Das Dialogische Prinzip des Universums

Grundlage aller ("religiöser Erfahrung" = "Religion")

200 Jahre nach Schleiermacher

 

 

 

        Ein Theologe und Philosoph namens Schleiermacher schrieb vor fast genau 200 Jahren sein "Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern" - gemeint waren Leute wie Goethe, den diese Reden tatsächlich sehr beeindruckt haben.

Zum ersten Mal gibt es damit im christlichen Raum eine Art der Betrachtung der Religion, die wir sonst nur von spirituellen Meistern östlicher Religionen kennen, und die in der christlichen Theologie bis jetzt einzigartig geblieben ist. Für mich geht es im Folgenden vor allem darum, zu zeigen, welch gewaltige Folgen diese Art der Betrachtung für unser Religionsverständnis haben könnte und dass dieses Verständnis helfen könnte, völlig neue Formen christlicher Religiosität zu entwickeln – soweit sich solche nicht ohnehin ("incognito") bereits entwickelt haben.

Für Schleiermacher gibt es Religion nur in Form einer "Anschauung des Universums", wobei "Anschauung" eine Art unmittelbarer persönlicher Erfahrung des Ganzen ist.

 

Das Zitat (aus Schleiermachers Darstellung der jüdischen "Anschauung" des Universums):

"... belohnend, strafend, züchtigend das Einzelne im Einzelnen, so wird die Gottheit durchaus vorgestellt. Als die Jünger einmal Christum fragten: Wer hat gesündiget, diese oder ihre Väter, und er ihnen antwortete: meint Ihr, daß diese mehr gesündigt haben als Andere. - Das war der religiöse Geist des Judenthums in seiner schneidendsten Gestalt, und das war seine Polemik dagegen. Daher der sich überall durchschlingende Parallelismus, der keine zufällige Form ist, und das Ansehen des Dialogischen, welches in Allem, was religiös ist, angetroffen wird. Die ganze Geschichte, so wie sie ein fortdauernder Wechsel zwischen diesem Reiz und dieser Gegenwirkung ist [also zwischen der menschlichen Handlung und der göttlichen Vergeltung - in diesem Wechsel sieht Schleiermacher die Grundzüge der jüdischen Anschauung des Universums (aaO. S 287)], wird sie vorgestellt als ein Gespräch zwischen Gott und den Menschen in Wort und That, und alles was vereinigt ist, ist es nur durch die Gleichheit in dieser Be-|handlung. Daher die Heiligkeit der Tradition in welcher der Zusammenhang dieses großen Gesprächs enthalten war, und die Unmöglichkeit zur Religion zu gelangen als nur durch die Einweihung in diesen Zusammenhang, und noch in späteren Zeiten der Streit unter den Sekten ob sie im Besiz dieses fortgehenden Gesprächs wären."

["Über die Religion", aaO., Originalpaginierung, S 288f., kursiv: meine Einfügung, Hervorhebungen von mir]

Schleiermacher meint allerdings, dass das Dialogische, so wie es sich seiner Ansicht nach in der jüdischen Anschauung präsentiert und wie es sich insbesondere im Medium der Weissagung äußert, durch die tatsächliche historische Entwicklung, nämlich durch die Verstreuung der Juden in alle Welt [ebd. 289f.], außer kraft gesetzt worden sei.

Zitat:

"Der eingeschränkte Gesichtspunkt gewährte dieser Religion, als Religion, eine kurze Dauer. Sie starb, als ihre heiligen Bücher geschlossen wurden, da wurde das Gespräch des Jehova mit seinem Volk als beendigt angesehen ...|... nachdem Leben und Geist längst gewichen ist." [ebd. 290f.]

Allem Anschein nach bezieht sich Schleiermacher bei seinem Argument des Todes der jüdischen Religion aber nicht auf die Anschauung selbst, nämlich die beobachtbare Aktion-Reaktion (eben das Dialogische), sondern nur auf die Weissagung (die seiner Ansicht nach in einer letzten großen Anstrengung den Glauben an den Messias hervorgebracht hat [ebd. 289f.]), bzw., damit zusammenhängend, auf den "eingeschränkten Gesichtspunkt" [ebd. 290] dieser Anschauung, nämlich des völkisch überschaubaren Bezugsrahmens, innerhalb dessen Offenbarung im alttestamentlichen Sinn stattfinden konnte. Was Schleiermacher in seine Überlegungen allerdings nicht mit einbezog, war die Möglichkeit, dass der Dialog, erzwungen durch die veränderte historische Situation, die seiner Ansicht nach eben die Rolle der Juden als Volk Gottes beendet hat, mit einem erweiterten Bezugsrahmen fortgesetzt werden könnte - etwa in der Art des Dialogs, der u.a. in chassidischen Gemeinden, bzw. von chassidischen Weisen tatsächlich bis auf den heutigen Tag fortgesetzt wird.

Meines Erachtens musste es für Schleiermacher so aussehen, als ob der jüdische Dialog beendet wäre, weil er sonst allzu große Schwierigkeiten gehabt hätte, seine Ansicht von der Überlegenheit der christlichen Anschauung zu begründen:

Schleiermacher meint, dass Jesus gegen das jüdische Reiz-Reaktions-Schema protestiert [ebd. S 288] und eine überlegene Anschauung dargelegt hätte, nämlich die des Erbarmens und der Erlösung: "Herrlicher, erhabener, der erwachsenen Menschheit würdiger ... ist die ursprüngliche Anschauung des Christenthums. Sie ist keine andere als die des allgemeinen Entgegenstrebens alles Endlichen gegen die Einheit des Ganzen, und der Art wie die Gottheit dieses Entgegenstreben behandelt, wie sie ... der größer werdenden Entfernung Grenzen setzt durch einzelne Punkte über das Ganze ausgestreut welche zugleich ... Menschliches und Göttliches sind. Das Verderben und die Erlösung ... sind die beiden ... Seiten dieser Anschauung" [ebd. S 291]. Schleiermacher lässt aber außer acht, dass all das ganz wesentlich auch zur jüdischen Anschauung gehört, denn wer sind denn diese "Punkte" als die biblischen Patriarchen und Propheten und die späteren Lehrer (es könnten höchstens auch noch spirituelle Lehrer anderer Kulturen gemeint sein). Das Neue an der Anschauung Jesu ist daher nicht dieses, ja überhaupt nichts Inhaltliches, sondern es ist die Überschreitung der völkischen Grenze und die Anwendung der jüdischen Anschauung (deren tatsächliche universelle Weite Schleiermacher eben von Anfang an nicht sehen will) auf alle Menschen - deshalb ja der Missionsbefehl in seiner ursprünglichen Intention (Mt 28,19). Der spätere missionarische Kolonialismus hat mit dieser Anschauung natürlich nichts zu tun; er beruht ja gerade nicht auf einer Anschauung des Universums, sondern - im Gegenteil - er beruht auf politischer Macht, bzw. der separiert-egoistischen Intention des recht-haben-Wollens gegen andere, des sich über andere Erhebens und sie Bezwingens.

