Der Terror der Muslime,
die Blindheit des Westens für seine Ursachen und eine
heilende Antwort auf beide
28. 4. 2004
Der islamische Terror wird immer intensiver, der Nahost Konflikt bleibt fern einer Lösung und der Westen ist ganz im Sinn der Terroristen politisch gespalten. Warum? Gewisse Einstellungen in der aufgeklärten Grundhaltung unserer Kultur machen uns unfähig, die Emotionen zu verstehen, die zu dieser auf beiden Seiten verhärteten Situation geführt haben.
Die Ausklammerung der religiösen Dimension im Westen
Allein der Kommentar des wohl prominentesten Vertreters der
israelischen Friedensbewegung, Uri Avneri, zur
Tötung des Führers der Hamas Bewegung, Scheich Yassin,
sollte zu denken geben: Er schreibt am 22. 3. 2004 im Newsletter von Gush Shalom:
"This is the beginning of a new chapter of the
Israeli-Palestinian conflict. It moves the conflict from the level of a
solvable national conflict to the level of religious conflict, which by its
very nature is insoluble.
"The fate of the State of Israel is now in the
hands of group of persons whose outlook is primitive and whose perceptions are
retarded. They are incapable of understanding the mental, emotional and
political dimensions of the conflict.”
Zunächst ist erstaunlich, dass Uri Avnery glaubt, es handle sich bei diesem Konflikt um einen rein nationalen Konflikt. Immerhin stellt er die „mentalen, emotionalen und politischen Dimensionen des Konflikts“ in den Vordergrund, aber die religiöse Dimension, die zu diesen ja gehört, will er ausgeklammert wissen, weil sie, seiner Meinung nach, das Problem unlösbar macht. Wie im Folgenden zu zeigen sein wird, wird der nationale Konflikt aber gerade durch die Ausklammerung der religiösen Dimension unlösbar, weil diese Ausklammerung einen blinden Fleck in der Wahrnehmung schafft. Der religiöse Konflikt selbst dagegen ist, wie wir sehen werden, durchaus lösbar.
Dass der religiösen Dimension nicht erst seit der Tötung Yassins Bedeutung zukommt, zeigt schon die unmittelbare Vorgeschichte: Bei 425 Anschlägen, die unter dem Segen von Scheich Yassin in den letzten drei Jahren ausgeführt wurden, fanden 377 Israelis den Tod. Von muslimischen religiösen Führern aufgefordert, glaubten die Terroristen, sich damit als „Märtyrer“ das Paradies verdienen zu können. Und der nachfolgende Hamas-Führer, Dr. Rantisi, erklärte beim Begräbnis seines Vorgängers in Fortsetzung von dessen Intention:
"The Israelis will not know security. We will fight them until the liberation of Palestine, the whole of Palestine" – womit er nach traditionellem Sprachgebrauch meint, dass auch das gesamte Gebiet Israels von jüdischer Vormacht befreit werden soll.
Israel hat mittlerweile seine Antwort darauf gegeben und Dr. Rantisi ebenfalls getötet.
Uri Avnery drückt mit seiner Stellungnahme das große Dilemma der westlich-aufgeklärten Kultur aus: Gewissermaßen im Namen des westlichen Säkularismus verlangt er, dass Religion nicht als politische Kraft betrachtet werden darf. Aber genau dadurch leugnet er die zentrale Grundlage des Nahost-Konflikts überhaupt – wodurch er auch keinen Zugang zu einer wirklichen Lösung des dahinter liegenden, größeren Kulturkonflikts hat – trotz seines sehr wichtigen Einsatzes für den Frieden, den er in hervorragender Weise leistet, sowohl in seiner außerordentlich wertvollen konkreten Versöhnungsarbeit wie auch, indem er zeigt, dass nicht alle Israelis die oft unmenschliche Härte unterstützen, mit der die Israelische Regierung gegen den palästinensischen Aufruhr vorgeht.
Aufgrund des blinden Flecks in ihrer Weltanschauung können die Menschen unserer Kultur kaum nachvollziehen, wie Muslime die Welt erleben und welche inneren Konflikte die Begegnung mit dem säkularen westlichen Denken in ihnen auslöst. Ich möchte daher im Folgenden anhand einiger Beispiele sowohl das Unverständnis unserer Kultur deutlich machen wie auch diese inneren Konflikte selbst und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben, da ich sicher bin, dass nur Verstehen und Empathie zu einer Lösung führen können.
Islamismus – ein „Glaube“ von Unterprivilegierten und sein sozialer Hintergrund
Im Zusammenhang des größeren Konflikts der Zivilisationen, der auch hinter dem israelisch-palästinensischen Konflikt steht, sehen sich heute Islamisten aus der Hamas oder der Al Qaeda wie auch aus neuen Gruppen im Irak als Vorkämpfer des Islam. Sie kämpfen innerislamisch für eine traditionelle Ordnung und international gegen eine Dominierung durch nichtislamische Kräfte.
