Auferstehung  Wiedergeburt  Ewiges Leben

Versuch einer Brücke zwischen Bibel und postmetaphysischer Betrachtung

27. 9. 2004

 

 

 

Was Christen sich heute unter „Auferstehung“ vorstellen, hat oft wenig mit dem zu tun, was im Neuen Testament damit gemeint ist.

Beginnen wir mit dem Einfachsten:

 

 

“Er war tot und lebt wieder“

 

An vielen Stellen ist mit „Auferstehung“ nur gemeint, dass einer, mit dem schon nicht mehr gerechnet wurde, wieder auftaucht, wie in der Geschichte vom verlorenen Sohn, in der der Vater seinem zu Hause gebliebenen Sohn am Ende erklärt (Lk 15:32): „Dein Bruder war tot und er lebt wieder“.

 

 

Die „Wiedergeburt aus dem Geist“

 

Ähnlich zu verstehen ist die Wiedergeburt, von der Jesus seinem nächtlichen Besucher Nikodemus erzählt (Joh 3,3.5b): „Wenn jemand nicht von neuem {aus Wasser und Geist} geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

Jesus meint damit kein Leben nach dem Tod, sondern ein neues Leben in diesem Leben. „Wiedergeburt“ bedeutet darin eine radikale Wende. Diese Wende setzt allerdings doch eine Art Tod voraus, ähnlich der Art, die „der verlorene Sohn“ erlebt hat. Der „Geist“, der sein altes Leben beherrscht hat, hat ihn in die Katastrophe geführt, in den „Tod“. Erst in der Erfahrung tiefster Not fand er Zugang zu dem neuen Geist, der ihn befähigt zum Leben im Reich Gottes.

Das „Wasser“, auf das sich Jesus in seinem Gespräch mit Nikodemus bezieht (Joh 3,5b), verweist auf das Wasser der Tränen, das den Umkehrpunkt nicht selten markiert und darin auch auf die Wasser des ursprünglichen Chaos in Gen 1,2.

Herrschte in der Ausgangssituation absolute Aussichtslosigkeit, so führt das bedingungslose sich Unterwerfen unter die Bedingungen der Kraft, die alles treibt, zu einer spektakulären Wende, nämlich zu einer Sicht des eigenen Lebens und der Welt aus der Perspektive dieser Kraft. Und diese Sicht zeigt den Ausweg:

Die schöpferische Kraft bewegt das All von Anfang an, indem sie im Ganzen wie in jedem seiner Teile zu dem ständigen Streben führt, seine Position zu optimieren. Es ist, wie wenn das Ganze einen fortwährend fließenden „Traum“ immer neue Wirklichkeit werden lassen möchte. Diese Bewegung gleicht der Bewegung der Ranke, die nach dem Licht strebt. Ein derartiges Bestreben bildet auch die innerste Wahrheit des Menschseins. Es ist das Bestreben seines „göttlichen“ Wesens (Gen 1,26), den „Himmel“ in sein Leben zu bringen.

Wenn dieses spontane Bestreben durch innere oder äußere Kräfte blockiert wird, wie im Fall des verlorenen Sohnes – oder auch im Fall der zu Sklaven gewordenen Israeliten – dann zeigt eben dieses Bestreben an dem Punkt, an dem der Tod klar vor Augen steht, diesen Ausweg: vollkommenes Vertrauen und damit vollkommene Hingabe an die Kraft, aus der alles hervorgegangen ist.

Wir sehen damit, dass von dieser Kraft auch das Bild des Himmels stammt. Der „Himmel“ ist der symbolische „Ort“, an dem der Traum des Ganzen sich abbildet. Im Himmel sind alle Probleme gelöst, weil der Mensch „dort“ seinen Platz im Ganzen einnimmt. Auf der Erde sind die Träume der Einzelnen nicht eingeordnet ins Ganze, sondern sie entspringen jenem eingeengten, persönlichen Gesichtsfeld, das die zufälligen Umstände der persönlichen Geschichte mehr oder weniger offen gelassen haben. Deshalb veranlassen diese verzerrten Träume vergebliche Anstrengungen und maßloses Leid. Dieses Leid führt in den Umkehrpunkt. Denn wenn ein Mensch, angesichts des Kontrasts zwischen seiner tiefsten Sehnsucht und der Wirklichkeit nicht verzweifeln will, wenn er will, dass trotz des Anscheins der Unmöglichkeit aus seinem tiefsten Traum Wirklichkeit wird, muss dieser Mensch sich der Wirklichkeit des Ganzen unterwerfen. Anstatt zu versuchen, die Welt an sich zu raffen, wozu das eingeschränkte persönliche Gesichtsfeld ihn drängt, muss er selbstlos werden, d.h. er muss sich hergeben an das Ganze, das von ihm gerade verlangt. Paradoxerweise kann sich sein tiefster Traum nur erfüllen, wenn er selbst zum Ersehnten wird in dem Bestreben, wie ein liebender Vater seiner Welt das Paradies zu bereiten.

Deshalb ist der Geist, dem der Mensch sich in seiner Aussichtslosigkeit unterwirft, der alte und neue Schöpfergeist. Dieser Schöpfergeist schien verloren, in der Kapitulation an der Talsohle seiner Depression taucht er wieder auf. In seiner Wiederentdeckung besteht die Wiedergeburt. Der ehemals Verlorene wird zu einem, der gefunden werden kann.

Auf diese Art war ganz offensichtlich auch Jesus neu geboren. Auf diese Umkehr, die „dem Herrn“ den Weg bereitet, hat er sich taufen lassen. Und der „Herr“, von dem Jesus spricht, ist natürlich nicht eine vom Ganzen getrennte Entität, sondern das Ganze selbst, von dem wir (auch in einem postmetaphysischen Sinn) abstammen. Und weil am Wendepunkt, im Ursprung, immer etwas Gutes intendiert ist, nennt Jesus seinen Herrn auch „Vater“.

 

 

Ein neues Leben aus dem Geist Jesu

 

Ein Leben aus dem Geist des Ganzen wurde schon in der Zeit vor Jesus gesucht, sodass Jesus sich in seinem Gespräch mit dem jüdischen Gesetzeslehrer Nikodemus darauf beziehen konnte.

Die Christen, die aus dem Geist Jesu leben wollen, suchen ihr neues Leben in demselben Geist. Darin besteht ihre Chance.

Jesus ist diesem Geist der bedingungslosen Hingabe an den „Vater“ sein ganzes Leben gefolgt. Er ist hindurchgegangen durch die Abgründe der Urflut. Die Geschichte von der Versuchung in der Wüste markiert sein Wiederauftauchen, seine Neugeburt – und seine Entscheidung für ein Leben aus der Perspektive des liebenden Schöpfers.