Diese neue Intention (die ab der staatlichen Anerkennung des Christentums auch politische Durchsetzungskraft erlangte) charakterisiert und motiviert m.E. auch viele dogmatische Ausschlusserklärungen. Das Dialogische wird eingeschränkt. Sagt Jesus etwa noch, man solle andere, die in seinem Namen Teufel austreiben, nicht daran hindern (Mk 9,39), so versuchen spätere dogmatische Erklärungen genau das zu bewirken, ja man bringt nicht wenige sogar um, um sie daran zu hindern, in Jesu Namen irgendetwas zu tun, "und glaubt noch, Gott damit einen heiligen Dienst zu erweisen" (Joh 16,2).

Wie schon gesagt - Schleiermacher sieht das Dialogische als ein Grundprinzip alles Religiösen an (vgl. Hervorhebung im Zitat ganz oben). Das "Personale" ist damit für Schleiermacher ein wesentlicher Gesichtspunkt seiner Anschauung. Schon von Anfang an betont Schleiermacher ja den Dialog, der vom Universum ausgeht. Nur - Schleiermacher kann spielend auch auf die andere Ansicht umwechseln, in der das Universum eben nicht personal, sondern apersonal erscheint. Damals hat man davon noch nichts gewusst, sonst hätte er sicher auf die doppelte Natur des Lichts verwiesen, das eben einerseits Wellenform andererseits aber Korpuskelform hat, denn in ähnlicher Weise kann auch "das Universum" als Ganzes und als solches als apersonal gesehen werden - so wie es in den fernöstlichen Religion gewöhnlich geschieht (wohl aus dem Wissen um die Gefahr der Mystifizierung personaler Bilder), während es - so wie es in den vorderorientalischen Religionen gewöhnlich üblich ist - als "Gott" oder als die allbewegende Kraft im Bewusstsein der Menschen als an sich personal erscheint. Diese beiden Ansichten sind nicht sich ausschließende Gegensätze, sondern sie ergänzen einander. Schleiermacher sagt dazu deshalb: "Auch sind dieser beiden Vorstellungsarten gar nicht verschiedene Anschauungen des Universums im | Endlichen, nicht Elemente der Religion, sondern verschiedene Arten das Universum, indem es im Endlichen angeschaut wird, zugleich als Individuum zu denken, da denn die eine ihm eigenthümliches Bewußtsein beilegt und die andere nicht." [ebd. 257f.]

Die Christen, mit denen ich über Schleiermacher gesprochen habe, tendierten überwiegend dazu, personal und apersonal als sich ausschließende Gegensätze einander gegenüberzustellen, bzw. das Dialogische dem Personalen zuzuordnen und die apersonale Ansicht entsprechend (als Irrglauben) abzuwerten - ohne zu sehen, dass es sich dabei nicht unbedingt um Alternativen handelt. Ist das Motiv für diese Sicht aber nicht eine Rechtfertigung des üblicherweise behaupteten unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen den östlichen Religionen und dem Christentum? In diesem Dilemma befindet sich beispielsweise auch der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger und er wagt es bis jetzt nicht, den erlösenden Schritt zu tun, während er doch betont, dass er die Hoffnung für neue theologische Entwicklungen gerade in der Auseinandersetzung mit Hinduismus und Buddhismus sieht, nämlich "das Gemeinsame des Mystischen (die negative Theologie)" und "daß ...aus Inhalten der religiösen Philosophie Asiens ganz neue Elemente in das theologische Denken einströmen können ..., die neue Chancen des theologischen Denkens und der religiösen Lebensgestalt eröffnen" ["Salz der Erde", S 281]. Seltsamerweise sieht Ratzinger aber genau das als ein Defizit des Hinduismus, was für Schleiermacher etwas ganz Wesentliches an jeder religiösen Anschauung ist, nämlich das immer Unvollendete, dass eben niemand behaupten kann, er habe die ganze Wahrheit [aaO. 240]. Anstatt es als Vorzug zu bezeichnen (was er m.E. in dem oben Gesagten einschließend tut), fühlt sich Ratzinger nun verpflichtet Anstoß daran zu nehmen, dass der Hinduismus ein Religionsverständnis hat, "in dem die Gottheit in verschiedenen Bildern und Gestalten erscheint, deren keine endgültig ist" [ aaO. 275]. Schleiermacher dagegen sieht: "Nie hat er [Jesus] die Anschauungen und Gefühle, die er selbst mittheilen konnte, für den ganzen Umfang der Religion ausgegeben ..." [aaO. S 304] und: "so wie nichts irreligiöser ist als Einförmigkeit zu fordern in der Menschheit überhaupt, so ist nichts unchristlicher als Einförmigkeit zu suchen in der Religion. Auf alle Weise werde das Universum angeschaut und angebetet." [aaO. S 310] Das sind erlösende Worte!

Ein leider nicht gerade erlösender Geist spricht aber, wenn Ratzinger dann sagt: "Dabei kann der Christ in den religiösen Bildern der Weltreligionen durchaus tastende Versuche erkennen, die auf das Christentum zugehen." [aaO. 275]. Solche Worte sind eine Beleidigung! Könnte es nicht sein, dass das Motiv für die Beleidigung in der Frustration liegt, die entsteht, wenn man sich der Aufgabe widmen muss, einen Teil der Wirklichkeit aus dem Bewusstsein auszuschließen (und dabei insgeheim doch zu wissen, dass andere genau durch das an der Ganzheit teilhaben, was man selbst nicht wahrhaben darf)?