Der Islam ist also die erste der beiden Quellen für die in dem Konflikt freigesetzten Emotionen.
Die zweite Quelle dieser Emotionen, letztlich aber der eigentliche Auslöser des Konflikts sind die im internationalen Vergleich ungünstigen Aussichten der Produktivität in vielen islamischen Ländern, die dort zu einer bis jetzt nicht gekannten Armut samt der dazugehörigen sozialen Sprengkraft geführt hat. Stellvertretend für diese wachsende Masse an Unterprivilegierten sehen sich die Islamisten gewissermaßen in der modernen Welt verloren und sie hassen die jüdisch-christliche Kultur, mit der sie wirtschaftlich nicht konkurrieren können und neben der sie sich daher als exotische Verlierer fühlen – trotz ihres Glaubens an die Überlegenheit des Islam über Christen und Juden, aus der sie aber wieder das Recht ziehen zu ihrem Kampf gegen die westliche Zivilisation. Gleichsam in einer magischen Welterklärung, in der geglaubt wird, dass an der Armut der Armen der Reichtum der Reichen schuld sein muss – obwohl in Wirklichkeit von einer Schuld keine Rede sein kann, weil die weltökonomischen und demografischen Entwicklungen weit über den Bereich individueller oder auch kollektiver Verantwortung hinausgehen – geben sie die Schuld an dieser Entwicklung der christlich-jüdischen Kultur, also den für sie „Ungläubigen“, die mit ihrer ökonomischen Herausforderung zur Rationalität, zur Aufklärung, den Frieden der Gläubigen stören – der aber in Wirklichkeit dadurch gestört ist, dass ein großer Teil der islamischen Welt in einem trügerischen traditionell-religiösen „Frieden“ die Weiterentwicklung der Welt verschlafen hat.
Die Juden im Projektionsfeld islamischer Schuldphantasien
Die Juden jedenfalls haben keine Schuld an der Armut in den islamischen Staaten. Lange grausam verfolgt, wollten sie ursprünglich im Nahen Osten einfach ihre damals fast menschenleere alte Heimat wiedergewinnen, darin endlich in Sicherheit leben und einen Traum verwirklichen – natürlich in Kooperation mit ihren Nachbarn. Inzwischen hat sich aber gezeigt, dass das nicht so einfach geht.
Zum einen werden die Juden als Repräsentanten der westlichen, also der christlich-jüdischen Zivilisation betrachtet. Die jüdische Wiederbesiedlung Israels gilt daher als aufoktroyierte Implantation einer Vorhut dieser jüdisch-christlichen Zivilisation mit ihrem gefährlichen Rationalismus in muslimisches Kernland, weil das Gebiet, das sie wieder besiedelt haben, islamisches Gebiet war.
Zum anderen stützen die Juden genauso wie die Muslime ihre Emotionen auf alte Schriften, die beiden von ihnen das alleinige Recht auf das Land zuschreiben. Der Anspruch der Juden wird von den Muslimen jedoch als verwirkt und von ihrer Religion überholt betrachtet.
In dieser geistigen Auseinandersetzung konzentrieren sich die religiösen Kräfte beider Seiten auf einen kleinen geografischen Punkt in Jerusalem, auf den Tempelberg. Dort nämlich möchte eine Vorhut der religiösen Juden ihr altes Heiligtum wiedererrichten – genau dort aber steht seit mehr Jahrhunderten, als die Juden je eine dominierende Stellung in dem Land gehabt haben, ein islamisches Heiligtum, das noch dazu den drittheiligsten Platz der Muslime darstellt, der Felsendom, denn von dort ist ihr Prophet Mohammed in den Himmel aufgefahren.
Während die religiösen Juden gewöhnlich nicht daran denken, den Propheten Mohammed ernst zu nehmen, hat dieser ihnen – nicht nach koranischen Texten, aber gemäß weit verbreiteten islamischen Glaubensvorstellungen – längst das Existenzrecht als das abgesprochen, das sie als ihr Eigenstes ansehen, nämlich als „Volk Gottes“. Viele Muslime glauben nämlich, im Koran sei ausgesagt, die Juden hätten bereits dadurch, dass sie Jesus nicht als Propheten anerkannten, ihre Auserwählung durch Gott verloren. Wie können sie sich also auf die Bibel berufen und sich anmaßen, ihr altes Gebiet wieder in Anspruch zu nehmen? Der Anspruch ist doch verwirkt! Das sagt für diesen Teil der Muslime Gott selbst, denn so verstehen sie den Koran, bzw. das, was sie dafür halten, denn in Wirklichkeit steht das wie so manches andere, was sie glauben, keineswegs im Koran. Weit verbreitete Vorstellungen erlauben es ihnen aber, es in den Koran hinein zu projizieren.