Durch sein Beispiel wird sein Geist rein faktisch zu einer Quelle des Lebens seiner Nachfolger. Und dafür braucht es keinerlei Mystifizierung. Er ist für sie tatsächlich so etwas wie „der Weinstock“ und sie sind „die Reben“. Indem sie ihm folgen, finden sie Anschluss an eine unerschöpfliche Quelle von Kraft. Sie beugen ihr Haupt vor ihrem Schöpfer und erleben real die Verwandlung, von der Paulus im ersten Korintherbrief spricht (15:51). Weil sie vor ihrem Schöpfer kapitulieren und sich dadurch an ihm neu orientieren, werden sie „wiedergeboren“ zu einer ganz neuen Art zu leben, nicht mehr nach subjektiven Vorstellungen, sondern im Sinn des liebenden Schöpfers.

 

Dieser Geist der Hingabe lässt Jesus sagen: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Joh 4,34). Die Nachfolger Jesu haben die gleiche Speise, aber eine andere Aufgabe entsprechend ihrer Position in der Welt. Daher geht es in seiner Nachfolge nicht darum, seine Taten nachzuahmen; es geht um die Nachahmung seiner inneren Einstellung, die an ihm in den unterschiedlichsten Situationen seines Lebens beobachtet werden kann. Es ist stets eine Einstellung der Hingabe an den Schöpfergeist.

 

 

Der Geist des neuen Lebens, ein Geist der Kommunikation

 

Alle, die dem Schöpfergeist folgen, tun nicht mehr ihren isoliert persönlichen Willen. Sie folgen einem übergeordneten Willen. Jesus sagt, sie folgen dem „Willen“ des „Vaters“.

Um das heute zu verstehen, braucht es wegen der im Lauf der Jahrtausende veränderten Weltsicht einige philosophische Überlegungen: In der nachbiblisch religiösen Sprache des christlichen Abendlandes erscheint der „Wille des Vaters“ als ein vertikaler Anspruch aus einem mysteriösen Jenseits. Dieser Gedanke aber ist von den Grundlagen der heutigen Weltsicht her kaum noch nachzuvollziehen. Aufgrund der Tatsache, dass sie sich ausschließlich innerweltlich orientiert, durch die Wissenschaften und die Möglichkeiten, die sie eröffnen, hat die heutige Weltsicht eine bis jetzt in der Geschichte unerhörte Verwandlung des Lebens erreicht.

Die spirituelle Tradition des chinesischen Tao kann uns helfen, die Kluft zwischen den beiden Weltsichten zu überbrücken. Ihr ist die Vorstellung von einem vom Diesseits getrennten Jenseits fremd. In der chinesischen Tradition wird der Schöpfergeist zwar als „Himmel“ beschrieben, dieser aber erscheint im Menschen als dessen „innerste Wahrheit“. Wenn wir den Begriff „innerste Wahrheit“ in die Sprache der Bibel übersetzen, zeigt sich, dass sie als „Sohn-Sein“ des Menschen gesehen werden kann. In ihrem Ursprung sagen also beide Traditionen, dass ein Mensch jederzeit unmittelbar mit der Quelle seines Lebens verbunden ist, christlich gesagt, mit dem „Vater“. In dieser Sicht ist der Vater aber nicht mehr im Jenseits, sondern er bildet das stets unmittelbar (all)gegenwärtige Zentrum des Seins.

Damit wird aus unserer heutigen, postmodernen, wissenschaftlich geprägten Begrifflichkeit klar: Der „Wille des Vaters“ kommt nicht aus dem „Jenseits“, wie es in der traditionell (prä)modernen Begrifflichkeit erscheint, die einer metaphysischen, dichotomischen Weltsicht folgt, sondern „der Wille des Vaters“ ergibt sich ausschließlich aus diesseitiger, horizontaler Kommunikation – in der allerdings innere Einstellungen und geistige Annahmen eine Rolle spielen, aber wiederum als ein nachvollziehbar aus dem Diesseits kommender und messbar in das Diesseits wirkender Faktor. Der in unserem Zusammenhang entscheidende solche Faktor ist die gefühlte (wahrgenommene) Verbindung zur gemeinsamen Quelle. Solange uns die Bewusstheit der gemeinsamen Quelle fehlt, die in der postmodernen Begrifflichkeit nicht als „jenseitig“ sondern als unmittelbar präsent gesehen wird, ist unsere horizontale Kommunikation nicht vollständig. Wir bleiben in Abhängigkeiten und Koabhängigkeiten hängen. Erst durch die Warte der real (nicht bloß imaginiert) in uns präsenten schöpferischen Kraft werden wir frei, die horizontal an uns gerichteten Anforderungen genau in der Weise wahrzunehmen und zu beantworten, wie es deren innerster Wahrheit entspricht.

Durch das bewusste Fühlen der gemeinsamen Quelle erkennen wir uns selbst als in einer Schicksalsgemeinschaft befindlich mit den Partnern unserer Kommunikation. Durch diese innere Einstellung gewinnen wir eine Gesamtsicht – nicht bloß die Sicht unseres Gegenübers, sondern gleichzeitig eine Sicht unseres Gegenübers in seinen Bezugsfeldern, in den Kraftlinien, die ihn bestimmen – und uns selbst darin, denn wir sehen gleichzeitig auch uns selbst als Teil einer größeren Identität, eingebettet in unsere individuellen Zusammenhänge, die allesamt gelenkt werden von einem gemeinsamen Interesse, von einer größeren „Seele“, von der „Weltseele“, vom schöpferischen Geist.

Dieser schöpferische Geist hat von Anfang an die Evolution der Bewusstheit bewirkt und intendiert nun, auch durch uns, die weitere evolutionäre Entwicklung zu fördern hin zu einem bewusst immer tieferen und breiteren Einswerden mit der Kraft, von der alles ausgeht – oder wie es der Apostel Paulus über das letzte Ziel der Auferstehung sagt, hin dazu, „dass Gott alles in allem sei“ (1 Kor 15, 28), in der Sprache der Postmoderne, dass in allem eine Bewusstheit des Ganzen da ist samt der Bewusstheit der Beziehungen seiner Teile.

 

Gleichzeitig gewinnen wir durch die Verbindung mit der gemeinsamen Quelle echte Selbstständigkeit und Individualität, denn wir finden unseren korrekten Platz im Ganzen. Erst dadurch sind wir ebenbürtige Partner in der Kommunikation und nicht mehr Teil der tierischen Hackordnung.

