Das einzige Hindernis ist die Angst

8. 8. 2002

 

 

 

Was hindert Dich, was bewirkt, dass Du nicht durchdringen kannst?

Die Angst.

Sonst nichts.

Angst wovor?

Vor den Reaktionen, die folgen auf die Aktion, denn natürlich folgen Reaktionen. Es gibt keinen Schutz vor den Reaktionen. Kein lieber Gott kann dich schützen. Nein, es gibt keinen Schutz vor den Reaktionen – außer nicht handeln – und das ruft seine eigenen unvermeidlichen Reaktionen hervor.

Die Angst vor den Reaktionen ist die Behinderung der Depressiven [sie ist der Grund für ihre Depression und sie verstärkt sich in einer sich aufschaukelnden Bewegung] und diese Angst hindert auch die „Normalen“ und macht auch sie manchmal depressiv. Sie hindert alle, die nicht durchdringen.

 

Wie können wir diese Angst überwinden?

Es gibt nur die eine Möglichkeit, nämlich dass wir trotz Angst einfach handeln – nicht irgendwie durchgedreht, wahnsinnig, sondern ganz normal menschlich.

Das Geheimnis liegt darin, dass es einzig notwendig ist, ehrlich zu sein.

 

Dann – wenn der Schutz der Rituale [der Religion oder der Konvention] aus welchen Gründen auch immer weg ist [und wer ehrlich ist, wird möglicherweise auf diesen Schutz verzichten müssen], wenn also die Angst herrscht – kann eine neue Form von Schutz kommen. Diese neue Form von Schutz hat zur Bedingung die Ehrlichkeit.

Gegen das, was der Fall ist, kann niemand etwas einwenden. Wenn wir ehrlich [ohne Jammern] darstellen, wie es uns geht, erwecken wir automatisch Sympathie. Die Wahrheit dringt durch. „Sie bewegt sogar Fische und Schweine“, sagt der Autor des I Ching. Das ist die tiefste Weisheit, die es gibt. Es sind nicht die tausend Regeln irgendeiner Religion, es ist einfach Ehrlichkeit. Das war die großartige Entdeckung Abrahams.

Der Schutz, den die Wahrheit bietet, ist unübertrefflich. Das hat auch Jesus festgestellt, deshalb hat er sich gegen die Moral der Hypokriten gewandt und hat sich einen „Freund der Zöllner und Huren“ nennen lassen.

 

Die Wahrheit schützt uns allerdings nicht vollständig vor Angriffen [als eine mögliche Variante der Reaktionen], aber in den Fällen, in denen Angriffe trotzdem kommen, gibt sie uns Kraft, ihnen zu begegnen. Und das beginnt schon auf der untersten Stufe, der einer extremen Depression, wo gar nichts mehr möglich scheint, weil gar nichts mehr interessiert.

Zunächst ist die Wahrheit jederzeit zugänglich. Unser Körper ist der Schlüssel. Mit ihm erfahren wir Freuden und Leiden. Und zumindest das Leiden ist [auch für angeblich völlig freudlose Menschen] jederzeit wahrnehmbar – und daher ist die Wahrheit jedem, der bei Bewusstsein ist, jederzeit zugänglich. Es ist möglicherweise eben die Wahrheit des Leidens.

Daher ist dieser Weg für alle gangbar, egal, wo sie sich befinden mögen, egal wie aussichtslos ihre Situation erscheinen mag.

Es braucht nur einen winzigen Schritt, eine winzige Bejahung dieser Wahrheit, dieser Realität. Eine minimale Quantität von Anstrengung, wie sie selbst dem depressivsten Depressiven möglich ist von Zeit zu Zeit.

Dann, wenn er diesen winzigsten Schritt gegangen ist, kommt die Kraft der Wahrheit und hilft, indem sie [durch das Bild der Sehnsucht] eine Ausrichtung der Energiekanäle bewirkt, eine Bündelung der zur Verfügung stehenden Kräfte; und diese Ausrichtung der Energiekanäle verstärkt sich durch sich selbst, weil die Energie ja schon immer danach drängt, endlich durchzukommen. So ist es dann die erste Energie, die sich einen Weg bahnt, wir müssen ihr den Weg nur initial ermöglichen, wir müssen unsere Sperre nur ein winziges Stück aufheben, gerade so wenig, wie wir vermögen.

In der alten theologischen Sprache ist es daher „Gott“, der uns den Weg bahnt – nicht wir ihm, sondern er uns. Das ist wesentlich, weil es die Wahrheit ist, d.h., weil es tatsächlich so geschieht. Das ist auch die Bedeutung der Aussage „sola fide“. Was wirkt, ist nicht unsere Kraft, es ist die schöpferische Kraft, die uns schon erzeugt hat, die uns am Leben erhält und die immer und überall wirkt. Sie heilt alle unsere Leiden.