So weit der Glaube der Islamisten auch von seiner Quelle entfernt sein mag, ihr Glaube ist eben die reale Kraft, die sie bewegt. Und er eröffnet auch den einzig möglichen Zugang zu ihnen.
Religion an sich und Religion als Gruppenidentifikation
Der Direktor des vatikanischen Instituts für Islamstudien Justo Lacunza-Balda wurde nach dem elften September 2001 gefragt: „How is it possible to interpret the Koran in such diametrically opposite ways?“ Er antwortete: “How is it possible that in Northern Ireland the police must go so far as to protect 7- and 8-year-old children going to school? How is it possible to interpret the Catholic and Protestant faiths in this way? The situation must be analyzed. The Taliban use the Koran and Islam, using God as a fortress for their plans. “
Er sagt damit, dass es nicht die Religion ist, die den Konflikt verursacht. Und das ist richtig. Es ist nicht die Religion an sich, aber die Religion ist geeignet, benützt zu werden für Zwecke der Gruppenidentifikation. Und für sehr viele (Katholiken, Protestanten, Muslime, Hindus, Buddhisten etc.) besteht der religiöse Glaube vor allem in dieser Gruppenidentifikation. Logischerweise spielen unter diesen Bedingungen alle Emotionen eine Rolle, die in einer Gruppe entstehen, eben auch die Frustration, die entsteht, wenn viele in der Gruppe unterhalb der Armutsschwelle leben müssen.
Realpolitiker wissen das. Auch aus diesem Grund versuchen sie, religiöse Argumentationen auszublenden, sie wollen eine sachbezogene Lösung. Dabei bemerken sie allerdings kaum, wie sich in die sachlichen Rechtfertigungen ihrer realen Realpolitik genau diese [von einem theologischen Standpunkt aus pseudo-] religiösen Triebkräfte einmischen, die eben ein Teil der Gruppenidentifikation sind und der Gruppenidentität ihren Namen gibt: „Katholik“, „Protestant“, „Muslim“, „Jude“. So annektieren die Israelis daher immer mehr altes, biblisch bezeugtes Gebiet und so führen immer mehr Muslime unter Aufopferung ihres eigenen Lebens einen „heiligen Krieg“ gegen „die Ungläubigen“ – unter denen sie alle verstehen, die sie für ihre Feinde halten, weil sie schon allein durch deren Existenz ihre Identität in Frage gestellt sehen.
Zur Analyse der Situation, die Lacunza fordert, gehört daher eine Analyse aller Triebkräfte der Politik. Diese muss daher die genannten religiös definierten Gruppenidentifikationskräfte einschließen – im Gegensatz zu dem, was die Ideologie unserer Kultur verlangt, die die religiösen Triebkräfte, ja überhaupt ideelle Triebkräfte aller Arten nicht wahr haben will und alle Motivation auf rein Materielles zurückführt: auf Interesse an Land, Wasser, Bodenschätzen, Öl etc..
Leider aber gibt es diese schwer entwirrbare Vermischung von materiellen Interessen und religiösen oder ideellen Emotionen von Anfang an.
Laizistische Intention und religiöse Reaktion
Theodor Herzls Zionismus war zwar nicht religiös gemeint, es ging um ein Zuhause und nicht um einen Tempel, aber doch sollte das Zuhause in jenem alten biblischen Land sein und damit ergab sich von Anfang an die Koalition mit den religiösen Juden, die den alten biblischen Traum von Gottes auserwähltem Volk weiterleben und in ihrem Gelobten Land wiederauferstehen lassen wollten.
Genau das aber wollten diejenigen der Muslime unter allen Umständen verhindern, nach deren Glauben das eben, wie schon gesagt, nicht sein durfte und natürlich auch in Zukunft nicht sein darf, weil diesem Glauben gemäß die Juden sich nicht mehr als „Volk Gottes“ betrachten dürfen. Deshalb wehrten sie sich von Anfang an gegen die jüdische Wiederbesiedlung und deshalb kämpften sie nach dem zweiten Weltkrieg ganz entschieden gegen den Beschluss der UNO, die den gerade noch auf grauenhafteste Weise verfolgten Juden nun offiziell dort eine Heimat zuerkannte. Gemäß dem UNO-Beschluss von 1947 sollte dieses damals äußerst dünn besiedelte Land zwischen Arabern und Juden geteilt werden. Die arabischen Staaten reagierten auf diesen Teilungsbeschluss der UNO damit, dass sie gegen den israelischen Teil Krieg führten, um, wie sie sagten, die Israelis ins Meer zu treiben, weil diese in diesem Land unter keinen Umständen wieder Fuß fassen durften.
