Der Faschismus der dritten Welt

und seine Überwindung

21. 5. 2002

 

 

Früher benützte fast jedes Volk die Bezeichnung "Mensch" nur für sich selbst. So führen die Gründungsmythen der verschiedenen Völker den Ursprung der Menschheit immer auf den Ursprung ihres Stammes zurück.

Später [als die Stämme zu Völkerschaften verschmolzen] wurde dieser Mythos dann variiert, indem gesagt wurde: Wir [zunächst Nationen gegen andere, dann Teile der Welt gegen andere] sind besser, ihr anderen seid minderwertig. Ein sehr spätes, aber archetypisches Beispiel für diese Darstellung ist der Nationalsozialismus. Ähnliche Ideologien waren zu der Zeit aber nicht nur in Deutschland, sondern in fast allen Teilen der Welt vertreten.

Durch die Gräuel des Nationalsozialismus aber hat sich in der industrialisierten Welt das Denken verändert. Es ist klar geworden, dass alles daran gesetzt werden muss, damit so etwas nie wieder geschehen kann. Das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit und des Service für alle hat sich als Selbstverständlichkeit im Denken der ersten und der zweiten Welt verankert. Eine andere Situation aber herrscht in der dritten Welt. Sie befindet sich noch in einem anderen Entwicklungsstadium, auch geistig, in einer anderen historischen Phase, in einer anderen Phase der Bewusstheitsentwicklung.

 

Wenn wir in der Geschichte zurückgehen - auch wenn nur indem wir uns in eine andere, der gegenwärtigen Kulturen begeben - finden wir zunehmend einen faschistischen Standpunkt. Deshalb fühlten sich vor Jahrunderten in unserer Kultur beispielsweise auch die europäischen Einwanderer in Amerika im Recht, die Indianer zu verdrängen und, so weit sie sich nicht verdrängen ließen, sie auszurotten und deshalb fühlten sie sich auch im Recht, die Schwarzen wie Ware zu behandeln und zu versklaven.

Faschistische Vorstellungen waren der Ursprung der Sklaverei und zwar von beiden Seiten. Auf afrikanischer Seite wurden unliebsame Konkurrenten auf diesem Weg beseitigt, auf europäischer Seite glaubten die Christen, die (schwarzen) Afrikaner oder die (roten) Indianer seien keine vollwertigen Menschen.

Heute, nach dem Ende des Hexenwahns und nach dem Sieg der Aufklärung glauben die Christen in ihrer Mehrheit das nicht mehr. Im Islam ist das noch anderes, denn ein maßgeblicher Teil der Moslems glaubt heute noch, dass alle ausgerottet werden dürfen, die in ihrem Sinn "Ungläubige" sind, die sich also trotz Bekehrungsaufforderung nicht zu ihrer Ansicht bekehren. Nach dem Koran sind als „Ungläubige“ die gemeint, die keiner „Buchreligion“ angehören. Der Vorstellung der radikalen Moslems nach aber sind dann auch die gemeint, die sich nur noch nominell "Christen" nennen, es in ihrer Sicht aber nicht sind, wie beispielsweise „die Amerikaner“. So konnte der Angriff auf die World Trade Center von vielen Moslems "ehrlichen Herzens" als echte Glaubenstat gefeiert werden. Sie glauben diesen Wahnsinn tatsächlich. Es ist klar, dass es sich dabei um eine unaufgeklärte Kulturstufe handelt, die überwunden werden muss.

In ähnlicher Weise halten allerdings auch die Israelis die Palästinenser für Untermenschen, die kein eigenständiges Recht zu einem selbständigen Leben haben, jedenfalls nicht in ihrem Staat. Sie denken ja an sich als an das Auserwählte Volk Gottes, das das Recht habe, auf ihrem alten Stammesgebiet einen eigenständigen Staat zu bilden und dort nach den Regeln ihrer Religion zu leben. Und dazu gehört natürlich ein Jerusalem, über das sie die volle Kontrolle haben und dazu gehört auch der Bau eines Neuen Tempels an der Stelle des Alten.