Dass wir uns ein wenig trauen, bewirkt daher, dass wir uns mehr trauen, nicht weil unsere Kraft jetzt stärker wäre, sondern weil wir durch die andere Kraft unterstützt werden, weil die jetzt in uns wirken kann, weil wir uns ihr ein winziges Stück aufgemacht haben.

Also, wir brauchen keine Angst haben. Wir brauchen diese minimale Intitialinitiative nicht zurückhalten aus Angst, dass wir später versagen werden, denn wir werden auch später gar nichts leisten müssen, wir brauchen nur der Kraft erlauben in uns und durch uns zu wirken. Dann ist immer genau die Kraft da, die nötig ist für den nächsten Schritt.

Wir brauchen also keine Angst haben, es ist nicht mehr von uns verlangt, als dass wir folgen. Wir brauchen nur hintergehen, die Kraft geht uns voran [wie damals die „Feuersäule“ den Israeliten], wir brauchen nur hinter ihr her gehen. Sie wird uns den Weg zeigen und uns eben sogar vorangehen.

 

Um den Heilungsprozess zu starten, brauchen wir nur unsere Aufmerksamkeit ein wenig auf die Wahrheit zu lenken, auf unseren Schmerz und auf unsere Sehnsucht frei zu sein, also auf die beiden Pole der Kräfte, die auf uns wirken. Von da an brauchen wir nur noch folgen.

 

Dieses anfängliche die Aufmerksamkeit ein wenig lenken ist das notwendige sich Öffnen.

Was dann geschieht ist nicht spektakulär, denn die Entwicklung geht wie jedes Wachstum langsam. Es gibt Rückfälle. Wir werden unsere Aufmerksamkeit wieder abgleiten lassen, sie uns wieder entgleiten lassen. Aber irgendetwas, wird uns irgendwann wieder erinnern, dass wir das schon einmal gemacht haben und dann können wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf unsere Wahrheit lenken. Und dann geht es wieder ein Stück voran. Und mit der Zeit immer mehr, irgendwann exponentiell.

Bei manchen kann die Heilung auch als ein augenscheinliches Wunder erfolgen, nämlich sehr schnell. Bei ihnen sind wahrscheinlich die Bedingungen günstig für eine Art Kettenreaktion, eine sehr schnelle Eskalation der Ausrichtung der verschiedenen Energieströme bis zur vollen Konzentration.

Die Bedingungen für diese Hingabe sind eben bei den Menschen ganz unterschiedlich und kein Anlass für eine Bewertung in einem moralischen Sinn.

 

Manche führen schlechtere Ausgangsbedingungen auf „Sünden“ der Vorfahren zurück, ich finde es besser, von „nicht gelungener Achtsamkeit“ zu sprechen; manche sprechen von „Karma“, also von einer Folge des Verhaltens in früheren Leben. Es ist egal. Unsere Bedingungen sind, wie sie sind, und wenn wir sie nicht mögen, müssen wir einen Weg heraus finden. Es hilft uns nicht einen Schuldigen zu finden. Niemand nimmt uns die Verantwortung für unser Leben ab.

Die Verführung [zur „Sünde“ oder zur Unachtsamkeit] ist ja gegenwärtig und sie besteht immer darin, dass etwas für „gut“ gehalten wird, was gar nicht gut ist.

Entweder sind das gesellschaftliche „Werte“, die überschätzt werden und dadurch verlocken oder es sind vergangene Erfahrungen von „gut“, die unverhältnismäßig stark anziehen – sich also nicht in Harmonie mit der Gesamtsituation befinden. Aber auch die Instinktreaktionen können zur Versuchung werden, nämlich zu einer Kraft, die uns überrollen kann, sodass wir nicht mehr wahrnehmen können, weil wir zu sehr getrieben sind.

Wenn wir uns der Wahrheit, und sei es unserem Schmerz und unserer herzzerreißenden Sehnsucht, öffnen, werden wir das Unverhältnismäßige sehen, und zwar genau in dem Maß, in dem es uns gelingt, uns zu öffnen, uns ihr anzuvertrauen. Und damit haben wir ein Fahrzeug heraus aus der Not. Es ist nicht von uns geschaffen, sondern es steht schon bereit, uns abzuholen, wenn wir uns ihm anvertrauen.

Es fährt uns heraus. Der Chauffeur ist die Wahrheit. Das Fahrzeug fährt mit der schöpferischen Energie. Wir brauchen daher keine Angst haben, dass wir das schaffen müssten. Wir müssen nur diesen winzigen Spalt öffnen, indem wir unsere Aufmerksamkeit auf unsere Wahrheit lenken, dann läuft der Karren von alleine.

Nach „der“ Wahrheit zu suchen ist sinnlos. Was immer wir da an Abstraktem finden werden, es ist nicht die Wahrheit. Wahrheit gibt es für uns nur in Form unserer Wahrheit. Wir brauchen sie daher nicht suchen, sie ist schon da. Wir brauchen nur zu schauen.