Die (unbewusst) religiöse Motivation des arabischen Widerstands gegen Israel
Warum war der arabische Widerstand gegen die jüdische Wiederbesiedlung so groß? Eben weil die Juden in der Vorstellung eines großen Teils der Muslime gemäß Koran Gottes Auserwählung verloren hatten. Sie hatten daher nicht nur keinen Anspruch mehr auf dieses Land, es durfte ihnen nicht erlaubt werden, dass sie sich anmaßten, ihre biblische Sendung wiederaufnehmen zu wollen.
Es ging daher in diesem ersten Krieg in erster Linie eben nicht um Land, denn das Land war fast menschenleer (etwa 800.000 Araber lebten in ganz Palästina), es ging in erster Linie darum, dass die Juden in diesem Land nicht wieder anwurzeln durften.
Durch einen Blick auf das Europa der gleichen Zeit wird das noch deutlicher: In Europa gab es praktisch zeitgleich gewaltige Umsiedlungs- und Flüchtlingsbewegungen mit einem zigfachen an involvierten Menschen. Allein zwölf Millionen Deutsche wurden in dieser Zeit fern ihrer Heimat neu angesiedelt und letztendlich problemlos integriert. Die Flüchtlinge, die aus dem Krieg der Araber gegen die israelische Partition resultierten, wurden dagegen nicht integriert, sondern sie wurden zur permanenten Erregung des Weltgewissens in Flüchtlingslager gesperrt, in denen ihre Nachkommen noch heute leben, immer noch in dem Gefühl des „das habt ihr uns angetan!“.
Warum war der Teilungsbeschluss der UNO von 1947 für die Araber nicht akzeptabel? Auch wenn es heute kaum jemand auszusprechen wagt, die zugrunde liegende Emotion hat jene schon angesprochene tiefe religiöse Wurzel: Die Wiedererrichtung Zions musste verhindert werden, denn sie würde den finalen Überlegenheitsanspruch des Islam in Frage stellen – der sich, wie auch schon gesagt, in diesem Verständnis allerdings nicht auf den Koran zurückführen lässt, weil im Koran der Begriff „Islam“ nicht konfessionell, sondern als eine innere Haltung gebraucht wird, die gemäß Koran auch im Christentum und durchaus auch im Judentum zu finden ist. Das Verständnis des Islam als Konfession ist nicht koranisch, sondern erst mit den politisch-religiösen Auseinandersetzungen im Verlauf der weiteren Ausbreitung des Islam entstanden.
Von diesen Zeiten an allerdings wurde auch der Bau des Felsendoms im Jahre 691 als die Besiegelung des Untergangs des Judentums interpretiert, denn damit war der Platz des ehemaligen Tempels belegt und der Ort gesichert – vergleichbar mit der Geste, in der koloniale Großwildjäger auf Beutefotos gern ihren Fuß auf den Kopf des erlegten Tigers stellten. Ursprünglich allerdings hatte der Bau des Felsendoms nicht diese Bedeutung, denn es gibt einen wichtigen spirituellen Grund, warum der Platz für die Muslime wichtig ist: An genau dieser Stelle hatte Abraham, der Stammvater nicht nur der Juden, sondern auch der Araber, seinen abschließenden Test zu bestehen gehabt, in dem sich zeigte, dass er genau jene Haltung dem Leben gegenüber hatte, die der neuen Religion des Propheten ihren Namen gab, nämlich „Islam“, Hingabe. Deshalb gilt diese Stelle als die Stelle der Himmelfahrt des Propheten.
Für einen großen Teil der Muslime bedeutete das aber eben auch, dass Mohammed die wahre Nachfolge Abrahams angetreten hatte und dass der ursprünglich bevorzugte Stamm enterbt worden ist. Und dieses Verständnis wurde zurückprojiziert in das unbezweifelbare Wort Gottes, in den Koran.
Dennoch waren die Juden nun wieder an diesem Ort. Das durfte nicht sein. Die Muslime mussten Gott helfen, seine Aussage, die er ihrer Meinung nach in Gestalt des Propheten Mohammed gemacht hatte, zu bewahrheiten. Deshalb begannen sie nach dem Krieg von 1948 dann 1967 einen zweiten Krieg und einen dritten 1973, verloren aber jeden von ihnen.
Die Leugnung religiöser Motivation in der Realpolitik
Wie kann dieser Konflikt gelöst werden, wenn er auf muslimischer Seite von seinem spirituellen Grund her darauf drängt, dass die Juden weggejagt werden?