 

 

Der geistige Leib Christi

 

Da Jesus eine Evolution der Bewusstheit in diesem Sinn erreichen wollte, hat er den Geist, aus dem heraus er lebte, weiterempfohlen und damit den „geistigen Leib Christi“ geschaffen, dessen Glieder sich bewusst in den Dienst dieser Evolution stellen.

Gewissermaßen als Nebenprodukt seiner Intention hat der Geist Jesu in diesem Leib Christi überlebt. Und der auf diese Weise „auferstandene“ Jesus wird uns in dem Leib Christi zugänglich.

 

Genau betrachtet ist der „Christus“, also der Geist des „Leibes Christi“, aber nicht nur der persönliche Geist Jesu, es ist der schöpferische Geist selbst, der sich seit je her in allen Kulturen zeigt, weil er sich doch in der menschlichen Natur eine Basis für sein bewusstes zu sich selbst Kommen geschaffen hat. Der „Christus“ ist also eine Erscheinung der immer gegenwärtigen, aber in sehr unterschiedlichem Maß verwirklichten menschliche Potenz, genau dessen, was in der Sprache der Buddhisten die „Buddha-Natur“ des Menschen genannt wird. Postmetaphysisch gesagt, ist es die vollständige Natur des Menschen.

Wir sehen, dass die reale Gemeinschaft des Leibes Christi letzten Endes nicht konfessionell definiert sein kann, sondern nur menschlich.

Der vom schöpferischen Geist geleitete soziale Körper geht daher über jede Religionszugehörigkeit hinaus; selbst sogenannte „Ungläubige“ gehören zu dieser Gemeinschaft, wenn sie auf ihren jeweiligen Ebenen ihrer innersten Wahrheit folgen.

 

 

Die Bedeutung der Kirche(n) für den Leib Christi

 

Das bedeutet natürlich nicht, dass die Kirchen für den Leib Christi keine Rolle spielen, schließlich haben sie als Institution und in ihren eminenten Mitgliedern die Botschaft vom Geist bis heute auftragsgetreu weitergegeben und sie werden dies in Zukunft weiter tun, weil sie sich doch selbst als Agenturen dieses Geists verstehen. Sie sind aber nicht identisch mit dem Leib Christi – nicht nur weil zu dieser Gemeinschaft auch Menschen gehören, die keiner Kirche angehören, sondern auch weil viele Mitglieder der Kirchen weniger an ihrer innersten Wahrheit interessiert sind als daran, in den Augen ihrer Mitmenschen für Gruppenidentität und Brauchtumstreue geschätzt zu werden. Andere wieder sind zwanghaft abhängig von der Autorität der Institution und vom Buchstaben ihrer Regeln – und ähneln damit fatal denjenigen, die vor 2000 Jahren glaubten, Jesus wegen seiner Relativierung des Buchstabens ans Kreuz liefern zu müssen.

Natürlich kann es nur im Authentischen eine Auferstehung als lebendiges Glied im Leib Christi geben. Die Nachlässigen und die Zwanghaften sind nicht imstande, sich dem schöpferischen Geist auszuliefern. Sie bleiben in diesem Leben gefangen in fixen Ideen, abhängig, sie erleben keine Wiedergeburt – so lautstark sie sich auch zu den „Wiedergeborenen“ zählen mögen.

 

 

Die „Wiederkehr Christi“

 

Aus dem oben Gesagten folgt „die Wiederkehr Christi“ als eine Selbstverständlichkeit, doch nicht als das künftige Wiedererscheinen eines Menschen, der früher schon einmal gelebt hat, sondern als die Begegnung mit der vollen Potenz des Menschseins. Auch dass diese Begegnung „am Ende der Zeiten“ erfolgen soll, ist richtig, nur bezieht sich diese Zeitangabe nicht auf eine äußerliche kosmische Katastrophe, sondern darauf, dass ein Mensch im Moment seiner Wiedergeburt, also in dem Moment, in dem „der Christus“ in ihm erscheint, eine radikale Zeitenwende erlebt, ausgelöst durch eine Art Tod – und das kann natürlich auch für die gelten, die erst im körperlichen Tod mit dem vollen Potential ihrer menschlichen Natur konfrontiert werden.

 

 

„Auferstehung“ als ein Weiterleben nach dem physischen Tod

 

In den bisherigen Betrachtungen ist es um Auferstehungen oder Wiedergeburten gegangen, die zu Lebzeiten eines Menschen geschehen. In ihnen besteht das subjektive Bewusstsein des Individuums, wenn auch verwandelt, fort. Doch diese Betrachtung hat uns bereits, als logische Konsequenz, zu einem zweiten Aspekt von Auferstehung oder Wiedergeburt geführt, in dem nicht das subjektive Bewusstsein fortbesteht, sondern eine intersubjektive Intention und in ihr ein Set innerer Einstellungen.

Dieses Set innerer Einstellungen kann auf andere Menschen übergehen und bildet dann den „Geist“ dieser Menschen, möglicherweise einer Vielzahl von Individuen (wie im Fall des geistigen Leibs Christi), die mit der Person, auf die ihr neuer Geist zurückgeht, nichts gemein haben als die menschliche Natur – und diesen „Geist“, also diese besonderen inneren Einstellungen, die sie übernommen haben. Diese inneren Einstellungen enthalten zwar Aspekte des Selbstbewusstseins der Ursprungsperson, sind nun aber Teil des individuellen Selbstbewusstseins einer anderen Person geworden. Sie führen damit ein von der Person, von der sie ausgegangen sind, unabhängiges und daher auch vom Tod dieser Person nicht berührtes eigenes Leben.

 

 

Ein Geist, der auf andere übergeht und damit ein vom Körper unabhängiges Eigenleben gewinnt

 

Dass dieser „Geist“, dieses Set innerer Einstellungen, auf andere übergehen kann, ist möglich, weil dieser Geist einer grundlegenden, von Anfang an vorhandenen, allgemeinmenschlichen Sehnsucht entspricht.

Es ist die Sehnsucht, trotz des verwirrenden Trubels alltäglicher Anforderungen die eigene innerste Wahrheit zu finden, den wunderbaren göttlichen Kern, die schöpferische Kraft. Ein Mensch, der dieser Intention der Bewusstwerdung folgt und seine wahre Natur entdeckt, ist so beglückt, dass er den Weg zu dieser Natur allen zeigen will. Und so pflanzt sich dieser Geist der Hingabe an die Wahrheit fort.

Diese Fortpflanzung wird seit je her in geistigen Traditionen und Schulen gefördert. Deshalb hat auch Jesus eine solche Schule ins Leben gerufen, den geistigen Leib Christi, in dem, wie es in der katholischen Osternnachtliturgie heißt, „zahlreich werden die Wunder seiner Wiedergeburt“.