Die Palästinenser bestätigen das Bild der Israelis von ihnen als Untermenschen durch ihre irrationalen (und wie nicht nur die Israelis glauben, menschenunwürdigen) Aktionen, beispielsweise die Selbstmordattentate, aber auch dadurch, dass die staatliche Gewalt der Autonomiebehörde in keiner Weise dem, was wir „Rechtsstaatlichkeit“ nennen, entspricht. Es herrscht da ja offensichtlich Anarchie, d.h. die Macht des Stärkeren. Diese Macht fasziniert und diese Faszination wird religiös und brauchtumsmäßig verbrämt, gerechtfertigt und überhöht. In Wirklichkeit ist es purer Faschismus.

 

Als ich in Ägypten zum ersten Mal den Ton islamischer Predigten hörte, ohne arabisch zu verstehen, war ich extrem beunruhigt, weil ich diesen Ton sonst nur von Tonaufnahmen der Nazi-Propaganda des dritten Reichs kannte. Ein ähnlicher Ton hatte damals allerdings auch bei den Amerikanern geherrscht, die zu der Zeit ja nur eine graduell geringere Nazi-Ideologie hatten, weil der Rassenwahn auch dort als selbstverständlich akzeptiert war, zumindest was die Schwarzen betrifft. In den islamischen Umgebungen aber herrscht dieser Ton heute noch, sogar in Deutschland.

 

Eines der letzten Überbleibsel [und gleichzeitig eine der Wurzeln] dieser Ideologie in unserer Kultur ist der Glaube der Christen, sie als Einzige hätten als Gründer ihrer Religion den einzigen Sohn des einzigen Gottes und auf das Gleiche läuft der Glaube der Moslems hinaus, sie hätten das absolut unübertreffliche Buch.

Beide Glaubensformulierungen hatten im Ursprung nicht diesen Sinn der Ausschließlichkeit, diese Bedeutung bekamen sie erst mit dem Bedürfnis nach Abgrenzung gegen die, die diesen Glauben nicht teilen wollten – also auf ganz ähnliche Weise wie die „primitiven“ Stämme, die, wenn sie auf andere Stämme trafen und sich um Reviere stritten, diese einfach nicht als vollwertige Menschen betrachteten und sich erlaubten, ihre Gegner als Untermenschen wie Schädlinge abzuschlachten.

 

Durch diese Art Ideologie waren von Anfang an die Kämpfe der Stämme gegeneinander möglich und bis herauf in unsere Zeit werden diese Kämpfe immer noch dadurch gerechtfertigt. Aber heute ist diese Ideologie fehl am Platz. Heute wissen wir, dass es nur eine Art kollektiver Wahnsinn ist, der nur unermessliches Leid verursacht und nichts bringt. Ein loose/loose Konstellation.

 

Als eine Reaktion darauf gehört "Going Native" heute zum guten Ton. Aber das ist nicht eine Korrektur [also nicht eine Betrachtung von einer höheren Perspektive aus], sondern nur eine Umkehrung der faschistischen Gedankengänge [also einfach nur die Parteinahme für die Opfer - ohne Synthese] und genau das wird bei der heute modischen Sympathie für diese Gedanken überhaupt nicht bedacht. Diese Art Umpolung ist auch gegeben, wenn jetzt gegen die Globalisierung oder für die dritte Welt mit dem Hintergedanken geredet wird, die dort seien gut [und als "Ausgebeutete" unschuldige Opfer] und nur wir [als Ausbeuter] seien schlecht.

Ein ganz anderes Bild bietet sich uns, wenn wir uns ehrlich fragen, warum die Wirtschaft in der dritten Welt nicht funktioniert. Da sehen wir nämlich, dass die „Ausbeutung“ dabei gar nicht die Rolle spielt, die wir ihr gerne zuspielen und wir sehen außerdem, dass ein ganz wesentlicher Grund auch dafür, dass Ausbeutung dort überhaupt möglich ist, in der offenen Nazi-Ideologie liegt, mit der in vielen dieser Länder Politik gemacht wird. Aus dem traditionellen Glauben an die eigene Privilegiertheit kommt ja die "Korruptions"-Mißwirtschaft, die Bevorzugung der eigenen Familie, des eigenen Clans und Stammes und die Versuchung, die anderen auszurotten, sobald sich die Möglichkeit dazu bietet, wie das in Ländern der dritten Welt oft der Fall ist und wie kürzlich in extremster Form demonstriert in Afrika im Genozid in Ruanda. Es ist purer Faschismus. Das ist die eigentliche Form von Unterentwicklung, die bisher zu wenig gesehen wird. Und dazu kommt die Bevölkerungsexplosion.