Die Politiker meinen immer noch, es werde genügen, Realitäten zu schaffen, die Leute würden sich mit der Zeit schon daran gewöhnen. Auf diesem Glauben beruhte der Teilungsbeschluss der Weltgemeinschaft von 1947. Die Leute haben sich bis heute nicht daran gewöhnt – weil in der Sicht dieser „Lösung“ der geistige, der religiöse Aspekt fehlt.
So wie „die“ Christen immer noch darauf hoffen, dass die Juden sich eines Tages bekehren und Jesus als ihren Messias anerkennen werden, so wollen auch die Vorkämpfer der Muslime ihren Glauben an die konfessionell-finale Überlegenheit des Islam in der Wirklichkeit bestätigt sehen und sie werden daher gegen die Verwirklichung des neuen Zion so lange weiter kämpfen, bis der zionistische Traum ausgeträumt ist – es sei denn, es gäbe eine Lösung, die die Religion einbezieht, denn sonst gerät ihr eigener Glaube ins Wanken. Sonst würde die Realität ihren Propheten Mohammed Lügen strafen – und das möge doch Gott verhindern! Die Gläubigen werden daher das Ihrige dazu tun, damit das nicht geschieht. Das ist ein wesentlicher Aspekt des religiös-emotionalen Hintergrunds des Jihad. Und hier hilft es nicht, damit zu argumentieren, dass ein Großteil der Muslime friedliche Absichten habe und auch den Jihad anders verstehe. Wenn wir nach einer Lösung suchen, müssen wir doch gerade diejenigen verstehen, die keine friedlichen Absichten haben und die durch ihre Auffassung des „Jihad“ die christlich-jüdische Kultur, wenn möglich, vernichten wollen.
Auf muslimischer Seite bleibt dieses religiöse Motiv [etwa zu den drei Kriegen gegen Israel] verdeckt, weil es dabei um eine unbewusste existentielle Gruppenidentifikation einer Unzahl einzelner Personen geht, und auch weil man weiß, dass eine religiöse Argumentation im Westen kein Verständnis finden würde.
Solange auf beiden Seiten der religiöse Anteil an der emotionalen Motivation des politischen Handelns unbewusst bleibt oder gar geleugnet wird, wird die zermürbende und opferreiche Spannung weiter bestehen ohne eine Aussicht auf Lösung – im Gegenteil, immer wenn es starke ideologische Tabus gibt, tritt Wahnsinn zutage, etwa der Wahnsinn des Terrors.
Die Angst vor der Macht des Mythos im Westen gleicht der Angst vor der Aufklärung im Islam
Wie also kann dieser Teufelskreis an sich gegenseitigem Missverstehen durchbrochen werden?
Von Seiten der westlichen säkularistischen Kultur hat eine Lösung zur unbedingten Voraussetzung, dass die Religion wieder ins Denken einbezogen wird als eine Realität, mit der zu rechnen ist. Erst wenn der Islam als politisch aktive Religion ernst genommen wird, können im Westen die Fragen gestellt werden, die innerhalb der Kultur des Islam den Prozess der längst überfälligen Aufklärung auslösen können, der dann wiederum den Bevölkerungen der islamischen Staaten den Anschluss an die wirtschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit ermöglicht. Solange im islamischen Bereich eine Aufklärung im westlichen Sinn nicht einsetzt, wird die im Westen geleugnete Macht des Mythos von der spirituellen Überlegenheit der Religion des Islam im islamischen Gebiet die Entwicklung behindern – denn wozu sollte eine Entwicklung nötig sein, wenn man in geistiger Hinsicht ohnehin bereits an der Spitze des Menschenmöglichen angelangt ist?
Eine ganz wesentliche Frage, die in der christlich-jüdischen Kultur gestellt werden muss, lautet daher: Was kann getan werden, damit die Muslime ihre Angst verlieren, ein Wiedererstehen Zions könnte den Wert ihrer Religion grundsätzlich in Frage stellen?
Die westlich säkulare Leugnung des religiösen Faktors schafft eine unlösbare Situation, ja sie führt zu weiterer Eskalation des Terrors
Wir haben gesehen: Der gegenwärtige islamistische Terror und auch der Nahost-Konflikt haben zu tun mit der Art, wie viele Muslime den Koran verstehen. Es sind im Grund theologische Fragen. Weil es derartige Fragen für westliche, besonders für europäische, Politiker aber nicht gibt, wird durch diese Leugnung ein unlösbares Problem geschaffen: Es fehlt der Hebel.