In einem ähnlichen Sinn meinte Jesus, Johannes der Täufer sei eine Wiedergeburt des Elias – und in einem ähnlichen Sinn ist, wie der Dalai Lama selbst sagt, der Dalai Lama eine Wiedergeburt seines Vorgängers, dem Geist nach, aber nicht dem subjektiven Bewusstsein nach.

 

 

Die erste, für jeden völlig unbezweifelbar reale, Art des Lebens nach dem Tod

 

Die Gemeinschaft der Nachfolger Christi wurde, wie gesagt, durch die Intention des historischen Jesus ins Leben gerufen und durch seinen Tod aktiviert. Sein Tod wirkte als Initialzündung für das neue Leben seiner Nachfolger, weil diese durch sein Beispiel unbedingter Hingabe an den aus seiner Kommunikation stammenden Anspruch bewegt wurden. Deshalb heißt es, dass sein Tod sie erlöst – von ihrer Verhaftung an den verhängnisvollen alten, auf sich selbst beschränkten Geist.

Indem nun aber sein Geist seine Nachfolger belebt, gewinnt er – im Gegensatz zu der verbreiteten Vorstellung, nach der der in der Kirche gegenwärtige Geist Jesu subjektiv identisch sei mit dem Geist des damaligen historischen Jesus – eine von seiner Person unabhängige, eigenständige historische Existenz.

In diesem Geist ist die Lebensintention Jesu nach seinem Tod „auferstanden“ und in dem Geist lebt Jesus heute noch. Die erste und für uns entscheidende Bedeutung der „Auferstehung Jesu“ besteht daher genau darin, dass sein „Geist“ jetzt in vielen lebt.

 

Damit verstehen wir einen wesentlichen Aspekt des Lebens nach dem Tod. Auch in einem postmetaphysischen Weltbild hat diese objektive Realität Platz.

 

 

Auf diese objektive Realität bezieht sich Paulus im ersten Korintherbrief, wenn er sagt, dass das, was aufersteht, nicht der Körper ist, der gestorben ist: „Auferweckt wird ein geistiger Leib“:

15:37: „Und was du säst, hat noch nicht die Gestalt, die entstehen wird; es ist nur ein nacktes Samenkorn, zum Beispiel ein Weizenkorn oder ein anderes.“

15:43: Was gesät wird, ist armselig, was auferweckt wird, herrlich. Was gesät wird, ist schwach, was auferweckt wird, ist stark.

15:44: Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein geistiger Leib.

 

 

Der herrliche, starke, geistige Leib der Auferstehung

 

Im Fall Jesu ist dieser „geistige Leib“, in dem sein Geist immer noch nachweisbar lebt, die Gemeinschaft seiner Nachfolger. Jesus hat es angesprochen, und Paulus beschreibt es genauer:

Zu Lebzeiten Jesu waren seine Wirkmöglichkeiten beschränkt auf seine Person und seine unmittelbare Umgebung. Trotz all des Wunderbaren, das durch ihn geschah, war es daher „armselig“ im Vergleich mit dem, was nach seinem Tod möglich wurde: Nach seinem Tod konnte sich seine Lebensintention vielfach erfüllen. Nun wirkt nicht mehr er allein, denn an seinem neuen Leib sind inzwischen viele Glieder, die alle versuchen, in dem Geist zu leben, in dem er gelebt hat. Die Nachfolger Christi bilden daher den „herrlichen“ „Leib Christi“ (1 Kor 12:27).

In diesem Leib lebt Jesus jetzt. Ob das subjektiv-persönliche Bewusstsein des historischen Jesus das Leben dieses Geists heute wahrnehmen kann oder will, ist natürlich fraglich. Unbezweifelbare Tatsache ist aber, dass „er“ seit jener Zeit millionenfach in den Menschen lebt, die von dem Geist beseelt werden, in dem er gelebt hat. Das Leben Jesu hat damit millionenfache Frucht gebracht. Das ist der „herrliche“ Leib, von dem Paulus spricht, „stark“, nicht mehr „schwach“, weil nicht mehr beschränkt auf die eigenen Möglichkeiten.

 

 

Ein spirituelles Gen?

 

Nach einem Bild, das Jesus gebraucht, hat sein Geist sich wie eine Bakterie ausgebreitet [wie „Sauerteig“, Mt 13,33] über die ganze Menschheit.

Diese „Bakterie“ kann wirken, weil die menschliche Natur anfällig ist dafür. Heute würden wir aber weniger von einer „Infektion“ sprechen als von einer naturgegebenen menschlichen Fähigkeit, eventuell sogar von einem im menschlichen Erbgut vorhandenen Gen, das durch die Anregung eines Beispiels von außen aktiviert werden kann. Unserem Menschsein wird durch den Geist Jesu nicht etwas von außen hinzugefügt, sondern durch die in uns einfließende geistige Information des Beispiels Jesu und seiner Nachfolger wird eine genetisch bereits vorhandene Potenz angeregt, sich zu entwickeln, nämlich die Fähigkeit, sich auf die Perspektive des Schöpfers einzustellen.

Genau darauf bezieht sich der Prophet Jeremia (31,33): „Ich lege mein Gesetz in sie hinein und schreibe es auf ihr Herz“.

Die Aktivierung dieses Gens, also dieses anderen Steuerungsmoduls, wirkt wie eine Neugeburt, wie eine Auferstehung, und es ist tatsächlich der Beginn eines ganz neuen Lebens. Tatsächlich bringt die Aktivierung der neuen Steuerung umfassende Veränderungen mit sich: Der „Wiedergeborene“ wird nicht mehr von der subjektiven Perspektive gelenkt, sondern von der Perspektive einer liebenden evolutionären Kraft; er ist durch seine persönliche Kapitulation vor dieser Kraft in einen Bund mit ihr eingetreten. Er erlebt sich dadurch auch in einem neuen Körper, und sogar die Außenwelt ändert sich für ihn grundlegend. Ein evolutionärer Sprung ist erfolgt auf eine neue Ebene der menschlichen Existenz. Die neue Art zu leben entspricht der vollen Potenz des Menschseins. Sie entspringt der jetzt aktivierten Verbindung des Individuums mit dem Ganzen. Der „Wiedergeborene“ bewegt sich damit in der Dimension des „ewigen Lebens“.

 

Da es sich dabei um eine allgemein-menschliche Möglichkeit handelt, kann das gleiche natürlich von Menschen gesagt werden, die dem Geist Buddhas, Mohammeds, Lao-tses oder anderer Lehrer der Menschheit folgen. Kein Wunder also, dass Jesus sich selbst mit Vorliebe „Menschensohn“ genannt hat.