Was Schleiermacher "Anschauung" nennt, ist die reale menschliche Erfahrung der Ganzheit der Welt und des Lebens. Es ist immer eine Anschauung der ganzen Wirklichkeit - und sie schließt das Wissen um die grundsätzliche Erlöstheit ein. Ein Leben nach ausgewählten Überzeugungen dagegen ist nur eine Vorstufe dazu, eine Etappe auf dem Weg der Suche nach der Anschauung. Der subjektiven Empfindung nach bleibt es in der Dualität, in der Entfremdung, außerhalb der (in Wirklichkeit illusionären) Grenzen des Paradieses. Die Überzeugung ist gut für das, was man im heutigen Sprachgebrauch eine "Konfession", ein "Bekenntnis" nennt. Sie bildet immerhin schon eine Gemeinschaft solidarischer Menschen, aber die Wirklichkeit ist größer. Genau auf dieses Bewusstsein hat ursprünglich der Beiname "katholisch" (deutsch: "aufs Ganze hin", "allgemeingültig") gezielt, der zwar schon seit Ende des 2. Jahrhunderts zum unbestrittenen christlichen Glaubensgut gehört, heute aber praktisch von keinem christlichen "Bekenntnis" mehr verstanden wird. Eine Konfession kann auch niemals Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben - nur die "Anschauung" kann das. Der Konfession fehlt die Erfahrung des Ganzen. Außerdem kann jeder verständige Mensch leicht einsehen, dass die Konfession eines Menschen nur ein geografischer Zufall ist und nichts zu tun hat mit einer mehr oder weniger göttlichen (und das würde bedeuten "allgemeingültigen") Herkunft jener Konfession. Sonst müsste man sich ja wirklich fragen, wie die bisher nicht Missionierten den Zustand ihrer Unerlöstheit so lange aushalten konnten, bzw. woran sich denn die Erlösung bei den Missionierten zeigen würde. Sicherlich haben die zivilisatorischen Umstellungen viele Menschen entwurzelt und die sind dann froh, in einer neuen Konfession eine neue Heimat zu finden, aber Anzeichen der Erlöstheit finden sich bei Christen nicht mehr und nicht weniger als bei Anhängern anderer Religionen, bzw. die Erlöstheit hat weniger mit dem Bekenntnis zu tun als eben mit dem Ergriffensein durch das Universum, also mit der Teilhabe an dessen Dialog und den gibt es wohl in jeder Religion.

Ich selbst habe Hindus, Buddhisten, Shintoisten, Moslems, Christen verschiedener "Konfessionen", Juden, Indianer und andere Menschen kennengelernt, die mit Sicherheit an dem Dialog teilhatten und ich habe Anhänger dieser Völker und Gruppen kennengelernt, die nicht daran teilhatten, weil sie erst auf der Suche waren. Und ich habe auch die Ignoranz kennengelernt (besonders natürlich unter denen, die erst auf der Suche waren), die geringschätzig über andere Anschauungen denkt und die die Anhänger anderer Anschauungen am liebsten ausrotten würde - genau so wie es in Wirklichkeit ja oft genug geschieht. Beleidigungen haben immer mit Ignoranz zu tun - auch die Beleidigung der Juden durch Schleiermacher.

Das Dialogische ist ein Gespräch, in das im Prinzip alle Menschen eingebunden sind - jeder für sich und manche Gemeinschaften auch noch als solche (z.B. die Juden als Volk Gottes, andere spirituelle Gemeinschaften, aber auch Paare, Familien, Stämme ...) - das aber nicht alle Menschen als solches wahrnehmen können. Die Voraussetzung für die Wahrnehmung dieses Dialogs ist eine Art "Gnade", andere würden sagen der "Zufall" der Geschichte, der erstaunlicherweise und ohne erkennbaren Grund gewisse Personen in den Zustand einer derartigen Wahrnehmung versetzt, während andere, die anscheinend viel mehr "Recht" auf eine "Anschauung" hätten (etwa Fachtheologen oder geistliche Würdenträger), von ihr doch oft ausgeschlossen sind. Nun, Jesus hat sehr scharf formulierte Aussagen in diesem Sinn gemacht - aber es finden sich natürlich immer Gründe für Personen, die eben nicht mit einer Anschauung bedacht worden sind, diese Aussagen nicht auf sich beziehen zu müssen und sich weiterhin dazuzuzählen, ohne sich je wirklich ehrlich zu prüfen - und dann vielleicht gerade beim Feststellen des Nicht-Bestehens der Prüfung mit einer Anschauung beschenkt zu werden.

Der Dialog ist nämlich im Prinzip jederzeit allen Menschen zugänglich, er ist biologisch verankert - obwohl "Michael" den Baum des Lebens bewacht und vor jedem unbefugten Zugriff sichert. Der unbefugte Zugriff besteht ja nur darin, dass jemand aufgrund seiner Urteile über "gut" und "schlecht" das Paradies (als etwas "Gutes") erreichen möchte [um hier etwas vorwegzunehmen: Hier wird schon klar, dass die bildhafte (also mythische) Darstellung der philosophischen Frage nach dem Ursprung des Übels etwas anderes ist als das für-Fakt-Halten legendärer (nachträglich aufgrund eines Mythos erfundener) Ereignisse - und ich will damit keinesfalls etwas gegen die Berechtigung des Mythos selbst einwenden oder gegen das Erdichten inspirierender Geschichten!]. So jemand kann nicht eingelassen werden, denn er/sie erhebt sich ja über die Natur, in der es das eine nicht ohne das andere gibt. Es fehlt die Demut, d.h. die Anerkennung der Realität der vollkommenen Abhängigkeit des Geschöpfes vom Schöpfer. Erst jemand, der Gott nicht als ein Wissender, sondern als ein Unwissender gegenübertritt, kann in den Dialog eintreten, denn ein Wissender kann natürlich nur seine eigene Stimme hören, und er wird der Stimme Gottes nicht glauben.

