Das einzig Unbedingte
im Christentum: der Geist
(9. 5. 2001)
Das
Unbedingte im Christentum ist nicht ein historisches Datum der Vergangenheit.
Wäre es das, so wäre es nicht das Unbedingte (vgl. Lao-tse, 1). Das Unbedingte
kann daher nur Gegenwart sein oder es ist nicht.
Entweder
ich erfahre es jetzt – oder ich erfahre es nicht.
Was
immer ich in der Vergangenheit erfahren haben mag, es ist nichts, wenn es nicht
jetzt da ist.
Lebendig
ist nur der Geist und der ist nur da im Jetzt. Er lässt sich nicht konkretisieren
oder objektivieren, obwohl er als solcher erkennbar ist für einen Menschen, der
in ihm ist.
Ein
Mensch im Geist ist inspiriert. Er handelt nicht aus sich, sondern aus dem
Geist – oder aus dem "Vater", wie Jesus es für sich sagte (Joh 5,19;
7,16; 8,23d). Es ist unvorhersehbar, wie er handeln wird (Joh 3,8).
Das
Unbedingte ist dieses.
Es ist
unfassbar.
Es
lässt sich in keine Bahnen zwingen. Es lässt sich nicht wiederholen. Es lässt
sich auch nicht in Sätze bannen. Und logischerweise auch in keine Institutionen.
Es gibt aber Menschen, die ihm folgen, genauer: denen es erlaubt, ihm zu
folgen. Es sind Menschen, die erkannt haben, dass sie nichts sind, dass alles,
was sie sind, ES ist. Diese Menschen sind "wiedergeboren aus dem
Geist".
Wiedergeboren
bedeutet "zuvor gestorben". Der [sich als "Ich" vom Ganzen
separierende] Mensch, der vor der Wiedergeburt da war, ist nicht mehr da, der
Geist [des Ganzen] ist jetzt da.
Bei
anderen Menschen ist der Geist manchmal da, manchmal sind sie selbst da und zu
diesen Zeiten kann der Geist nicht zum Zug kommen. Aber wenn der Geist am Zug
ist, ist der Mensch, den er zieht, nur Zeuge, nicht Täter. Und dieser Zeuge
erkennt – da er doch vom Geist in diesem Moment vollkommen bestimmt ist – den
Geist überall, wo er wirkt. Und er durchschaut alles Geist–Theater.
So
habe auch ich schon einiges Geist–Theater gesehen und ich sehe es immer wieder
und ich bin schockiert über die Geistlosigkeit in theologischen Schriften, wo
es um Abgrenzungen, Ausgrenzungen, Definitionen geht und wo man den alle
Grenzen überschreitenden Fluss des Geists nicht erlaubt.
Was
ist Geist?
Die
Übereinstimmung (des Einen, in dem er gerade sichtbar wird) mit dem All,
mit
diesem Rhythmus,
mit
diesen Zügen.
Dieser
stets schwingende Geist ist immer da. Ich stimme mich ein auf ihn, indem ich
zurücktrete und das mit ihm Schwingende in mir schwingen lasse.
Das
andere "unabdingbar für das Christentum" Genannte, beispielsweise die
Behauptung, dass in Jesus in letztgültiger Weise Gott selbst auf der Erde erschienen
sei, dass logischerweise deshalb Mohammed nicht das "Siegel der
Propheten" sein könne oder dass der Buddhismus deshalb nicht in
vergleichbarer Weise göttlichen Ursprungs sein könne wie das Christentum etc.,
entspringt nicht der Inspiration. Es mag dem entspringen, was nichtinspirierten
Menschen als „pastorale Sorge“ erscheint, in Wirklichkeit aber ist es die Angst
des Ich, das eben nicht sterben will, das sich dem Geist eben nicht anvertrauen
will, das sich eine Sicherheit schaffen will, die eben nicht die Herrschaft des
Geists, sondern die Herrschaft des Misstrauens dem Geist gegenüber besiegelt.