 

 

Welcher Geist herrscht im „alten“ Menschen?

 

Der alte Mensch war beseelt von dem „animalischen“ Geist des Fressens und gefressen Werdens. Er lebte in stetiger Furcht vor dem Untergang und daher in stetigem zwanghaften Streben nach persönlicher Überlegenheit. Er wusste nichts von der anderen Kraft und von den Möglichkeiten, die sich durch eine Kapitulation vor ihr eröffnen. Er beschränkte sich auf die eigene Kraft – die aber oft nur schwach war.

Um seine persönliche Schwäche zu kompensieren, borgte der animalische Mensch, wie die Bibel es ausdrückt, von der Kraft „fremder Götter“, d.h. von der Kraft der Führer sozialer Gruppen, von der Kraft der Meinungs- und Stimmungsmacher: Faschismus, Mafia, Warlords, Gangs, Peergroup-Druck, Modewellen, Werbung, herrschende Meinung etc..

Der alte Mensch wurde abhängig, weil diese Geister natürlich Dienstbarkeit verlangen. Er war deshalb nicht unbedingt „ein schlechter Mensch“, aber er war irgendwo deformiert, weil ihm diktiert wurde, wie er zu sein und was er zu denken hatte. Weil er von außen dominiert war, anstatt von seiner innersten Wahrheit, konnte er nicht seine ganze menschliche Potenz leben. Er hörte zwar gelegentlich den Ruf des Ganzen, konnte aber nicht darauf eingehen, weil er zu sehr gefangen war in Images, in Ideologien, in „Bildern“, wie die Bibel es sagt. Die Wahrheit seines innersten Wesens blieb darunter verborgen.

Wenn nicht vom innersten Wesen selbst ein Impuls zu seiner Entdeckung ausgeht, kann es weder gesehen noch entwickelt werden. – Das ist der Sinn der theologischen Aussage, dass alles „Gnade“ ist. Postmetaphysisch gesagt, ist es die Sehnsucht der menschlichen Natur, die nicht aufhört, auf eine Verbesserung des Befindens zu drängen. Diese Sehnsucht ruht nicht, bis das innerste Wesen des Menschen zum Tragen kommt – das naturgemäß über den Tellerrand der eigenen Existenz hinaussieht und eine umfassende Perspektive einnimmt.

 

 

Wie äußert sich das innerste Wesen eines zu Lebzeiten auferstandenen Menschen?

 

Ist das Kennzeichen des neuen, geistigen Menschen, dass er eine Super-Moral hat? Im Gegenteil. Der Geistgeleitete folgt gar keiner Moral, er braucht keinen von außen übernommenen geistigen Überbau, er folgt einfach seinem Wesenskern, dem „das Gesetz“ in einer biologischen Form, also genetisch, schon eingeschrieben ist (Jer 31,33). Im innersten Wesen ist ein Mensch, wie Jesus es ausdrückt, „vollkommen wie der himmlische Vater vollkommen ist“. Der Geistgeleitete folgt einfach dem ihm von Natur aus gegebenen Sensorium, etwa so wie der barmherzige Samariter in Jesu Gleichnis seinem natürlichem Mitgefühl gefolgt ist. Die Mitglieder am „Leib Christi“ leben nicht aus einer von außen übernommenen Indoktrination, sie folgen nicht „dem Gesetz“ – obwohl sie dessen Geist erfüllen – sie leben aus ihrem innersten Wesen heraus. Das innerste Wesen befähigt sie, sich selbst und alles andere simultan in dem komplexen Netz von Beziehungen wahrzunehmen, d.h. es befähigt sie zu unmittelbarer Kommunikation. Weil sie zu dieser urmenschlich-paradiesischen Fähigkeit zurück- und hingefunden haben, gehören sie zur Gemeinschaft der Geheilten, der „Heiligen“. – Und das wird möglich, nicht weil etwas hinzukommt, sondern weil etwas weggefallen ist, nämlich das erfahrungsbedingte, subjektive Urteil über gut und schlecht, der Grund für die Vertreibung aus dem Paradies [Gen 2,17].

 

Ein wieder ganz und heil gewordener Mensch tut nicht seinen subjektiv-partikulären Willen, er tut den Willen des Ganzen – den Willen „des Vaters“. Der Wille des Ganzen ist nicht ableitbar aus dem Erfahrungsschatz vergangener Generationen. Er ist daher in keinen Büchern verzeichnet. Er ist immer aktuell. Er resultiert aus der konkreten, einzigartig neuen Lebenssituation jeden Augenblicks. Nur durch ein sich Lösen vom geistigen Substrat der Vergangenheit kann sich der Wille des Ganzen im Jetzt spontan zeigen. Nur in der Kommunikation kann dieser „Wille“ wahrgenommen werden. Die Intention des Ganzen präsentiert darin immer kreative Lösungen gegenwärtiger Fragen – etwa der Art wie Salomo den Streit zwischen den Müttern löste, die beide Anspruch auf ein Kind erhoben – oder der Art wie Gideon mit 300 Mann eine Armee von 30.000 vernichtend schlagen konnte (Ri 6-8). Weil er aus der Kommunikation heraus lebt, wird ein HeiligerHJHeilig nicht von festgeschriebenen Regeln gesteuert. Er kommuniziert aus der Perspektive des liebenden Schöpfers, und wird dadurch genährt vom Fluss des Geschehens, vom Fluss des „ewigen“ Lebens.

 

 

Ewiges Leben

 

Ist damit eine individuelle zeitliche Unendlichkeit in einem metaphysischen Jenseits gemeint, wie das landläufige Verständnis des „Lebens nach dem Tod“ es haben will? Oder ist das ewige Leben nicht längst gegenwärtig? Ist es nicht das allgegenwärtige Leben, in dem wir alle jetzt schon stehen und von dem wir umgeben sind?

 

 

Im Fluss des Geists

 

Warum sagt Jesus in dem Gespräch mit Nikodemus über die Wiedergeburt (Joh 3:8): „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“?

Er will damit doch offenbar sagen, dass Menschen, die „aus dem Geist geboren“ sind, sich nicht einfügen in das, was die Menschen erwarten, sich aber vollkommen einfügen in den völlig unvorhersehbaren Fluss des Geists, der stets aktuelle Antworten gibt auf die sich unterschiedlich schnell verändernden Kräftekonstellationen unseres realen Lebens.

 

Wie können sich die Glieder am Leib Christi einfügen in den vollkommen unvorhersehbaren Fluss der Dinge? Nicht nur gemäß der Geschichte vom Sündenfall, auch nach der Anweisung Jesu dürfen sie vor allem nicht urteilen. Sie müssen einfach nur wahrnehmen, dann werden sie auch ohne kodifizierte Richtlinien geführt. Die Menschen sind so gebaut, dass sie das können.