Die Lösung wird entweder dadurch kommen, dass wir in unserer Kultur freiwillig die Realität religiöser Identifikationen und Motivationen anerkennen und die sich daraus ergebenden Fragen zulassen oder die Lösung wird kommen, weil die Lebensbedingungen, die durch den andauernden Konflikt in und mit den islamischen Ländern entstehen, auch im Westen so viel Druck erzeugen, dass sich durch diesen Druck im Westen eine neue Art des Denkens durchsetzt, nämlich eine zweite Aufklärung, die die Realität des Religiösen wieder sieht. Im zweiten Fall steht uns noch gewaltiger, ja bis jetzt noch ungeahnter Terror bevor. Im ersten Fall werden wir fähig, die Islamisten und sogar die Terroristen zu verstehen und so auf sie einzugehen, dass eine Lösung möglich wird. Der Haupteffekt aber wird sein, dass sich durch dieses Verstehen auch die westliche Welt verändern wird.
Der Grund für den Kulturkonflikt: Fehlende Aufklärung
Letzten Endes ist der Grund für den Kulturkonflikt dies: Die westliche Kultur trägt an die islamische Kultur die Zumutung heran, die Schwelle der Aufklärung zu überschreiten. Die ökonomischen Bedingungen, die soziale Spannungen erzeugen, sind zusätzlicher Zündstoff.
Gerade wegen ihres Glaubens an die finale Überlegenheit des Islam gibt es für die Muslime aber keinen Anlass zu einer über die dogmatisch beschränkte innerislamische Aufklärung hinausgehenden westlichen Aufklärung, denn schließlich gibt es für Muslime keine „höhere“ Botschaft als den Koran und Mohammed ist doch das „Siegel der Propheten“. Sie haben bereits das höchstmögliche, warum sollten sie sich auf irgendwelche Verunsicherungen einlassen? Weder Aufklärung noch irgendeine Art Lernen sind nötig für jemand, der bereits an der Spitze steht.
Unter diesen Voraussetzungen wirkt eine fatale unbewusste Kraft in zwei Richtungen: Zum einen intensiviert sie die ökonomische Unangepasstheit, weil Anpassung Abfall vom Glauben wäre, zum anderen führt diese Sicherheit dazu, dass Zweifel, die spontan und ohne besonderen Grund auftauchen, als unbegründet nicht zugelassen werden. Und der Zwang dieser fortwährenden Selbstdisziplinierung erzeugt zusätzlichen inneren Stress, der nach einem Ventil sucht und das Motiv für einen nach außen gerichteten Kampf verstärkt, im Extremfall eben den Terrorismus.
Aufklärung – eine Gefahr oder die Lösung?
Weil der westliche Rationalismus vor nichts Halt macht, müssen ihn viele Muslime als eine tödliche Gefahr für ihre Religion empfinden – gleichzeitig aber zeigt die Eskalation der Schere zwischen arm und reich in den islamischen Ländern, dass der Eintritt ins Zeitalter der Aufklärung allein schon aus wirtschaftlichen Gründen unvermeidlich ist: massive Arbeitslosigkeit, besonders unter der sprunghaft anwachsenden Jugend, fehlende ökonomische Entwicklung und ein Klima, das Investitionen entgegensteht – alles in allem eine Situation, die den gesamten Mittleren Osten zu einem Pulverfass macht.
Aus genau diesem Grund forderte die “Arab Reform Issues Conference“, eine Gruppe unabhängiger arabischer Intellektueller, die sich Mitte März 2004 in Alexandria getroffen haben, eine Reihe von Reformen, unter anderem auch eine kulturelle Reform, “laying down the bases for rational and scientific intellect, encouraging scientific research institutions and uprooting fanaticism from some religion curricula, mosque sermons and official and non-official media.”
Die religiöse Grundlage des Terrors: Angst vor Aufklärung
Aber die Fundamentalisten unter den Muslimen wissen instinktiv, wenn die Schwelle der Aufklärung in einem westlichen Sinn überschritten ist, ist es um die absolute Autorität des Korans geschehen. Und auf diese Aussicht können sie vom Standpunkt der islamischen Superiorität aus doch nur mit Terror reagieren.
Das ist die Gefahr, die die Taliban gespürt haben und die sie mit allen Mitteln, also auch mit den Mitteln von Al Qaeda, abwehren wollten. Der ganze Islamismus beruht auf dieser Angst – die aber nicht ausgesprochen werden kann, weil diese Angst in der westlichen Zivilisation überhaupt nicht verstanden würde. So verwendet man stattdessen Begriffe, die im Westen verstanden werden. Man spricht von „Kolonialismus“ und „Imperialismus“, weil diese Begriffe die Menschen des Westens in ihrem Gewissen treffen, weil sie in ihnen Schuldgefühle wecken. Damit hat der Westen den schwarzen Peter, obwohl die zunehmende Armut in den islamischen Ländern eine rein innere Angelegenheit dieser Länder ist – unangepasste Herrschaftsstrukturen, fehlende Bildung etc.. Gleichzeitig wird damit der notwendige Schritt der Aufklärung in der Kultur des Islam nur weiter aufgeschoben. Doch es gibt genügend Kräfte in der westlichen Kultur, die sich diesen Schuh anziehen und vor lauter Schuldgefühlen sowohl die Realität als auch ihre eigenen Interessen vergessen.