Daher kommt es, dass oft Menschen, die am Boden ihrer Existenz angelangt waren, plötzlich zu Mittlern wurden, und dass kaum je einer zu einem Mittler wurde, dem diese Erfahrung (des am Ende Seins) fehlt. Naturwissenschaftler untersuchen dieses Phänomen mittlerweile und halten es für ein biologisches Notprogramm, das einsetzt, wenn alle auf Gedanken basierenden Ideen versagen, also für eine Art Rückgriff auf eine instinktive Basis, doch das Erstaunliche für sie würde sein – wenn sie es wagen würden dieses Phänomen wirklich eingehend zu betrachten –, dass die Ideen, die solchen Situationen entspringen, geradezu unglaublich situationsbezogen informiert sind, akkurat und letzten Endes höchst rational, rationaler als jede Überlegung es je sein könnte (vgl. Gideon, Ri 6-8). Und außerdem, dass dem, der sich "auf diesen Dialog hörend" verhält, (auch nach erfolgter Entscheidung) die ganze (unbewusste) Natur zu Hilfe kommt (vgl. die ägyptischen Plagen, Ex 7-11, so legendär diese auch sein mögen). Und das sind Erfahrungen (andere würden hier vielleicht von "Wunder" sprechen), die von allen, die in der Anschauung leben, als ihre eigenen persönlichen Erfahrungen bestätigt werden. Sie wissen dadurch, wie Schleiermacher [aaO. 118], dass alles (der ganze Verlauf des Lebens und der Evolution) ein Wunder ist.

Eine weitere Frage, die für Schleiermacher wichtig ist, ist die nach der Moral:

Schleiermachers Anschauung zeigt ihm die Moral nur als Bestandteil der Konfession und [u.a. aaO. 43] nicht der Religion. So sehe ich das auch. Das Problem mit der Moral ist nicht das durch den Kodex geforderte Verhalten, das kann ja durchaus dem Dialogischen entsprechen, es ist auch nicht der Kodex selbst, sondern es ist die absolut formulierte Forderung nach Orientierung [solange keine Anschauung besteht, besteht diese Forderung zurecht, indem die Forderung aber absolut formuliert ist und der Hinweis auf eine höhere Ordnung (als die der Moral) fehlt, behindert sie nicht nur den Vollzug der anfänglichen Anschauung, sondern die gesamte persönliche spirituelle Entwicklung auf die Anschauung hin] an etwas, das zur Dimension des Denkens gehört und nicht (und hier gehe ich über Schleiermacher hinaus) zu der des Fühlens. Erlösung kann ja nur vom Ewigen her kommen, also nur von der Wahrnehmung des ewigen Dialogs im Fühlen. Wenn die Steuerung des Handelns vom Denken ausgeht, geht sie von der Dimension aus, die das Paradies verspielt hat. In dieser Dimension ist der Dialog nicht möglich. In dieser Dimension herrschen gedankliche Ideale, also fremde Götter (im Sinn des ersten Gebots handelt es sich bei der Moral daher um eine Art "Polytheismus"). Von hier aus ist Erlösung nicht möglich.

Die Moral folgt zwei Göttern, der eine heißt "Ordnung" und bezieht sich auf die Gesellschaft (extrem verkörpert in Dostojewskis "Großinquisitor" oder im Hohen Rat, der Jesus verurteilt etc.), der andere heißt "Freiheit" (als Ansporn natürlich in Ordnung, als "ich schaffe es aus eigener Kraft" aber ein Idol). Beides sind gedankliche Ideale, die von den Zwängen, in denen die realen Individuen stehen, nichts wissen. Aus diesem Grund ist die Moral, wie Schleiermacher auch zu sehen scheint [aaO 51f.], eine Überforderung (und daher nicht dem Dialog gemäß) in mehrfacher Hinsicht. Es ist daher nicht überraschend, bei genauerem Hinsehen zu sehen, dass ein großer Teil der (körperlich und auch der psychisch) Kranken an ihrer Moral erkranken, die ihnen die Lebensenergie nimmt (das sage ich aus meiner Erfahrung als Psychotherapeut und als Seelsorger für psychisch Kranke.) Sie sind nicht stark genug, den Absolutheitsanspruch der Moral über Bord zu werfen und noch weniger, ihn einzuhalten. Sie geraten dadurch in einen schweren Zwiespalt mit sich selbst. Sie sind nicht imstande, klar zu fühlen, was das Richtige ist für sie. Aber ihr Organismus zeigt durch seine Krankheit, dass die Moral ein falscher Gott ist für sie, weil sie das Lebendige in ihnen zu ersticken droht. Und selbst das Kriminelle ist oft nicht mehr als ein verzweifelter Ausbruch aus dieser tödlichen Enge.

Aus diesem Grund (weil sich - auch der Einsicht Schleiermachers nach [aaO. 103] - die Wirklichkeit bzw. das Universum immer zur Wehr setzt gegen künstliche Eingriffe) ist es (beispielsweise) durch dominante Subkulturen zu der heute für jeden beobachtbaren Umwertung aller Werte gekommen, durch die es eben als "cool" gilt, sich über alle Autoritäten und Codices hinwegzusetzen. Aus diesem Grund konnte man in den Siebzigerjahren, als diese Subkulturen sich durchzusetzen begannen, an unzähligen Häuserwänden amerikanischer Ghettos in riesigen Buchstaben das Wort "BAD" lesen, hingeschrieben von Leuten, die damit zu erkennen geben wollten, dass das, was bisher für gut gehalten worden ist, jetzt schlecht ist und das bisher Schlechte jetzt gut.

Diese Entwicklung ist eine Folge des Dualismus, weil eben Moral und andere einschränkende Formulierungen der Welt der Dualität, der Entfremdung, entstammen und entsprechenden Widerstand des Lebendigen auslösen. Das Dialogische kennt keine Dualität (es kennt natürlich auch keine gedanklichen Ideale als solche, obwohl es solche vielleicht gelegentlich benützt), vielmehr ist es gerade die Ganzheit, innerhalb derer der Dialog stattfindet. Es ist die Einheit, die sich an jedem Punkt ihrer Existenz so äußert, dass das Ganze eben aus der Perspektive dieses Punkts erscheint und unter den Aussichten, die das Einzelne (die individuelle Form) dieses Punkts charakterisieren, und in dem daher auch spontan sämtliche konkreten und optimalen Handlungsweisen für das betreffende Individuum erscheinen. (Hier liegt der Ursprung und das ursprünglich intendierte {in verbeamteten Priesterreligionen aber leicht vergessene} Ziel jeder Moral.) Und genau das ist sogar die Quelle der gesamten Evolution von Anfang an. Das "Sehen" des richtigen Weges ist nämlich charakteristisch für alle Wesen, die aus dem ewigen Dialog heraus leben. Könnte es nicht sein, dass sich schon vor Photonen und Elektronen alles Existierende auf diese Weise resonant verhält - mit seinem je eigenen Spielraum an Freiheit?