Sich vorurteilslos einzufügen in den Fluss der Dinge bedeutet natürlich ein Risiko. Das Risiko kann aber übernommen werden im Vertrauen darauf, dass die erhoffte innere Führung wahrgenommen werden kann und dass sie im Sinn dieses Menschen positiv wirkt – was natürlich nicht heißt, dass solche Menschen kritiklos einem Gefühl folgen wie Psychotiker, denn zur Bewusstwerdung gehört auch die Unterscheidung der Geister.

 

Aus diesem Grund brauchen Menschen, die ihre Wahrnehmung noch nicht so weit entwickelt haben, eine Anleitung, wie sie sich entwickeln können.

Diese Anleitung geht natürlich zunächst aus von den Erfahrungen der Vorgänger auf diesem Weg. Sie weist aber von Anfang an darauf hin, dass sich die Anwärter auf die Wiedergeburt lösen müssen von allen Abhängigkeiten, in die sie wegen ihres mangelnden Vertrauens geraten sind. Sie müssen ihrer Angst auf neue Weise begegnen, nämlich nicht wie bisher, indem sie sich in den Bereichen, in denen ihnen Kraft fehlt, an fremde Mächte versklaven – und sei es die Tradition. Sie überwinden ihre Angst jetzt, indem sie sich der schöpferischen Kraft vollkommen anvertrauen – während sie sich gleichzeitig von allen vermeintlich oder wirklich von da her kommenden Gedanken oder Impulsen distanzieren um sie zu prüfen. Aus diesem Prozess entsteht das realisierte und geprüfte Bewusstsein, dass die Schöpferkraft ihnen als Menschen eine positive Rolle im Prozess der Schöpfung zugedacht hat. Indem sie ihr Leben aus dieser Perspektive betrachten, gelingt es ihnen, sich von dem zu lösen, was andere festhält, die gebunden sind an die Bilder, die Images irgendwelcher Moden. Und dadurch können sie sich auch lösen von den eigenen, noch individuell beschränkten Erwartungen. Durch die Perspektive des Schöpfers werden sie fähig, umfassend (mit allen Sinnen und gleichzeitig mit aller Intelligenz) zu fühlen, was das Leben in diesem Augenblick von ihnen will, nämlich die passende Antwort auf das, was gerade da ist, eine Lösung, also eine heilende Wirkung auf einen gegenwärtigen Defekt.

 

Die Reaktionen Jesu zeigen uns, wie vielfältig das Leben aus diesem Geist ist: Jesus lebt kein vorgefertigtes, in einem Buch verzeichnetes Schema, er lebt aus dem Geist. Deshalb wird er von all denen angefeindet, die sich an ein Schema klammern. Er wird „Fresser und Säufer“ genannt, weil er kein Dogma kennt, und weil er immer voll bei dem ist, was gerade geschieht. Weil er aus der Perspektive „des Vaters“ fühlt, kann er die Menschen in ihrem konkreten Sosein erkennen und daher sehr spezifisch auf sie eingehen.

 

 

Nur beschränkt oder ganz hingegeben?

 

Eine Analogie für dieses Fühlens im Geist des Ganzen, und damit auch einen Blick auf den Zugang, finden wir in der Musik – die allerdings im tierischen Geist des Über- oder Unterlegenseins befangen bleiben kann, solange die Öffnung auf den größeren Geist hin noch nicht erfolgt ist.

Die Menschen lieben Musik, weil sie darin in Kontakt kommen mit spontaner Bewegung, mit dem Fluss des Lebens, und darin mit dem Geist des Ganzen. Und der Kontakt mit diesem Geist tut gut.

Auch in anderen Formen von Kunst finden Menschen Kontakt mit Aspekten des Fliessens des ewigen Lebens. Auch im Sport geht es darum. Umso mehr eine Mannschaft zusammen im Fluss ist, umso leichter wird sie siegen. Ein Tennisspieler, der im Fluss ist, wird die Bälle gewissermaßen im Traum fangen – was natürlich nicht garantiert, dass er den Fluss des Lebens auch in anderen Zusammenhängen erfasst.

Solange ein Mensch im Fluss ist, kann er nicht sich selbst verhaftet sein, aber wenn das im Fluss sein nur für die Dauer einer Veranstaltung oder für einen bestimmten Ausschnitt aus der Wirklichkeit intendiert ist, ist noch keine bewusste Wiedergeburt erreicht. In der Wiedergeburt ist der Fokus nicht nur auf ein eingegrenztes Geschehen gerichtet, sondern er liegt permanent auf der gemeinsamen Quelle und aus dieser Perspektive verwandelt sich das ganze Leben.

 

„Trance“ ist ein anderer Name für dieses im Fluss sein.

Schamanen in Trance können heilen. Warum? Weil sie eins werden mit dem Kranken, weil sie sich aus der Bewusstheit der gemeinsamen Quelle vollkommen in ihn einfühlen können, weil sie fähig sind zu umfassender Kommunikation. Auch Jesus hat sich auf diese Weise eingefühlt in die Kranken. In seinem Fühlen der Perspektive des liebenden Vaters konnten sie sich neu erkennen und dadurch heil werden.

 

 

Was heißt „Jesus ist für unsere Sünden gestorben“?

 

  Jesus hat sich schließlich so sehr in die Menschen eingefühlt, dass er gesehen hat, dass es seinen Tod braucht, damit sie hinreichend berührt sind. Und er hat ihnen seinen Tod als Medizin gegeben.

Weil er das gesehen hat, sagt Paulus in 1 Kor 6,1: „Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift“. Um zu uns durchzudringen, musste Jesus diesen Weg gehen. Das hat „der Geist“ (des Ganzen) von ihm verlangt – was natürlich nicht heißt, dass er das auch von uns verlangt, im Gegenteil, das wäre sehr unwahrscheinlich, denn wir haben unsere ganz eigene, individuelle Aufgabe in unserer heutigen Welt.

 

 

Wie kann der Geist des Ganzen das Ende unserer individuellen Existenz verlangen?

 

Der Geist des Ganzen will die Evolution des Ganzen. Dazu kann in ganz besonderen und seltenen Fällen der Tod eines Einzelnen notwendig sein. Für einen Menschen, der aus diesem Geist lebt, ist das aber nicht seine Vernichtung, sondern die Erfüllung seines Daseins. Er wird zu einem Licht, das aufstrahlt durch die Zeit und das in denen, die es sehen, eine Sehnsucht nach dieser anderen Art zu leben weckt. Er wird zu einem Funken, der viele Flammen entzündet, die dieses Licht weiter tragen.