Von Inspiration dagegen zeugt der Satz Jesu: "Wer nicht gegen uns ist, der
ist für uns" (Mk 9,40). In diesem Geist ist ein „Großinquisitor“ nicht
möglich. In Zusammenhang mit dem Misstrauen des Großinquisitors und mit der
Angst seiner Klienten sprechen andere von "bürgerlicher" oder
"kleinbürgerlicher" oder "spießbürgerlicher" Einstellung,
von der Herrschaft "der Gesellschaft" etc. - weil sie den Grund für
diesen Zustand nicht bei sich selber suchen, weil sie die Schuld an ihrer Angst
lieber anderen geben wollen.
Die
Festhaltenden suchen immer irgendwelche Schuldigen und ein Kriterium, an dem
sie alles messen und beurteilen können. Das ist die Geburtsstunde des Dogmas
und der Moral. Der Geist wird ersetzt durch ein System von genau abgestuften
und definierten Kategorien und Unterscheidungen. Ähnliches geschieht natürlich
in der Kunst, wo nicht wenige sich „Künstler“ nennen, obwohl sie nur Muster
nachahmen und Inspiration gar nicht kennen.
Der
Geist aber ist unabhängig von allen Mustern, Methoden und Kategorien und auch
von aller Religion. Das bezeugen Menschen wie Gandhi, Nelson Mandela, die
Zen–Meister und viele, die ohne jede Religion auf die Wirklichkeit des Geists
gestoßen sind.
Sie
werden sagen: Warum hat nicht schon Jesus diese Dinge so gesagt?
Jesus
hat bereits viel ganz ähnlich gesagt, beispielsweise in seinen Aussagen
Nikodemus gegenüber oder in seiner Antwort auf die Frage der Samariterin am
Jakobsbrunnen nach den richtigen Heiligtümern, die natürlich für die heutigen
Kirchen und ihre Alleinvertretungsansprüche höchst aktuell ist: „Glaube mir,
Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den
Vater anbeten werdet. ... Die wahren Anbeter werden den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh
4, 21.23).
Mehr
konnte er damals nicht sagen, es lag nicht im Bereich des in seiner Zeit und
Kultur Ausdrückbaren. [Wenn Sie so wollen: Es gab noch kein
"morphologisches Feld" dafür]. Genau davon aber hat Jesus selbst bereits
gesprochen, als er auf die veränderten Bedingungen seit der Zeit der Propheten
hinwies: „Amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich damals
danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu
hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört“ (Mt 13,17) und in die gleiche
Richtung geht sein „Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen
sollte.“ (Joh 8,56). Jesus würde jubeln, wenn er unsere Tage sehen könnte und
ihre Möglichkeiten für ein religionsunabhängiges, menschheitliches Verständnis
der Spiritualität! Erst jetzt, wo unsere gegenwärtigen, globalen
"historischen Bedingungen" gegeben sind, kann es so gesagt werden. So
haben jede Zeit und jeder Raum ihre "Wahrheit", die sich später und
anderswo dann als verzerrt und unvollständig herausstellen mag – zu ihrer Zeit
aber hat sie genau gepasst.
Das
Unbedingte als solches [und damit "die Wahrheit" an sich] gibt es
daher, wenn überhaupt, für uns nicht. Für uns sind Botschaften des Geists immer
bedingt durch die Gegebenheiten, in denen er sich ja ausdrücken muss, wenn er
nicht nur zu sich selbst sprechen will. Unbedingt und direkt dagegen ist unser
unmittelbares Erleben des Geists, das aber als solches nicht mitteilbar ist.
Und
somit ist klar, dass es auch keine ewig gleich verstandenen Dogmen geben kann.
Die Idee dazu entspringt nur dem Wunsch nach Sicherheit im Ich oder, anders
gesagt, der Nichtbereitschaft für das ständig Neue und Unvorhersehbare des
Geists („der Wind weht, wo er will“, Joh 3,8). Die Idee des als unveränderlich
gesehenen und damit definierbaren Unbedingten entspringt letztlich dem
Ungehorsam.
