für seine Schüler jetzt unzweifelhaft der prophezeite Erlöser – nicht nur des Volkes Israel – sondern der Menschheit. Deshalb waren er und seine Mission für sie göttlich. Deshalb ist er selbst zum Zentrum ihrer Botschaft geworden – als das beste Beispiel für die Verwirklichung des Traums, den er verkündet und den er gelebt hat.

 

Nur – der Weg der Nachfolge ist ein hoher Anspruch, dem sich viele nicht gewachsen sahen und so kam es, dass sich ein Mythos formte um den Messias, der Mythos vom einzigen Sohn Gottes, dem naturgemäß niemand gleich werden kann. Und gerade dadurch wurde der Anspruch der Nachfolge verwässert und die Christen begnügten sich mit dem Bekenntnis, mit der Gruppenzugehörigkeit. Hingabe war nicht mehr nötig. Es waren daher immer nur wenige, die verstanden, dass es buchstäblich um die Nachfolge Christi geht, d.h. um ein Leben aus dem Glauben, dass es möglich ist den persönlichen Traum zu verwirklichen.

Mit dem Mythos sind wir aber außerdem an dem Punkt, wo die Skeptiker nicht mehr folgen können. Der Mythos ist für sie unannehmbar. Zur Nachfolge dagegen könnten sie bereit sein. Das einzige, was sie hindert, ist möglicherweise der Mythos selbst – noch, denn sobald sie die Schwelle überschritten und den Weg der Nachfolge angetreten haben, verstehen sie auch den Mythos, nur auf eine ganz neue Weise: denn Jesus ist wirklich der Größte. Er ist wirklich der, der den Tod überwunden hat. Er ist wirklich auferstanden. Er lebt wirklich unter uns – und wir können uns, wenn wir mögen, täglich in seine Gegenwart begeben, täglich das mit ihm erleben, was die Inder „Darshan“ nennen, nämlich die Präsenz des Meisters.

Indem wir sein Leben rekapitulieren, wie die Apostel es nach Ostern getan haben, können wir verstehen, wie er den Tod überwunden hat – und wie wir den Tod überwinden können, wie wir wie er ewig leben können – nämlich indem wir unser Leben in die Waagschale werfen, indem wir es einsetzen für das, was die Not um uns herum wendet, jeder auf seine Weise und auf seinem Gebiet. – Und wie die Alten, die ihr Leben total eingesetzt haben, zeigen, zum Beispiel Abraham, muss das keinesfalls bedeuten, dass wir, wie Jesus, sehr früh sterben müssen, sondern es ist viel wahrscheinlicher, dass wir auf diese Weise wie die biblischen Patriarchen „alt und lebenssatt“ sind, wenn wir für immer die Augen schließen, und dennoch, wie sie, für immer lebendig bleiben.