Jesus hat diesen zündenden Geist den „Tröster“ genannt. Er sprach aus eigener Erfahrung. Er hat in diesem Geist, der sein Leben von ihm forderte, den Trost gefunden, den er brauchte, um den Weg gehen zu können.

In dem sich vollkommen Einfügen in die Intention des Ganzen, das im Alten Testament mit dem Bild vom „Knecht Gottes“ ausgedrückt worden ist, wirkt also nicht, wie es scheinen könnte, ein fremder Zwang. Die Unterwerfung, die das Ganze verlangt, bringt uns nicht in Widerspruch zu uns selbst, im Gegenteil, genau in der Übereinstimmung mit ihm liegt die Erfüllung unserer tiefsten Sehnsucht, unserer innersten Wahrheit und unserer Bestimmung.

Das war das Wesentliche, das auch der Prophet Mohammed gesehen hat. Er hat es ausgedrückt in dem Wort „Islam“, Friede durch Hingabe. Auf die darin intendierte Hingabe ist seine Religion begründet.

Ähnlich sagt Jesus: „Wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren, wer es aber hergibt, wird ewiges Leben gewinnen.“ (u.a. Mt 10:39).

 

Diesem Geist der Hingabe können wir nur folgen, wenn wir die Diskrepanz erleben zwischen der Beschränktheit unseres Eigensinns und dem Angebot, das vom Ganzen kommt. Als Beschränkte können wir nicht eingehen ins Unbeschränkte, deshalb ist gesagt worden, das „Ego“ müsse sterben. Das heißt aber nicht, dass wir unser Selbst verlieren, im Gegenteil, erst indem wir dem Geist folgen und im Fluss leben, sind wir ganz in unserem Eigensten angekommen.

Im Gegensatz zu unserer inneren Wahrheit ist das „Ego“ das allein selbstbezogene tierische Ich im Überlebenskampf und in seiner Abhängigkeit von fremden Mächten. Dieses Ich-Bewusstsein, das die Bibel aus dem Sündenfall erklärt, und später mit dem Stiergott Baal identifiziert, hält uns zurück in einer noch unbewussten evolutionären Vorstufe; es hindert uns, umfassend wahrzunehmen. Um umfassend wahrnehmen zu können, müssen wir umsteigen in eine andere Dimension, in eine neue Perspektive des Lebens, in die göttliche Perspektive, die unsere innerste Wahrheit ist. Erst dann kann sich unser gesamtes menschliches Potential verwirklichen und uns zu neuen Menschen machen, zu zu Lebzeiten Auferstandenen.

 

 

Warum wird gesagt, die Auferstehung erfolge in einem neuen Leib?

 

Durch unseren Einstieg ins Unendliche sind wir zu unserem Eigensten durchgedrungen und von da her erneuert sich unser ganzes Sein. Ein Kontrast entsteht zu unserem vorangegangenen Leben – und dieser Kontrast zeigt sich auch in körperlichen Veränderungen.

Als Illustration möchte ich das Beispiel eines meiner Lehrer anführen, des japanischen Shiatsu-Meisters und Shinto-Priesters Akinobu Kishi. Kishi hat mir ein Foto von sich aus der Zeit gezeigt, als er gerade seinen Meistertitel zuerkannt bekommen hatte. (Kishi war einer von nur sehr wenigen, dem dieser Titel von seinem Lehrer Masunaga verliehen wurde, und auf Masunaga geht praktisch alles Shiatsu zurück, das in Europa und in den USA gelehrt wird.) Der Vergleich dieses Fotos von damals mit dem Menschen, den ich kannte, war frappierend. Auf dem Foto sah Kishi ziemlich verunstaltet aus, sein Gesicht wie eingedrückt von etwas, das ihn bedrückte.

 

Er sagte, die Verwandlung kam, nachdem er „Katsugen“ entdeckt hatte, spontane Bewegung. – Natürlich hatten andere diese spontane Bewegung und ihre verwandelnde Wirkung lange vor ihm entdeckt. Es gab davon längst alte Traditionen sowohl in der japanischen Shinto-Religion wie auch im chinesischen Chi Gong. Kishi kannte diese Traditionen aus seiner Ausbildung und trotzdem war es für ihn eine überraschende persönliche Entdeckung, als er von der spontanen Bewegung ergriffen wurde.

Obwohl er mit seinem Meistertitel bereits viel erreichte hatte, auch ein gutes und sicheres Einkommen, war das alles nichts für ihn, weil da noch etwas war, das ihn bedrückte. Wenn er ein wirklicher Meister sein wollte, musste er vor allem das meistern. Unter diesem Druck geriet er eines Tages in einen Zustand der spontanen Bewegung. Er fand sich hineingerissen in wilde Zuckungen seines Körpers und in erschütternde Einsichten in den tiefsten Grund des Daseins von einer Kraft, die für ihn eindeutig nicht die seine war. Erst mit der Zeit wurde ihm klar, dass es doch die seine war, aber die seines ihm bis jetzt unbekannten innersten Wesens.

Was seiner Beschreibung nach geschah, war wie der Ablauf eines natürlichen Selbstreinigungsprogramms des Organismus, der ihn geläutert zurückließ. Als Konsequenz fand er zu einem Fühlen, das vieles von seinen erlernten Shiatsu-Schemata überflüssig machte, weil er nun in eine unvermittelte Kommunikation eintreten konnte mit dem Organismus der Person, die er behandelte. Er konnte daher direkt die Punkte ansprechen, die Aufmerksamkeit brauchten. Und so wurde seine Arbeit nicht nur heilsam für seine Patienten, sondern auch für ihn selbst.

Das Ergebnis war, dass sich auch sein Aussehen veränderte. Alles Bedrückte verschwand aus seinen Zügen. Er war ein neuer Mensch geworden.

Er hatte offenbar spontan genau das gefunden, was Jesus den „Geist“ nennt und den „Tröster“. Nicht dass dadurch Superman aus ihm geworden wäre, aber er hatte von da an unmittelbaren Kontakt zu seiner innersten Wahrheit.

Ähnliches wird von Meistern anderer Traditionen berichtet.

 

 

Wie können wir neue Menschen werden?

 

Um ein wirkliches Glied am „Leib Christi“ zu werden, braucht es daher mehr als ein Bekenntnis zu Jesus. Es braucht den Geist Jesu.

Dieser Geist ist, wie er oft betont hat, „ein Geist der Wahrheit“ (z.B. Joh 14,17; 15,26).