Menschen, die noch nicht aus diesem dialogischen "Sehen" heraus leben, sondern aus den Kategorien ihres Verstandes, kennen die Ganzheit noch nicht, sondern nur die Millionen von Kategorien und sie kennen auch die Gegenwart noch nicht, sondern nur die Summe ihrer Erfahrungen und die Projektion der Daten ihrer Vergangenheit auf die Zukunft. Sie leben - noch - in der Dualität. Für sie ist Gott noch keine erfahrbare Realität, sondern ein von ihnen selbst erschaffenes Gedankending (oder eins, das ihnen in den Kopf gesetzt worden ist), das sie sich als Gegenüber vorstellen und mit dem sie auf diese Weise in einen fiktiven Dialog treten. Sie nennen das dann "Gebet" [- ganz anders verhält es sich natürlich mit dem vertrauensvollen unschuldigen Gespräch einfacher Menschen zu ihrem himmlischen Vater oder auch zu den Heiligen, denn das wirkt auf seine eigene Weise durch das Vertrauen, den Glauben. Für Menschen in der "Anschauung" ist "Gebet" aber vor allem jene Stille, in der sie das jeweils Gegenwärtige berühren kann, in der sie den Dialog "hören" können, und diese Sicht gilt für alle Religionen -] und sie wundern sich, wieso es nach jahrzehntelangem "Gebet" keine Erhörung gibt. Wenn sie sich selbst gegenüber ehrlich sind, werden sie früher oder später erkennen, dass ihr Gegenüber nur eine Idee ist. In dem Moment werden sie aufhören, sich etwas auf ihr Ideengebäude einzubilden. Sie werden ankommen auf dem Boden des Nicht-Wissens, auf dem das Eine dann endlich die Chance hat, gehört zu werden. Dann ist der Dialog plötzlich Wirklichkeit. Und es ist keine Dualität mehr, sondern eine Einheit zwischen Individuum und dem Ganzen (also dem Universum).

Nun wird auch klar, dass es für den gefallenen Menschen (abgesehen von der reinen Gnade) nur zwei Wege zur "Anschauung" gibt, nämlich die rückhaltlose Ehrlichkeit (Schleiermacher erwähnt diesen Weg nicht eigens, aber er benützt ihn, indem er den gebildeten Religionsverächtern ihre Denkfehler aufzeigt) oder die "Einweihung" durch einen Menschen, der das Ganze und die treibende Kraft des Ganzen aus eigener Anschauung, also aus eigener Erfahrung kennt. In jedem Fall wird Religion erst als Erfahrung Realität. Was vorher war (z.B. jahrelange Frömmigkeit oder ein Doktorat in Theologie), so stellt sich dann heraus, ist nur so etwas wie der Kaffeesatz aus einer Espressomaschine. Im Geruch gibt es Ähnlichkeiten und auch im Geschmack, aber ein frisch gemachter Espresso ist doch etwas anderes.

Der Zustand der Einheit oder der "Anschauung" (the real thing) ist etwas, das bei seinem ersten Erscheinen unbeabsichtigt irgendwann plötzlich da ist und meist nach wenigen Augenblicken ebenso unerklärlich verschwindet, wie es gekommen ist. Da dieser Zustand aber das beglückende Gefühl des zu-Hause-angekommen-Seins enthält, bleibt ein Mensch, der ihn erfahren hat, diesem Erlebnis auf der Spur - doch es kommt nicht so einfach wieder. Vielleicht vergehen Jahre bis zum nächsten Erlebnis. Gewöhnlich jedoch werden die Abstände im Lauf der Jahre geringer, denn ein Mensch mit dieser Erfahrung richtet sein Leben mehr und mehr auf diesen Einklang aus. Er stellt sich darauf ein, wie man ein Radio auf den Sender einstellt. Für mich waren in diesem Einstell-Prozeß der moralische und der dogmatische Kodex eine Hilfe (eine Art "Koan" - für andere dagegen könnten sie ein Hindernis sein!) und darin sehe ich auch ihre Berechtigung. Die Formulierungen waren immer ein Prüfstein für mich, an dem ich feststellen konnte, ob meine Sicht des Lebens und der Welt eventuell eine manische Note hatten, ob ich also in Gefahr war, den Boden zu verlieren, oder ob ich mich in dem abgesteckten Rahmen bewegen konnte. Ich habe daher jeden meiner Gedanken am Gerüst der Kodizes geprüft. (So sehr mir die "Anschauung" das Denken auch als die Fehlerquelle zeigte, sah ich doch, dass es nicht darum geht, das Denken auszuschalten, sondern ihm den Platz zuzuweisen, der ihm zukommt, nämlich den eines Hilfsinstruments.) In diesem Prozess der Überprüfung der Validität aller Gedanken und Verhaltensweisen, der auf dem Weg zum Bewusstwerden niemand erspart bleibt, wird schließlich klar, dass die ganze Welt ein Ergebnis des inneren Dialogs des Universums ist. Und Genesis 1,27 (Gott erschafft die Menschen "wie eine Kopie" von sich selbst) bestätigt nur, was durch die Anschauung schon bekannt ist, nämlich dass die menschliche wie auch die göttliche Natur des Menschen aus diesem Dialog hervorgehen ("gezeugt, nicht geschaffen", wie es im Credo heißt), bzw. dass sie die zwei Pole dieses Dialogs sind, die wir beide in uns haben. Aus diesem Grund können alle, die bewusst an diesem Dialog teilhaben, von sich sagen (wie Jesus - sofern er selbst das je wirklich von sich gesagt hat), "wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat" (Joh 12,44), aber sie werden auch wissen, dass sie, wie er, ein "Stein" sind, "den die Bauleute verworfen haben" (Mt 21,42).