Der
Geist, so scheint es nach dem, was wir beobachten können (denn Aussagen über
ihn selbst können wir ohnehin nicht machen), erzeugt jene Schwingung, die alles
ins Dasein ruft und die es in ständiger Neuschöpfung weiterentwickelt und dann
wieder zerstört, um wieder Neues daraus hervorgehen zu lassen. Das betrifft
natürlich nicht nur die Evolution bis zu unserem Körper, sondern auch unsere
eigene gegenwärtige Existenz, unsere Ideen und unser Verstehen. Auch da ist es
ja der Geist, der alles ständig neu macht, alles Neue jeweils aufbauend auf das
Alte, das den Prozess aber nicht überlebt.
Im
Grund ist der Geist daher in jeder Hinsicht unser ewiger Ahn und damit
natürlich unser „Vater“ in jeder Bedeutung des Worts.
„Vater“, „Sohn“ und
„Heiliger Geist“ sind daher nie getrennt, sondern das eine ist ständig
überhaupt nur in dem anderen da, es gibt sie nicht „an sich“. In uns finden sie
sich – und für uns finden sie sich nur in uns. Alles außerhalb sind nur Spuren,
die uns am Ende aber (wenn wir den Weg verloren haben) zu dem zurückführen
können, was immer schon in uns war [vgl. die Zengeschichte „Der Ochs und sein
Hirte“]. Das außerhalb (Religion, Bibel, aber auch alles andere) kann das in
uns zum Schwingen bringen, was uns unsere Beziehung zu „Vater“, „Sohn“ und
„Heiligem Geist“ bewusst macht. Und dann wissen wir uns jenseits aller
Vorstellungen wieder eins und je nach dem, was unsere momentane Situation
verlangt, können wir unter Umständen tief in den Vater schauen oder in den
Geist oder in den Sohn (in allen seinen Erscheinungsformen, besonders aber in
uns selbst). [Das ist das Erlebnis, das Schleiermacher (und auch Thomas von
Aquin?) „Anschauung“ nennt].
Weil
Jesus sich seiner Sohnschaft so sehr bewusst war, kann er die Sohnschaft in uns
so gut zum Schwingen bringen, dass wir uns ihrer ebenso bewusst werden. Dann
ist der Geist da. Wenn wir uns unserer Sohnschaft nicht bewusst sind, sind wir
„auf uns selbst“ gestellt, also auf unsere separate Perspektive, auf unser Ich.
Und diese Perspektive schmerzt. Etwas Wesentliches fehlt – so viel kommt uns
gelegentlich zum Bewusstsein. Wir sind daher oft wie getrieben, wir machen dies
und das und tausend Dinge, und glauben, wenn wir das alles dann erreicht
hätten, würde nichts mehr fehlen – aber natürlich fehlt es dann immer noch.
Die
einzige Möglichkeit, das Fehlende zu finden, ist, stehen zu bleiben und das
Fehlen des Fehlenden zu fühlen, uns von dem Schmerz ergreifen zu lassen und in
dem Schmerz die Sehnsucht zu fühlen und in der Sehnsucht die Richtung, nämlich
die Bitte, und in ihr die Bereitschaft, einem Anderen, einer anderen Instanz in
uns zu erlauben, die Kontrolle zu übernehmen und uns zu führen zu der
unerschöpflichen Quelle der Kraft, die dann aufsprudelt und uns mitreißt in die
Höhen und Tiefen ihrer Wirklichkeit.
Da
erfahren wir den Geist, der uns in diesem Augenblick zu ganz neuen Menschen
gemacht hat, die nämlich jetzt nicht mehr auf sich gestellt sind, dafür aber
auch Diener ihrer einzigen, unvergänglichen und doch nie endgültig
formulierbaren Wahrheit.