Und weil die Menschen der industrialisierten Welt nicht die geringste Ahnung haben von dem gewaltigen Gewissenskonflikt, den der Schritt in die Aufklärung in den Muslimen auslöst, leuchtet ihnen das Argument des Neokolonialismus sehr ein – dabei haben die Muslime nur Angst vor diesem zwar unvermeidlichen, für sie aber außerordentlich schmerzhaften, historischen Schritt – von der Gewissheit in den Zweifel.
Die christlich-jüdische Zivilisation hat Jahrhunderte gebraucht, um das Zeitalter der Aufklärung zu durchschreiten (und ein großer Teil der Bevölkerung ist noch gar nicht durch) und jetzt sollen die Muslime es in wenigen Jahren schaffen? Wir werden Geduld brauchen und einiges über uns ergehen lassen müssen – besonders so lange die Bevölkerung des Abendlands sich Schuldgefühle machen lässt und den fälschlich gegen sie gerichteten Terror schuldbewusst über sich ergehen lässt – wie die Anschläge in Spanien erneut zeigen, wo ganz im Sinn der Terroristen, dem Kampf gegen den Terror die Schuld am Terror gegeben wird.
Die Angst vor der Aufklärung im Westen: Religionskriege, Inquisition, Hexenwahn…
Als die christliche Welt an dieser Schwelle der Aufklärung stand, hat in Europa ähnlicher Terror geherrscht. Gleichzeitig mit der Einführung des Buchdrucks ist der Hexenwahn eskaliert. Als die Naturwissenschaften schon nicht mehr zu stoppen waren, ist Galilei verurteilt worden. Letzten Endes aber hat sich der Prozess nicht aufhalten lassen und schließlich sind daraus auf theologischem Gebiet die Bibelwissenschaften hervorgegangen. Es hat ungeheure Kämpfe bedeutet, das „Wort Gottes“ wissenschaftlich relativiert zu sehen, aber jetzt ist genau dadurch die Bedeutung dieses Wortes klarer und in keiner Weise vermindert. Genau dieser Prozess steht der islamischen Welt heute bevor.
Die befürchtete Wirkung der Aufklärung auf die Religion
Der jüdische Philologe Abraham Geiger hat bereits vor fast zweihundert Jahren nach den jüdischen Quellen des Korans geforscht, und er ist fündig geworden. Geigers Arbeit ist im islamischen Raum bis zum heutigen Tag nur abwehrend rezipiert worden. Dagegen sind aus ähnlichen Forschungen die christlichen Quellen betreffend zu der damaligen Zeit bereits die kritischen Bibelwissenschaften hervorgegangen, die inzwischen allgemein als selbstverständliche Basis zum Verständnis der biblischen Texte anerkannt sind. Eine kritische Auseinandersetzung mit den Texten des Koran gibt es bis jetzt nur in zaghaftesten Ansätzen, während die meisten Muslime darin noch ein Sakrileg sehen, auf das sie nur mit innerem Terror reagieren können – ausgelöst von der Angst, ihre spirituelle Basis könnte sich als Irrtum herausstellen.
Als göttliche Offenbarung ist der Koran mit einem derart strengen Tabu belegt, dass jeder öffentlich geäußerte Zweifel reale Lebensgefahr birgt. Salmon Rushdie ist nur ein harmloses Beispiel verglichen mit den Anschlägen der Islamisten. Glück hatte der Koranwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zayd, der wegen seiner durchaus nicht westlich, sondern rein islamisch inspirierten Aufklärung nicht sein Leben, sondern nur seinen Lehrstuhl in Ägypten verloren hat – allerdings wurde deswegen 1995 von einem ägyptischen Gericht auch noch die Zwangsscheidung von seiner Frau verfügt.