In dem Zusammenhang möchte ich die Aufmerksamkeit noch auf eine bedenkenswerte (heilsgeschichtliche) Entwicklung lenken, die, von Propheten angekündigt, heute bereits vielerorts (zumindest in einer anfänglichen Phase) Wirklichkeit ist und die Schleiermacher vorhergeahnt zu haben scheint:

Für Schleiermacher haben die Propheten als die Verkünder der jüdischen Anschauung der Vergeltung den Menschen gewissermaßen ständig zugerufen: "Bedenkt die Folgen eures Tuns, betrachtet das Diagramm (die historische Kurve von Identität und Entfremdung und ihrer Folgen), das sich aus der Geschichte des Volkes Gottes ergibt: Wenn ihr den Bund mit Gott haltet, werdet ihr siegreich sein, wenn ihr ihn vergesst, werdet ihr vernichtet werden." Das ist es ja, was die Propheten des Alten Testaments (auftragsgemäß) als die Wirklichkeit verkünden. Angefangen mit Abraham haben sie daher immer wieder eine nüchterne Bilanz gezogen (besonders deutlich und explizit wird dieses Bilanz-ziehen dann nochmals in Zusammenhang mit dem Babylonischen Exil). Sie haben sich einfach gefragt - jenseits aller Mythologie und Superstition: Was wirkt und was wirkt nicht? Durch ihre ehrliche Betrachtung der Wirk-lichkeit haben sie entdeckt, dass zwar das ganze theologische Lehrgebäude nur eine Illusion ist, um die zu motivieren, denen die eigenen Erfahrung fehlt [das steckt hinter Jesu Aussage: "der Sabbat ist für die Menschen da ..."], dass es aber keine Alternative gibt zum Glauben, d.h. zum Vertrauen, also dazu, sich der schöpferischen Kraft vollkommen auszuliefern. Das Vertrauen auf die eigene Klugheit und Stärke dagegen, genauso wie der Kult der Kraft (im Alten Testament: des "Baal" bzw. "der fremden Götter"), so sahen sie, ist ebenso nur eine Illusion, letztlich purer Aberglaube. Die eigene Kraft (= ohne die "Kommunikationsverbindung" {den Dialog} mit dem All) hätte es von Anfang an nicht geschafft und die Zauber-Kraft der Götter stand den Menschen nicht zur Verfügung [so sehr die Mythenbildung auch den Eindruck des Gegenteils zu erwecken suchte - so sehr dass beispielsweise heute als Quintessenz des Besonderen an Jesus von gewöhnlichen Pficht-Schülern dem Sinn nach fast ausnahmslos gesagt wird, er wäre ein großer Zauberer gewesen]! Im Gegensatz zu den anderen Leuten waren die Propheten einfach nur so ehrlich, es einzugestehen. Vielleicht hat ihnen das Leben aber auch einfach keine Wahl gelassen. Sie mussten jeglichen anerzogenen Aberglauben daher ablegen. Und so kommt es, dass der "Glaube" der "Väter" von Anfang an entmythologisierend ist.

Spätere Generationen haben daraus jeweils wieder einen Mythos (biblisch auch: "ein goldenes Bild"[vgl. Ri 8,27]) gemacht (der ebenso natürlich bald wieder nicht mehr funktioniert hat) und es hat weitere Propheten gebraucht, um auch diese neuen Mythen wieder aufzulösen und erneut eine nüchterne Bilanz zu ziehen.

Jesus hat diese Entmythologisierung so sehr forciert, dass die religiöse Obrigkeit sich durch ihn in ihrer Existenz bedroht fühlte. Er hatte dadurch aber eine derart starke persönliche Wirkung (die letzten Endes sogar die von Mose übertraf), dass er selbst zum Gegenstand des Mythos wurde. So konnte es geschehen, dass man nach ihm glaubte, mit ihm wäre die Offenbarung abgeschlossen, alles Sagbare wäre im Prinzip gesagt, man müsse es nur noch weiter ausformulieren und systematisieren - und man könne daher auf die prophetischen Bilanzen verzichten! Tatsächlich hat man aber gerade dadurch eben eine neue Ideologie (neue fremde Götter) geschaffen (die natürlich später wieder abgeschafft werden müssen). Im Eifer der Systematisierung des Wirkenden hatte man den Prozess der Wirk-lichkeit und in ihm die wirk-liche Rolle der Propheten aus den Augen verloren. Und so konnte es geschehen (was in solchen Fällen immer geschieht, weil dieses Geschehen eben einem der Gesetze des Universums entspricht): Das nun so schön geordnete "System des Wirkenden" wirkt nicht mehr! (Es hat gewirkt und gelegentlich wirkt es noch - ähnlich dem Gesetz des Mose - aber vom "kairos" der Welt, also von der Heilsgeschichte aus betrachtet, gehört die Wirk-lichkeit dieses Mythenkomplexes heute, jedenfalls für unsere Breiten, der Vergangenheit an - in Gegenden der Welt, in denen heute noch eine Art "Voodoo"-Glaube herrscht, mag das anders sein.)

Immer wieder gab es dazwischen (seit dem Abschluss der Niederschrift der letzten als "Offenbarung" anerkannten Schrift) natürlich Menschen, denen "vom Universum" (schließlich hat das Universum ja tatsächlich jene von Schleiermacher festgestellte - und durch keine Theologie zu verniedlichende - dialogisches Basis) die Aufgabe zugedacht wurde, auf diese Tatsache aufmerksam zu machen. Sie wurden, solange dies möglich war, wie Jesus, als Störenfriede mit administrativen, polizeilichen oder militärischen Mitteln beseitigt. Als dies nicht mehr möglich war, entstanden neben den alten "Orthodoxien" die immer neuen Reformationen. Schleiermacher nahm das dann als Äußerung eines reformatorischen Prinzips, das er im Kern der höchsten Anschauung des Universums (die das Christentum für ihn verkörpert) von Anfang an verankert sieht [aaO. S 293f.]. Für andere - etwa für die alte "Orthodoxie" - ist dieser Vorgang dagegen das enttäuschende Auseinanderbrechen und die schuldhafte Zerstörung der Einheit. Tatsächlich aber ist es genau das Fehlen des prophetischen Elements, das Fehlen der nüchternen, entmythologisierenden Bilanz, das eine Abspaltung derer provoziert und notwendig macht, die diese Bilanz gezogen haben und die die Unwirksamkeit der alten Bilder festgestellt haben.

