Das Gesetz und die Freiheit

Abraham, Jesus, Sensitivität und unsere Gotteskindschaft

8. 11. 2002

 

 

Was Abraham entdeckt hat, war die Lüge der Religion.

Zu seiner Zeit war es die Religion der Antike, die ursprünglich auch einmal aus einer gewissen Sensitivität entstanden ist, die zu dieser Zeit aber zu einem unsensiblen starren Regelsystem verkommen war, das nur noch Aberglaube war. Abraham erkannte das und er entdeckte die unmittelbare Wahrnehmung dessen, was richtig ist, erneut. Er entdeckte dadurch in sich eine unmittelbare Führung und diese Führung bestand nicht in einer "Stimme" wie bei den Schizophrenen [so missverstehen ja viele Psychologen und Psychiater die Phänomene, die die Bibel auch in Zusammenhang mit Abraham beschreibt], sie entstand einfach aus seiner Aufmerksamkeit, aus seiner Sensitivität. Er spürte sich und er spürte die anderen, er fühlte, wie es ihm selbst ging in Bezug auf alle seine Belange und er fühlte, wie es den anderen ging mit ihm und mit allen ihren Belangen. Die innere Führung, der er folgte, war also keine mysteriöse Führung "von oben", es war einfach unmittelbare Wahrnehmung.

Von dieser unmittelbaren Wahrnehmung hat er seinen Leuten erzählt. In ihr kommunizierte er mit seinem einen Gott, der lebendigen Kraft, die er als in allem und allen wirkend wahr nahm. Und es war daher sonnenklar für ihn, dass aus dieser Kraft, die alles belebt und treibt, die ganze Welt entstanden war.

 

In späteren Generationen jedoch wurde aus dieser Wahrnehmung ein Gesetz, weil die Menschen eine Anleitung wollten und ihnen auffiel, dass sich sensitive Menschen auf eine bestimmte Art und Weise verhalten, dass sie nämlich nicht töten, nicht ehebrechen etc. und diese Beobachtungen haben sie aufgeschrieben, doch damit begann bereits der Verfall der "Religion", denn mit diesen Anleitungen begann die Gefahr, sich von diesen statt von der wahrgenommenen Realität leiten zu lassen, die Lehre nicht mehr als Anregung zu betrachten, als Hilfe im eignen Forschen, sondern als blinde Regel; die Rückbeziehung auf das Wahre wurde so nach und nach zum Zwang und dieser Zwang wurde dann für das Wahre gehalten. So entstand das Zeitalter des Gesetzes.

Zunächst war es zudem auch noch so, dass die religiösen Führer erkannten, dass die unbewussten Massen nur durch Zwang einigermaßen im Zaum gehalten werden konnten [wie Tierrudel ja auch durch die überlegene Kraft ihrer Rudelführer in eine funktionierende Struktur gezwungen werden – letzten Endes zum Wohle aller], das war also auch noch im Sinn der ursprünglichen Erfahrung; dann aber haben die religiösen Führer selbst vergessen, worum es ging und dann haben sie auch selbst das Gesetz für „die ganze Wahrheit“ gehalten. Und damit war die Zeit des Verfalls der Religion gekommen, denn das Gesetz ersetzte nun die Sensitivität.

 

Jesus hat die Sensitivität wiederentdeckt. Dadurch dass er sie fühlte, konnte er die Menschen heilen. Genau dadurch, dass er fühlte, war er frei vom Gesetz und wiedergeboren. Er hatte diese ganz andere Art des Lebens wiederentdeckt, die des unmittelbaren Fühlens dessen, was ist. Daher brauchte ihm niemand sagen, wie er sich zu verhalten hatte, er verhielt sich ohnehin mitfühlend. Er brauchte kein

Gesetz, das ihm das sagte. Er entsprach der Essenz des Gesetzes präzise. Seine Sinne führten ihn – die Sinne, die die schöpferische Kraft ihm gegeben hatte, "der Vater". Was die Priester sagten, war für ihn daher nicht nur kalter Kaffee, es war ein abscheulicher Zwang, der nicht geeignet war, das zu erreichen, was vom ursprünglichen Gesetz, also von der ersten Kodifizierung, den ersten Niederschriften über das Verhalten von Leuten, die ihrer Sensitivität folgten, beabsichtigt war. Deshalb trat er gegen die zwanghaften Gesetzeshüter auf. Deshalb verspottete er sie gelegentlich sogar – obwohl er das Gesetz selbst als die kondensierte Erfahrung der Vorfahren schätzte – weil sie so vollkommen uneinfühlsam waren und doch glaubten, alleine recht zu haben, alleine die Wahrheit zu verkörpern, von der sie doch so meilenweit entfernt waren, da sie ohne zu fühlen die Menschen dem Gesetz unterwerfen wollten und nicht sehen konnten, dass es nur als eine Hilfe gedacht war und nicht als Zwang.