 

Auch wenn unsere Wahrheit das pure Grauen sein sollte, was immer sie ist, sie ist es, die uns rettet. Wir müssen uns ihr anvertrauen – und mit dem „Müssen“ meine ich wieder diese winzige Einstellungsveränderung, dieses winzige Vertrauen, dieses winzige uns Trauen, das kann uns niemand abnehmen.

Die Monster, von denen wir uns vielleicht umgeben glauben, werden uns nicht überwältigen, sie werden uns nichts anhaben können, gerade durch die Wahrheit. Das ist das Geheimnis des Weges. Wenn wir unser Unvermögen eingestehen, nicht im Sinn einer Panik oder Resignation, sondern im Sinn der Annahme unseres möglichen Endes bei gleichzeitigem Vertrauen, dass wir [durch die schöpferische Kraft] in besten „Händen“ sind, beginnt die Walze unserer Evolution zu laufen [unsere Entwicklung] und sie ist nicht mehr zu stoppen. Und sie ebnet uns den Weg zu immer mehr Bewusstheit, zu immer mehr Wahrnehmung dieser Kraft und zu immer weiterem Aufblühen. Sie walzt die Monster nieder, die ohnehin nur Illusionen sind. Sie können uns nichts mehr tun.

Von uns aus gesehen ist der Treibstoff dieser Walze zu gleichen Teilen der Schmerz [als Schub] und die Sehnsucht [als Zug]. Das Bild unserer Erfüllung [der Sehnsucht] hat mit dem Schmerz thematisch nicht das Geringste zu tun. Wenn wir nur den Schmerz betrachten – ganz viele sind davon vollkommen hypnotisiert – dann gibt er keinen Schub, sondern er wirkt blockierend. Als Treibstoff kann er aber wirken, wenn wir trotz Schmerz unsere Aufmerksamkeit auf das Ziel unserer Sehnsucht lenken, auf das Wunder, auf das hin unser Leben intendiert ist.

Das scheint vielleicht zu viel verlangt von einem Depressiven, ist es aber nicht, denn es geht, wie gesagt, nur um eine winzige Kleinigkeit, um eine winzige Verlagerung der Aufmerksamkeit weg vom Schmerz hin zu unserem Traum. Der Schmerz ist nur der Anknüpfungspunkt, das, was in jedem Fall zugänglich ist, seine nicht zu leugnende Realität verbindet uns eben mit der Realität, mit der Wahrheit. Von diesem Anknüpfungspunkt aus können wir dann mit unserer Aufmerksamkeit auf unseren Traum überwechseln. Der Weg der Heilung geht also von der Wahrnehmung des Schmerzes zur Weiterleitung der Aufmerksamkeit auf das Wunder und durch das Bild der Erfüllung zu der Kraft, die die Erfüllung schaffen kann und die nicht unsere ist, sondern die schöpferische Kraft selbst. Unser Eigenanteil ist eben diese Weiterleitung der Aufmerksamkeit auf das Bild der Erfüllung. Dann kommt Kraft für den Weg dorthin.

 

Eines der größten Hindernisse auf diesem Weg sind die Schuldgefühle. Durch sie trauen wir uns nicht, wir glauben, wir hätten kein Recht. Deshalb stehen oft Schuldgefühle am Eingang einer Depression. Und sie verhindern den Ausgang.

Nichts überwindet die Schuldgefühle besser als die Wahrheit, nämlich einfach die Kräfte zu sehen, die am Werk sind, die Forderungen, denen wir nicht gewachsen sind – und dann unsere Sehnsucht nach Freiheit. In dieser Spannung kann die Energie zur Lösung aufsteigen. Wir brauchen keine Angst haben, sie steigt auf und sie zieht uns mit zu unserer Heilung.

Die Wahrheit ist nämlich, es gibt keine Schuld. Selbst wenn wir schuldig geworden wären, indem unser Geben und Nehmen unausgeglichen war, wir konnten es nicht vermeiden, solange es uns nicht gegeben war – solange wir es selbst tun und erreichen wollten. Sobald wir die Wahrheit aber wirken lassen, ist jede Schuld ausgelöscht. Denn dann wissen wir, dass es ohnehin immer nur diese Kraft ist, die alles bewirkt. Ohne sie sind wir machtlos. Und welche Schuld sollte ein Machtloser haben? Er ist doch höchstens zu bedauern – so weggerissen von irgendwelchen Emotionen.

Die einzige Verantwortung, die wir haben, ist die, der Kraft zu vertrauen. Auch ein Depressiver kann sich dem Vertrauen zuneigen, ein wenig, und das genügt, denn dieses Wenige wird dann von selbst mehr werden.

 

Die Wahrheit ist in jeder Hinsicht wunderbar. Sie bringt uns auf den Kurs in Richtung Wunder, auf dem sich jede Angst als vollkommen unnötig herausstellt.

Wenn die Angst weg ist, ist es ganz natürlich, dass wir uns hinter das stellen, was aus uns heraus will. Und daher wird es sich nicht vermeiden lassen, dass wir durchdringen zu dem, was wir möchten.