Wenn Sie erlauben, werde ich das an einem Beispiel verdeutlichen: An einem afrikanischen Stand der internationalen Handwerksmesse in München wurde mir eine Halskette aus schwarzen Tierhörnern gezeigt mit der Bemerkung, diese Kette habe "Kraft". Als ich mich in meiner Phantasie in eine entsprechende Umgebung hineinversetzte, konnte ich diese Kraft auch spüren. Um diese Kraft aber in unserer Kultur einzusetzen, wäre es notwendig, jene ursprüngliche Umgebung ebenfalls zumindest in der Phantasie der Beteiligten zu erschaffen. In der Umgebung der Handwerksmesse, inmitten von Verkaufsständen anderer Aussteller nämlich hatte die Kette absolut keine Kraft. - Solange die gesamte Welterfahrung der Menschen unserer Gegend christlich geprägt war, hatten die theologischen Bilder Kraft. Heute fehlt dieser Hintergrund. Um eine Wirkung zu erzielen, muss das ganze alte Mythengebäude neu erschaffen werden. Doch das ist ein größerer Aufwand, als das Erlösende gleich in neuen, aus unserem heutigen alltäglichen Erleben stammenden Bildern zu entdecken, denn zu jedem alten Bild muss man gleichzeitig auch den ursprünglichen "Sitz im Leben", also die Lebenssituation miterklären, aus der das Bild stammt. Das ist zwar grundsätzlich möglich und mit dieser Methode kann man heute auch Elemente anderer antiker Religionen verstehen und sogar effektiv benützen und doch denkt wohl kaum jemand ernsthaft daran, eine der antiken Religionen als solche wiederzubeleben. Ähnliches gilt natürlich für die Adaption anderer Religionen in unserer Kultur (etwa des Islam oder anderer hierzulande fremder Religionen). Oder - man stelle sich vor - Jesus hätte sich nur auf Ereignisse berufen können, die Jahrtausende zuvor stattgefunden haben, wer hätte sich dann für ihn interessiert? Dann wäre seine Lehre so kraftlos gewesen wie die der anderen Lehrer seiner Zeit. Er war doch nur deshalb so attraktiv, weil er authentisch (also aufgrund persönlicher Erfahrung) aus der Fülle der Gegenwart schöpfen konnte.

Deshalb - umso schwieriger und unökonomischer der Übersetzungsprozess für alte Überlieferungen wird, umso spannender sind die Entwicklungen, die sich hier bei uns heute vollziehen, wie das Folgende:

Weil man sich (außerhalb der alten Kirchen) seit der Reformation erklärtermaßen auf keine Mutter Kirche mehr verlassen konnte, hat sich eine immer größere Selbständigkeit, Mündigkeit und Reife entwickelt. Immer kleinere Gruppen haben sich losgelöst und auch viele Einzelne haben nach Wegen gesucht (ohne eine leitende Institution), ihr Leben im Rahmen jener begeisternden Anschauung, die die Autoren der Bibel vermitteln, zu leben.

Ein angestrebtes Ideal war dabei notwendigerweise die Prophezeihung des Propheten Jeremia vom Neuen Bund: "... Keiner wird mehr den andern belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn!, sondern sie alle, klein und groß, werden mich erkennen - Spruch des Herrn". [Jer 31,31-34]

In diesem Sinn haben sich im Besonderen im Verlauf des letzten Menschenalters ganz heimlich, still und leise überall auf der Welt Menschen zusammengefunden, die eine Art "Evangelium" alleine umsetzen: Ein Volk von Priestern, aber ohne Tempel, von Gott gerettet, aber ohne die Hilfe einer Kirche, voll Vertrauen, aber ohne Mythos: Statt andere zu missionieren und zu ihnen zu sagen "erkenne Gott!", sagen sie ganz bescheiden: "Wir haben erkannt ...":

Schleiermacher scheint eine Entwicklung dieser Art geahnt zu haben. Wie ein Prophet weissagt er - obwohl er selbst das Zeitalter der Weissagung für längst beendet erklärt hat: "neue Bildungen der Religion müssen hervorgehen, und bald, sollten sie auch lange nur in einzelnen und flüchtigen Erscheinungen wahrgenommen werden. Aus dem Nichts geht immer eine neue Schöpfung hervor, und Nichts ist die Religion fast in Allen der jetzigen Zeit, wenn ihr geistiges Leben ihnen in Kraft und Fülle aufgeht. In vielen wird | sie sich entwickeln aus einer von unzähligen Veranlassungen, und in neuem Boden zu neuer Gestalt sich bilden." [Ebd. S 311f.].

Diese Weissagung hat sich erfüllt - unbemerkt von den großen Bewegungen der Welt - in Form kleiner, unscheinbarer Gruppen, die aber bereits heute wie ein Netz die ganze Welt umspannen: Es sind die Treffen der sogenannten "Anonymen Alkoholiker" und verwandter Gruppen, die ähnlich arbeiten.

Entwickelt, wie Schleiermacher sagt, "aus einer von unzähligen Veranlassungen" - sind sie eine (inzwischen auch nicht mehr ganz) neue Form der Religiosität, die doch ganz klar und in genau der Weise, die Schleiermacher sieht, der alten entspringt. Die Basis der "Anonymen" ist, auch wenn sie das so nicht sagen, ein barmherziger Gott, der sie, die Verlorenen, die aus sich keine Chance mehr haben, rettet. Die AA's beziehen sich nicht auf die Bibel, denn sie wollen für alle Religionen offen sein, und doch ist der überaus starke Anklang der "Schritte" eins bis drei von ihren berühmten zwölf Schritten [: "1. Wir haben zugegeben, dass wir Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten. 2. Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht - größer als wir selbst - uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann. 3. Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes - wie wir Ihn verstanden - anzuvertrauen."] an Paulus (2 Kor 8f.) nicht zu überhören: "Wir wollen euch die Not nicht verschweigen, Brüder, die ... uns über alles Maß bedrückte; unsere Kraft war erschöpft, so sehr, dass wir am Leben verzweifelten. Aber wir haben unser Todesurteil hingenommen, weil wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen wollten, sondern auf Gott, der die Toten auferweckt."

Genau auf diesen Gott, der die Toten erweckt, vertrauen auch die Anonymen, weil sie wissen, dass es sonst nichts mehr gibt, auf das sie vertrauen könnten. Inzwischen gibt es die verschiedensten Varianten der ursprünglichen AA's, z.B. "Messies Anonymus", also Menschen, die ihren "Saustall" nicht in Ordnung halten können, weiters solche, die ihre Gefühle nicht unter Kontrolle haben, einschließlich der jeweiligen Angehörigengruppen, und viele, viele andere Selbsthilfegruppen.