Auch wir, wenn wir Jesus nachfolgen wollen, wenn wir "wiedergeboren" werden wollen, brauchen das Gesetz nicht ablehnen, wir müssen nur, wie er, wissen, dass es eine Phänomenologie ist und nicht "die Wahrheit". Wir können es achten, aber wir müssen wissen, dass es nur gedacht ist für unsere „Hartherzigkeit“, für unsere Holzköpfe, weil und so weit auch wir selbst nicht fühlen und uns daher gesagt werden muss, was richtig ist. Diejenigen aber, die selbst fühlen, fühlen es und niemand braucht es ihnen zu sagen.

Menschen, die fühlen, nehmen mit allen Sinnen wahr, mit allen ihren menschlichen Fähigkeiten, einschließlich des Verstandes. Sie hören den Menschen zu, mit denen sie es zu tun haben, sie sehen sie an, versetzen sich in sie hinein – und sie achten auch auf die Erfahrungen ihrer Vorfahren, beziehen sie in ihr Fühlen ein.

Es ist von da her ganz klar, dass Menschen, die aus ihrem Fühlen heraus leben, ein ganz anderes Leben führen als die, die einem Gesetz folgen, ganz klar, dass sie viel lebendiger sind, viel unmittelbarer. Das ist der Grund, warum gesagt worden ist – und sie haben es von sich selbst gesagt – dass sie gewissermaßen "wiedergeboren" worden sind, dass für sie ein ganz neues Leben angefangen hat, dass sie jetzt ein völlig unmittelbares und reales Leben führen, im Vergleich zu dem alles Vorhergehende, nur unechter Schein war.

 

Und damit sind sie echte „Kinder Gottes“ geworden. Und zwar genau in dem Sinn, in dem Jesus „Sohn Gottes“ genannt wird. Von da an folgen auch sie dem Vater. „Der Vater“, der Schöpfer, der Erhalter, der Evolutor, der Bewusstmacher, ist ja der Fühlende schlechthin. Als seine Kinder fühlen sie auch und auch sonst werden sie dem Vater gleichförmig. Das bedeutet „Kind Gottes“ sein, also das, was der Evangelist Johannes meint, wenn er sagt, „er gab ihnen die Macht, Kinder Gottes zu werden“ und das, was Jesus meint, wenn er sagt „wenn eure Gerechtigkeit nicht größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer …“ und „seid vollkommen wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“. Bei einem fühlenden Menschen sind diese Bedingungen erfüllt, durch ein Gesetz können sie niemals erfüllt werden.

 

So ist die Gottessohnschaft Jesu zu verstehen. Der hellenistisch inspirierte Mythos vom universell einzigen Sohn Gottes war gut für den jetzt zu Ende gehenden hellenistischen Äon. Er drückte das für die Menschen dieser Kultur richtig aus. [Es ist wichtig, zu sehen, dass alle Dogmen einer Religion ihren richtigen Sinn haben, dass das aber nicht ein Sinn ist, der für ewige Zeiten gilt, sondern für eine bestimmte Kulturstufe, in einer weiteren muss der Sinn neu ausgedrückt werden, damit er wieder verstanden werden kann.] Heute muss der Mythos, den die Muslime und die Juden schon seit je her ablehnen, daher zurückgeführt werden auf die Realität von der universellen Einzigartigkeit eines jeden Kindes Gottes, weil unsere Kulturstufe diese anderen Religionen mit einbeziehen muss.

Der Mythos macht eine wahre Nachfolge ohnehin unmöglich, weil dann ja der wesentliche Teil der Gotteskindschaft, nämlich die göttliche Natur fehlt. Wenn die Christen daher ihre Vergötzung des Menschen Jesus auf diese Weise loslassen und zurückführen auf die dahinter liegende Realität, können auch die Muslime und die Juden sich wieder auf das Wesentliche besinnen und ihre Vergötzungen loslassen.

 

Alle können zurückkehren zum Fühlen. Keiner braucht das zu fürchten. „Fühlen“ bedeutet ja Fühlen, also Mitgefühl mit sich und mit den anderen. Was sollte da verkehrt sein? Es ist der Idealfall und entspricht dem Gesetz voll. „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“, heißt es ja schon bei den Propheten (Hos 6,6 und Amos 5,21).

Es ist außerdem klar, dass ein mitfühlender Mensch lösungsorientiert ist und dass bei seinen Lösungen alle profitieren.