Rationales Infragestellen als Existenzbedrohung erlebt
Welche für einen Europäer völlig unbegreifliche, gewaltige Existenzangst in Muslimen entsteht, wenn auch nur ein Detail ihres Glaubens in Frage gestellt wird, habe ich am eigenen Leib erfahren, als ich einem sehr weisen, alten Sufi-Scheich eine für einen aufgeklärten Europäer völlig normal Frage stellte. Zunächst musste ich vor Ort ein Jahr warten, bis es möglich wurde, diese Frage zu stellen. Die Gelegenheit ergab sich dann in einer Runde von etwa dreißig doch bereits sehr aufgeklärten und keineswegs fundamentalistischen Sufi-Schülern. Ich fragte den Scheich über den Ursprung des Koran: „Ist es legitim, den Erzengel Gabriel, der dem Propheten Mohammed den Koran überbracht hat, als die spirituelle psychische Energie der Araber seiner Zeit zu betrachten, die Mohammed als Medium aufgefangen hat?“
Kaum hatte ich die Frage ausgesprochen, als sich eine eisige Kälte im Raum ausbreitete und mir klar wurde, dass ich jetzt etwas erlebte, was in der Vergangenheit viele nicht überlebt haben. Ohne dass irgendwer auch nur einen Ton von sich gab, war die Stimmung im Raum wie unmittelbar vor einem Lynch-Mord. Ich fürchtete tatsächlich um mein Leben. Ein kleiner Wink des Scheichs hätte genügt und die Meute hätte sich auf mich gestürzt und mich zerfleischt. Der Scheich aber richtete nach langen bangen Minuten seine Antwort nicht an mich, sondern wies die versammelt Runde darauf hin, dass jeder der Anwesenden schon eine Weile seinem Sufi-Orden angehöre und jeder, der die von ihm kommenden spirituellen Aufgaben zu seiner Zufriedenheit erfülle, bekäme von ihm und von den Heiligen des Ordens ein Geschenk. So hätten alle Anwesenden bereits Geschenke erhalten. – Und dann bezeichnete er das Verständnis, das sich in meiner Frage abzeichnete, als sein Geschenk an mich.
Diese Aussage traf die Runde völlig überraschend. Als sich die ersten von dem Schock erholt hatten, schrieen sie auf, dass es ja schon sein könne, dass ich durch den Scheich gewissermaßen eine Privatoffenbarung erhalten hätte, aber über diese dürfte ich doch auf keinen Fall in der Öffentlichkeit sprechen. Darauf wandte ich ein, dass ich Theologe sei und dass es daher zu meinen Aufgaben gehöre, über diese Dinge in der Öffentlichkeit zu sprechen – was ich übrigens hiermit zum ersten Mal tue, nach mehr als zwanzig Jahren. Da sagte der Scheich: „Ja, er darf darüber auch sprechen, aber er wird merken, dass diese Einsicht im Grunde nichts ändert.“ Und das möchte ich heute den Muslimen sagen: Das sich Sträuben gegen die Aufklärung ist völlig unnötig, weil die Aufklärung nichts an den Tatsachen ändert – aber erst hinterher kann man die Tatsachen als solche behandeln und sie auch verhandeln, ohne Terror.
Seit dieser Stunde wundert mich der Terrorismus nicht mehr. Er ist nur eine logische emotionale Konsequenz der Schwelle, an der die Muslime heute stehen und vor deren Durchschreiten sie panische Angst haben, solche Angst, dass einige von ihnen zu Menschen werden, die die Wahrzeichen der Zivilisation angreifen, die ihnen derartiges zumutet.
Aufklärung – eine kulturelle Entwicklungsstufe, die die Religion letztlich nicht berührt
Damit wird aber auch wieder klar, dass es am Ende doch nicht der Islam ist, von dem die Gefahr des Terrorismus ausgeht – genauso wenig wie es das Christentum war, von dem die Verurteilung Galileis ausgegangen ist – es ist die kulturelle Entwicklungsstufe der islamischen Gesellschaft, die eben an der Schwelle der Aufklärung steht.
Genau an dieser gefährlichen Schwelle, brauchen die Muslime Unterstützung. Sie fürchten, der Wert, mit dem sie sich identifizieren, der Islam, könnte unter dem Ansturm der Aufklärung zusammenbrechen. Sie brauchen daher genau von denen, die bereits unzweifelhaft aufgeklärt sind, eine Bestätigung des Werts ihrer Religion und eine Bestätigung, dass die Aufklärung diesen Wert nicht in Frage stellen wird.
Die von Angst beherrschten Terroristen brauchen ein Friedensangebot, das ihnen zeigt, dass sie als Gleiche respektiert werden, dass ihre Zivilisation der christlich-jüdischen ebenbürtig ist, letztlich dass der in der Bibel verstoßene Sohn Ismael, von dem die Araber abstammen, als gleichberechtigt in die Familie des Abraham zurückkehren kann.
Der Autor, Gottfried Hutter, Jahrgang 1944, hat Theologie und Politikwissenschaft studiert, 5 Jahre in den USA gelebt, intime Kenntnis aller drei involvierten Religionen, ist Psychotherapeut, hat 17 Jahre Erfahrung mit wahnhaften Strukturen aus seiner Arbeit in der Psychiatrie, und ist vor zwei Jahren mit einem Friedensvorschlag für Nahost (www.Tempel-Projekt.de) an die Öffentlichkeit getreten.
Kontakt: gottfried.hutter@gmx.de,
Tel. 089-4471-8971, Fax 089-44718973