Letzten Endes zeigt die Bewegung, dass es gar nicht um "Alkohol" oder um irgendein anderes der Übel geht, nach denen sie sich benennen, sondern um die Überwindung genau des "Widersachers", mit dem sich seit je her alle Religionen auseinandersetzen - "Alkohol" ist nur einer der vielen Namen dessen, womit Menschen nicht fertig werden.

Die Anonymen haben einen Weg zur "Anschauung" und zur Erlösung gefunden und auch neue Formen der Gemeinschaft. Ihr ganzes Evangelium hat auf einer halben DIN A4-Seite Platz und doch wirkt es mehr als die tausend Therapien, die seine Anhänger vorher probiert haben und sogar mehr als die Tausenden Seiten Heiliger Schriften, die, weil sie zu einem Mythos gemacht worden sind, den nüchternen Menschen unserer Zeit oft nicht mehr helfen können.

Damit möchte ich auf keinen Fall sagen, dass das Christentum keine Bedeutung mehr hätte, aber doch, dass seine Bedeutung auch heute erst wieder neu entdeckt werden muss und dass es dabei sehr hilfreich sein kann, zu sehen, welche Schritte der Heilige Geist in unserer Welt sonst noch gemacht hat, die wir bisher, in überheblicher Ignoranz aus unserer Betrachtung der Heilsgeschichte ausgeschlossen haben.

Noch etwas zu Politik und Religion. Schleiermacher führt ja die Perversionen der Religion mit Recht auf den Einfluss der Politik zurück [aaO. 210ff.].

Das Zeitalter menschlicher Majestäten hat die Mythen auch als Distanzhalter geschaffen. Schließlich sollten die Untertanen ja in Ehrfurcht erstarren, wenn sie auch nur einem subalternen Beamten seiner Majestät begegneten. Das ist nur durch einen Mythos möglich. Zeitweise sah man es in diesen Zeiten sogar als notwendig an, dass auch die Kinder mit ihren leiblichen Eltern nur über Hausangestellte kommunizieren durften. Und genau so wurden auch die Kinder Gottes behandelt - und sie werden es immer noch, denn mag der Monarchismus auch überall in der Welt der Vergangenheit angehören, in der Kirche lebt er weiter. [Zur Illustration ein typisches persönliches Beispiel für diese Art von Distanz: Erstaunlicherweise war es nämlich mir (abgesehen von rein liturgischen Anlässen) trotz Theologiestudium und fast fünf Jahren Priesterseminar nur zwei mal in meinem Leben kurz vergönnt, einem Bischof zu begegnen, und auch das waren mehr Demonstrationen des Machtgefälles als Gelegenheiten des sich Kennenlernens - was bei meinen späteren Begegnungen mit Meistern anderer Religionen durchaus anders war, was mir wiederum zeigt, dass diese Art des Distanzhaltens nichts mit dem Amt des "episcopus" an sich zu tun hat, sondern nur mit europäisch-aristokratischen Konventionen.] - Dabei wäre das Demokratische der Kirche im Prinzip nicht fremd, ja das Monarchische ist ihr im Grund viel fremder, aber 2000 Jahre Monarchie und 1800 Jahre davon selbst in einer Position der Macht gehen an keiner Institution spurlos vorüber. Und natürlich haben die, die oben sitzen, wie üblich wenig Interesse, Macht abzugeben und Revolutionen wie im Staat kann es in der Kirche ja nicht geben. Was den Menschen bleibt, ist ein stillschweigender Rückzug; wenn die da oben nicht gehen, dann gehen halt die unten. Das ist die Bewegung, die wir im Moment erleben. Aber plausible andere Erklärungen (etwa der mit den Konsummöglichkeiten zunehmende Materialismus etc.) sind leicht bei der Hand und so kann alles (noch eine kleine Weile) bleiben, wie es jetzt schon (nur unterbrochen von prophetischen Störungen) seit sehr sehr langen Zeiten ist.

In allen Kulturen jedoch arbeitet der Geist stets an immer neuen Möglichkeiten, zu den Menschen durchzudringen, sie zur unmittelbaren "Anschauung" zu führen, in der sie die wahren Relationen erleben und sich besinnen auf das, was ihnen von Anfang an ins Herz geschrieben ist.

 

 

 

Zitate aus

Die Bibel, Einheitsübersetzung, (Katholische Bibelanstalt GmbH) Stuttgart 1980.

Schleiermacher, Friedrich: Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. (1799). Herausgegeben von Günter Meckenstock (Verlag Walter de Gruyter), Berlin - New York, 1999. 194 Seiten [mit Paginierung der Originalausgabe von 1799, Berlin, Verlag Johann Friedrich Unger, 312 Seiten]

Ratzinger, Joseph Kardinal: Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende. Ein Gespräch mit Peter Seewald. (Wilhelm Heyne Verlag), Ungekürzte Taschenbuchausgabe, München 1998. 302 Seiten

 

Interessante Lektüre, 200 Jahre nach Schleiermacher:

Hoffmann, Paul: Die befreiende Erinnerung an Jesus von Nazaret.

Ein Interview mit dem Neutestamentler Paul Hoffmann.

In: Orientierung 63 (1999) 165-171.

http://www.uni-bamberg.de/ktheo/nt/interview.htm

Hoffmanns Resümee:

"Ist es wirklich als großer Fortschritt zu verbuchen, wenn mittlerweile der Schöpfungsbericht kirchlicherseits nicht mehr als empirischer Bericht verstanden [werden] muß? Aber was 400 Jahre nach Galilei gelungen ist, gilt auch für die vielen anderen mythischen Elemente des Neuen Testaments, die wir angesprochen haben. Wir können sie nicht mehr als "Fakten" ansehen. Den Lernprozeß, den die Exegese durchmachte, müßte auch das Lehramt auf sich nehmen." [ebd. 171]

 

Der Geist spricht zu den Gemeinden! Ein neues Zeitalter ist angebrochen, die alten Dinge müssen neu gesagt werden - erinnern wir uns also an die Ursprünge und unterscheiden wir sie von den Verkleidungen.

 

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