Die Wahrheit des Shiatsu-Meisters war, dass er trotz bescheinigten Erfolgs die Wahrheit nicht gefunden hatte. Er fühlte den Schmerz dieses inneren Widerspruchs. Er ließ sich von diesem Widerspruch erschüttern und zurechtrücken. Er durchlebte, wie er sagte, einen äußerst schmerzhaften Geburtsprozess. Es war eine ähnliche Krise wie die, die den verlorenen Sohn zur Umkehr bewegte – oder wie die Krise, die die Anonymen Alkoholiker zur Kapitulation führt.

In all diesen Fällen wird der enge Kanal der Wiedergeburt erzeugt durch eine Situation auf Leben und Tod, eine Situation des Sterbens. – Diese Situation meint Franz von Assisi mit seinem „stirb, bevor du stirbst“ und die meint auch Johannes vom Kreuz mit seinem Hinweis auf die unzähligen Tode, die ein Mensch im Laufe seiner spirituellen Entwicklung sterben/durchleben muss.

 

Unsere Alltagssicht wirft uns immer wieder zurück in eine Scheinwelt, in der wir dem biblischen Götzen „Baal“ ausgeliefert sind. Diese Sicht wirft uns zurück in die Welt des tierischen Erfolgs, der tierischen Rangordnungen, des Fressens und gefressen Werdens – der Angst und der Gier.

Die Freiheit liegt in dem anderen Geist. Dieser andere Geist erscheint seltsamerweise gerade dann, wenn wir unser Unvermögen zugeben, wenn wir kapitulieren. Da öffnen wir uns der Macht, aus der unser Leben fließt. Und dann fällt es uns wie Schuppen von den Augen, dass alle unsere Ängste völlig unnötig sind, dass wir geborgen sind, weil inmitten des Nichts, in das wir zu stürzen fürchteten, in uns etwas da ist, das uns den Weg zeigt. Als spontane Bewegung, wird es in fernöstlichen Kulturen erfahren. Aber auch in unserer Kultur taucht diese völlig selbstevidente spontane Bewegung auf, wenn wir dem folgen, was wir als Wahrheit empfinden – das mag zunächst eine Illusion sein, die sich aber dadurch klärt, dass wir ihr folgen und die Reaktionen bekommen, die auf Illusionen folgen. Auf diesem Weg werden wir uns der Wahrheit immer zentraler annähern, bis wir das erleben, was Jesus den „Geist“ genannt hat.

 

 

Eine einzige Wiedergeburt reicht nicht

 

Natürlich ist es mit einem einzigen Wiedergeburtserlebnis nicht getan. Die Macht unserer alten Weltanschauung ist zu groß, und wir werden wieder herausfallen aus dem neuen Leben, zurück in unsere beschränkte Perspektive.

Es ist auch nicht damit getan, dass wir den Prozess der Wiedergeburt zehn oder hundertmal durchschreiten, es geht darum, dass wir immer von neuem kapitulieren vor der Kraft, aus der alles hervorgegangen ist, dass wir in einer ständigen Haltung der Kapitulation leben – und mit Routine ist das nicht zu machen. Es braucht Ehrlichkeit. Inmitten blühenden Lebens tauchen immer wieder kleine oder größere Situationen auf, die uns ratlos machen, wo wir mit unserer Weisheit am Ende sind. Wenn wir ehrlich sind, geben wir unsere Ratlosigkeit zu. Wir fühlen den Tod, den dieses unser Unvermögen bedeutet, und wir übergeben unser Schicksal in die Hand unseres Schöpfers – und von dort kommt die Wende, immer wieder an diesem Punkt. Und wir erleben erneut eine Wiedergeburt.

 

 

Aber, so beeindruckend diese fortschreitenden Transformationen und das aus ihnen immer wieder resultierende neue Leben auch sein mögen, es bleibt die Realität des Todes und damit die Frage, ob unser subjektives Bewusstsein unseren körperlichen Tod überleben kann?

 

 

Das zweite, das persönliche Leben nach dem Tod

 

Was der Schöpfergeist subjektiv bewirken kann, wenn ein zu Lebzeiten auferstandener Mensch dann stirbt, das hat „kein Auge gesehen und kein Ohr gehört und es ist keinem Menschen in den Sinn gekommen: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“. So sagt es der Apostel Paulus (1 Kor 2,9).

Er redet von einer neuen Auferstehung nach dem Tod, nicht nur in der Weise wie Jesus im Leib Christi auferstanden ist, sondern auch persönlich.

 

Aber niemand weiß, wie dieses Eintauchen und Auferstehen geschieht. Ob es (nur) eine besondere Erfahrung im letzten Augenblick des Lebens ist, in dem das Jetzt zur Ewigkeit wird? Die „Schau Gottes“, von der die Theologen sprechen, wird wohl ein unvergleichliches, allumfassendes Bewusstsein sein, das uns aufgeht wie ein Blitz, ehe wir uns ihm ergeben.

Wenn wir bedenken, dass die Freude irdischer Spitzenerlebnisse in tiefsten Daseinseinsichten besteht, dann sollten wir uns nicht wundern, dass der Eintritt eines persönlichen Bewusstseins in das allumfassende Bewusstsein „ewige Seligkeit“ genannt worden ist.

Doch vor dieser Schau muss es ein Gericht geben. Auf unserem Weg oder spätestens im Erleben unseres Sterbens müssen wir unser Leben anschauen und dann gewissermaßen auch rückwirkend alle unsere Kräfte ausrichten auf das Ganze, denn natürlich kann das Beschränkte nicht beschränkt bleiben, wenn es als Bewusstsein wieder eintaucht ins Unendliche, wenn es stirbt und wieder aufersteht in dem großen Einen, von dem es ausgegangen ist. Doch wir wissen nichts darüber hinaus, etwa ob etwas von unserem individuellen Bewusstsein in der Dimension der Zeit verbleibt und ob es die Möglichkeit gibt noch einmal hineinzugehen in die Ebene des Raumes und ein neues Leben zu leben, wie Hindus und Buddhisten meinen.

Und es braucht dieses Wissen auch gar nicht. Es braucht keine Hoffnung auf einen jenseitigen Lohn. Das zeigen uns die „Samurai“ aller Kulturen. Das Leben aus dem Geist des Schöpfers hat schon in diesem Leben den Lohn in sich, weil es unvergleichlich ist, weil es jedem noch so reichen anderen Leben an Fülle überlegen ist.

Doch wer dieses überragende Leben in diesem Leben nicht sucht, der wird es nach seinem Tod wohl eher auch nicht finden – es sei denn der Tod selbst bewirkt die Umkehr, so wie er den verlorenen Sohn umkehren hat lassen.