 

Die Frage ist natürlich, wie unter den gegebenen Bedingungen eine Entwicklung möglich ist. Es ist ja ein Teufelskreis, weil die Erfolglosigkeit die faschistischen Tendenzen noch verstärkt. Also welche Art Entwicklungshilfe ist nötig? Ich meine, es braucht zuerst eine Art Vision, ein Bild eines Paradieses. Das hat es beispielsweise ja in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg gegeben. Deshalb gab es das Wirtschaftswunder. Und darin hat sich der Faschismus aufgelöst, nämlich wirklich aufgelöst. Es gab ein im Westen weltweites Bild einer friedlichen Entwicklung. Jeder wusste, dass er seinen Beitrag dazu leisten musste, wenn er es erleben wollte. Und jeder tat es. Und so kam es.

So ein Bild muss auch für die dritte Welt entstehen. Und in diesem Bild muss der Islam natürlich seinen Platz haben. Aber es wird ein neuer Islam sein. In diesem Bild müssen alle Platz haben, aber jeder mit einer neuen Perspektive, nämlich mit der Perspektive des Ganzen.

Und dann braucht es natürlich eine Art Marshall-Plan für die dritte Welt, allerdings im Wissen um die dort gegebenen Korruptionsbedingungen und daher natürlich abgesichert durch eine entsprechend kontrollierte Infrastruktur, damit die Mittel auch für die Entwicklung eingesetzt werden, für Bildung und Ausbau der Kommunikationsnetze, sowie gleichzeitig für traditionelle Wirtschaft.

Natürlich werden da auch die Erfahrungen Indiens mit seiner Unabhängigkeit eine Rolle spielen. Schließlich hat Gandhi den Indern damals ja eine solche Vision gegeben. Und dann natürlich Südafrika – aber auch Kuba und Argentinien in seiner momentanen Lage. Alle positiven und negativen Erfahrungen der jüngeren Geschichte weltweit werden das Bild beeinflussen und zeichnen und sich in den konkreten Projekten niederschlagen. Nur durch so ein Lösungs-Bild kann der tatsächlich herrschende Faschismus samt seiner Korruption aufgelöst werden und erst das wird den großen Entwicklungsschritt möglich machen.

Ohne eine solche Vision wird es den religiösen Fanatikern im Islam nicht möglich sein, den eigenen Faschismus zu erkennen und abzulegen. Die Vision muss daher auch ein neues Bild des Islam einschließen. In diesem Gesamtbild wird die ursprüngliche Bedeutung des Bilds vom unüberholbaren Buch wieder sichtbar werden, nämlich dass das ganze Buch ein geeignetes Bild ist, eine überaus wertvolle Orientierungshilfe, aber eben nicht eine buchstäbliche Vorschrift, sondern dass die konkreten Vorschriften zwar anhand dieses Bildes, aber doch in dieser heutigen Welt neu gefunden und formuliert werden müssen. Wenn anerkannt ist, dass es neben den Bildern des Koran in der Welt auch noch andere Orientierungshilfen dieser Art geben kann, kann der Islam integriert werden in das Ganze und doch seine Eigenständigkeit behalten. Es ist nur logisch.

Und die Christen müssen Ähnliches anerkennen – oder sie müssen sich radikal wandeln und wirkliche Christen werden – nämlich Versöhner. Dann wird es ihnen ohnehin eine Selbstverständlichkeit sein, die anderen zu verstehen, sonst würden sie diese Rolle ja nicht spielen können. Und damit werden sie das Faschistische, das sich besser glauben, bei sich selbst auflösen.

 

Was die erste und die zweite Welt betrifft, so besteht ihr Faschismus darin, dass sie die Rohstoffpreise diktieren und die dritte Welt dadurch nieder halten. Sie müssen realistische Preise zahlen für die Produkte, die sie von dort wollen, wie die ja auch realistische Preise zahlen müssen für ihre Produkte. Zu diesem Diktat jedenfalls darf das Militär nicht eingesetzt werden. Zur Bekämpfung des Faschismus aber darf es eingesetzt werden – zumindest so weit er Auswirkungen auf die erste oder zweite Welt hat, wie beispielsweise in Terroranschlägen, und nach Beschluss der Vereinten Nationen. Es ist klar, dass Terror nicht geduldet werden kann. Generell muss das Militär dafür eingesetzt werden, einen weltweiten Schutzraum für die Entwicklung zu gewährleisten, in dem Sinn, wie ich sie oben beschrieben habe, eigentlich als eine Art Weltpolizei.