Von da
an wissen wir, was fehlt, wenn es fehlt. Wenn es fehlt, haben wir uns wieder
auf uns selbst gestellt. Dann ist es Zeit, innezuhalten, und den Schmerz zu
fühlen und uns dann von unserem „Original-Betriebssystem“ durch die
„Installation“ führen zu lassen und die beginnt immer mit der Deinstallation
des beschränkten Betriebssystems, die vielfach auch „Tod des Ich“ genannt
worden ist. Im Original-Betriebssystem sind wir nie allein. Dafür müssen wir
uns da dann eben auch um die kümmern, die glauben, sie wären allein. Es ist
dann selbstverständlich.
Wir
können dann mit-fühlen, wie es ist, wenn ein Mensch den Geist nicht wirken
lässt, weil er sein Leben allein bestimmen will, weil er eben selbst sein will
wie Gott – und wir fühlen auch die Kehrseite, dass er dann nämlich in
Wirklichkeit nur „nackt“ ist (Gen 3,7), also vollkommen ungeschützt.
So lange sie ungebremst
rennen, merken sie es nicht, aber dann, wenn sich die Folgen einstellen, die
aus der einseitigen Grundeinstellung erwachsen, nämlich Schicksalsschläge jeder
Art (biblisch gesagt „die Wehen“, die dem Gericht vorangehen) – womit ich nicht
sagen will, Schicksalsschläge seien ein sicheres Zeichen einer falschen
Lebenseinstellung, das sind sie nämlich nicht, nur der Betroffene kann es am
Ende wissen – wenn der Schmerz also an die Tür klopft und gehört werden will,
dann wird der auf sich gestellte Mensch zunächst noch wahnsinniger laufen, um
diese vermeintlichen „Fehler“ zu korrigieren, aber irgendwann, wenn er nicht
freiwillig stehen bleibt [hier ist der Ort des Sabbatgebots], wird „das
Schicksal“ ihn zwingen, anzuhalten und wenn es den physischen Tod dazu braucht.
Dann erlebt der betreffende Mensch den biblischen Weltuntergang. Was vorher
kommt, sind die Klopfzeichen oder die warnenden Hinweise des
Original-Betriebssystems, nicht einfach weiterzumachen, sondern eben
innezuhalten und zu schauen und zu fühlen, was jetzt da ist, sich ergreifen zu
lassen von dem Bewusstsein der eigenen Realität, also von der schmerzenden
Wahrheit. Wenn wir uns so ergreifen lassen und uns durch den Prozess der
Deinstallation und der Neuinstallation führen lassen, zwischen denen für eine
Weile „auf dem Bildschirm nichts zu sehen“ ist, wo wir also wirklich unseren
Tod erleben, dann kommt „das neue Leben“, von dem wieder die Bibel ohne Ende
spricht.
Und in
diesem neuen Leben brauchen wir keinen Tempel mehr, denn da sagt uns der Geist
direkt, was wir zu tun haben. Wieder sagt beides bereits der Seher der
Apokalypse (Offb 21,22; 22,5). Und weil sich die Bibel doch an Menschen
richtet, die die Gnade des neuen Lebens noch nicht erfahren haben, heißt es dort
am Ende: „Amen, komm Herr Jesus! Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit
allen!“ (22,20f.)
Jesus
ist der Archetyp des Bewegers [natürlich ist er nicht der einzige und
sicherlich nicht der letzte]. Wenn er [oder ein anderer wie er] den Geist in
uns nicht ins Schwingen bringt, brauchen wir die Apokalypse – die Offenbarung
der Wirklichkeit, nämlich einer Wirklichkeit ohne selbständiges Ich und auch
ohne Tempel, dafür aber einer Wirklichkeit voller Kraft: Überall nichts wie
Bäume des Lebens und der Thron Gottes unter den Menschen! – Und seine Knechte
werden ihm selbstverständlich dienen (Off 22,2f.)!
So ist
es, wenn der Geist herrscht.
Und
das ist das Unbedingte – nicht nur im Christentum.