Es versteht sich von selbst, dass eine Weltpolizei eine andere Bewaffnung braucht und viel weniger kosten wird als ein Militär gegeneinander stehender Blöcke, wie in der Vergangenheit. Um die Militärindustrie nicht zu beeinträchtigen, kann ihr Potential ja für die Eroberung des Weltalls eingesetzt werden, von wo ja auch Profite zu erwarten sind.

Um die Entwicklung in diesem Sinn zu gewährleisten, müssen sich auch die erste und die zweite Welt einer Art Weltregierung unterwerfen – ohne sich aber ihrerseits von der dritten Welt etwas diktieren lassen zu müssen. Es muss eben verhandelt werden.

Die Kosten die daraus für die erste und die zweite Welt entstehen (besonders durch die höheren Rohstoffpreise), müssen dort durch eine allumfassende Rationalisierung der Verwaltung eingespart werden. Und insgesamt muss die Bildung verbessert werden, um die Chancen für alle zu erhöhen. Es braucht ja geeignete Leute für neue Unternehmen. Darin liegt die Quelle der neuen Konjunktur. So lange diese Umstrukturierung nicht gezielt angegangen wird, wird die Konjunktur lahmen. Aber das Ende des Faschismus in der ersten und in der zweiten Welt wird die dortige Konjunktur beleben und zwar in einem bisher noch gar nicht vorstellbaren Ausmaß.

Es ist eine win/win Konstellation. Alle gewinnen, alle müssen nur von ihrer Sturheit lassen und sehen, dass die Anderen auch ihr Recht haben.

 

Der erste Schritt auf diesem Weg ist die Vision, in der alle eine Einladung auch für sich persönlich sehen können. Nicht eine pessimistische Vision, wie in Huxleys Brave New World, sondern eine positive, in der wirklich alle zufrieden werden können.

 

Ein Bild vom Paradies zu schaffen, ist doch die ureigenste Aufgabe aller Religionen. Sie müssen dabei natürlich mit gutem Beispiel vorangehen und die anderen voll anerkennen als gleichberechtigte Wege. Dann können sie zusammen an diesem Bild arbeiten, dem Bild vom Paradies, das natürlich ein irdisches sein muss.

Sufis haben mir einmal erzählt, dass nach der Machtübernahme durch Mohammed in Mekka an den Straßen Körbe mit Geld aufgestellt wurden, aus denen sich jeder bedienen konnte. Das ist eine schöne Vision! Um so etwas zu erreichen, braucht es zunächst einen Zwischenschritt, ein Bild vom Weg. Und dieses Bild muss natürlich aus Elementen der heutigen Welt geschaffen sein und nicht aus irgendwelchen mittelalterlichen Atrozitäten.

Dieses Bild wird auf jeden Fall Kooperation einschließen und zwar als dessen Basis. Und es ist die Kooperation, derentwegen jenes Bild vom Paradies gebraucht wird. Die Menschen lassen sich nur einen durch ein realistisches Bild vom Himmel auf Erden. Das Bild muss die Frage beantworten, wie das Paradies jetzt sofort verwirklicht werden kann. Es darf kein gewaltsamer Weg sein und es braucht eine Möglichkeit der Realisierung für jeden an seinem Platz und zwar sofort – denn wir mit unserer beschränkten Lebenszeit können nicht warten, bis sich die Welt verändert hat. Wenn das Bild von uns verlangen würde [wie das beispielsweise in den kommunistischen Staaten der Fall war], darauf zu warten, würde es scheitern.

Es braucht also ein Modell für jeden Menschen, wie er seine Freiheit jetzt sofort verwirklichen kann.

 

Die alte Weisheitsliteratur aller Völker bietet Vorbilder dafür. Vom I Ging bis zur Bibel und bis zum Koran. Weil es heute aber nicht leicht ist, die alten Bilder noch zu verstehen, braucht es heute ein neues Bild, ein Bild eben, das unsere heutige Welt als Paradies zeigt – und unseren persönlichen Weg darin.

 

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TC